"Köln" und die Folgen : Toxischer Feminismus

Sexualisierte Gewalt von Migranten: Wie sich nach „Köln“ feministische Ziele mit Rassismus verbanden, analysieren die Geschlechterforscherinnen Sabine Hark und Paula Villa in einem neuen Essay.

Proteste nach den Übergriffen vor dem Kölner Hauptbahnhof.
Demo in Köln. Proteste nach den Übergriffen vor dem Hauptbahnhof. Der daraufhin erblühende Feminismus verbannte die sexualisierte...Foto: Oliver Berg/picture alliance/dpa

„Frauen klagen an“, titelte der „Focus“ zu den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015 und fragte: „Nach den Sex-Attacken von Migranten: Sind wir noch tolerant oder schon blind?“ Das Titelbild zeigte eine nackte weiße, blonde Frau, auf ihrem Körper schwarze Handabdrücke. Ähnlich sah das Titelbild der „SZ“ aus: Eine stilisierte schwarze Hand greift zwischen zwei weiße Frauenbeine. Der Text dazu lautete: „Viele Muslime können nicht entspannt dem anderen Geschlecht begegnen. Das sind jedesmal hochsexualisierte Situationen. Auch das ist der Boden für den Exzess von Köln.“

Die Kölner Silvesternacht markierte das Ende der deutschen „Willkommenskultur“. „,Nach Köln‘ ist wie ein Eintrag in den Kalender, der die Zeit danach – und womöglich auch davor – neu rahmt“, schreiben die beiden Soziologinnen und Genderforscherinnen Sabine Hark und Paula-Irene Villa in ihrem Essay „Unterscheiden und herrschen“.

Große Gruppen von arabischen Männern nutzen eine Silvesternacht in Deutschland, um Passantinnen „anzutanzen“, zu beklauen, zu begrapschen und zu vergewaltigen: Unter diesen Umständen stellt Harks und Villas Essay auf den ersten Blick eine Zumutung dar. Denn im Mittelpunkt steht bei ihnen nicht die Kritik an den brutalen Tätern auf der Domplatte und die Suche nach ihren Motiven, die auch in die speziellen sexistischen Kulturen ihrer Heimatländer führen könnte. Vielmehr hinterfragen sie die „affektiven Reflexe“ der empörten Gesellschaft.

Kurzschlüsse in den Diskussionen über "die Muslime"

Allerdings zeigen Hark und Villa überzeugend, wie es in den Diskussionen über „die Muslime“ und „den arabischen Mann“ zu Kurzschlüssen kommt, zu Verallgemeinerungen, mittels derer Herkunft, Religion, Gewalt, Geschlecht und feministische Anliegen zu einer einfachen Erklärung verbunden werden. Eigenschaften werden zugeschrieben und totalisiert. Sie werden zu „sozialen Verdikten“. So sei „Köln“ zu einem „Knotenpunkt“ geworden, der die Bedeutung der Ereignisse fixiere, das Soziale stilllege und „unser Handeln, Meinen, Denken und Fühlen“ organisiere. Wer heute „Köln“ sagt, muss nicht mehr viel hinzufügen.

Im dabei behaupteten „Wir-sie-Gegensatz“ spielt Sexualität eine hervorgehobene Rolle, wie in Diskursen über „Rasse“ schon immer, schreiben Hark und Villa. Der „andere“ ist demnach nicht in der Lage, sein sexuelles Begehren zu zügeln. Damit bildet er den Gegenpol zum aufgeklärten und zivilisierten europäischen Subjekt. Entsprechend entwerfen die öffentlichen Diskurse über „Köln“ in Medien und sozialen Netzwerken „den gefährlichen, zu Triebkontrolle unfähigen arabischen beziehungsweise muslimischen männlichen Flüchtling“, einen wilden Barbar, der in einen „Ort der vollendeten Emanzipation“ eindringt und die zu beschützenden einheimischen weißen Frauen angreift.

Auch Alice Schwarzer tut sich mit Verallgemeinerungen hervor

Sexismus wird in diesem Narrativ nicht als gesellschaftliche Struktur gesehen, die zwar in kulturell spezifischer Weise auftritt, aber als Form „männlicher Herrschaft“ (Pierre Bourdieu) weltweit existiert, stellen Hark und Villa fest. Stattdessen wird Sexismus zu einer „vermeintlich natürlichen Eigenschaft von Muslimen beziehungsweise Arabern“ erklärt. Und berücksichtigen Journalisten kulturelle Faktoren, interpretieren sie die Ereignisse kurzerhand verallgemeinernd als Effekt „islamischer Sozialisation“ (Harald Martenstein) – obwohl dies auch ohne die jüngste Sexismusdebatte rund um den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein sehr offenkundig unhaltbar ist. Das könnte niemand so gut wissen wie Alice Schwarzer. Doch auch sie tut sich nach „Köln“ immer wieder durch Verallgemeinerungen über „die Muslime“ hervor, kritisieren Hark und Villa: „Kaum ein Text, in dem sie nicht unterstellt, dass Migrant*innen erst lernen müssten, ,Demokratie und Gleichberechtigung‘ zu respektieren.“ Schwarzer pflege einen rassistischen „Femonationalismus“.

Welche Besonderheiten innerhalb des weltweiten Sexismus sexistische Praktiken in islamisch geprägten Zusammenhängen aufweisen, habe angesichts der herrschenden Stimmung kaum thematisiert werden können, ohne Gefahr zu laufen, rassistisch vereinnahmt zu werden, stellen Hark und Villa fest.

Ein Dilemma für den Feminismus

Für den Feminismus, der sexualisierte Gewalt anprangern will, „gleich wer sie verübt und wem sie widerfährt“, ist das ein Dilemma. Sie zitieren die rechtskatholische Publizistin Birgit Kelle, die schon vier Tage nach den Übergriffen in Köln hämisch fragte, wo denn der „Aufschrei“ der Feministinnen bleibe – und selbst die Antwort gab: „Der Grund ist einfach: Es waren wohl die falschen Täter“, nämlich Migranten.

Haben Feministinnen und Feministen bei „Köln“ nur die Wahl zwischen Rassismus oder Relativismus? Hark und Villa beharren auf wissenschaftlichen (und journalistischen) Tugenden. Den affektiven Reflexen sei skeptisch zu begegnen: „Im Zweifel für den Zweifel“, schreiben sie. Wenn es um Sexismus gehe, müsse genau analysiert werden, wie sich die Konstanten männlicher Herrschaft jeweils mit kulturellen, religiösen und sozialen Strukturen und Dynamiken verbinden. Es müsse möglich sein, über Besonderheiten und Zusammenhänge so zu sprechen, „dass Differenzen benannt und ernst genommen, aber nicht verabsolutiert werden“. Unterschiede dürften nicht zu Herrschaftsinstrumenten werden. Und sie zitieren Adorno, dem zufolge das „wahre Unrecht eigentlich immer genau an der Stelle sitzt, an der man sich selber blind ins Recht und das andere ins Unrecht setzt“.

Deutschland entdeckt sich als feministische Nation

Hingegen dient „Köln“ in Deutschland vielen zur Selbstaffirmation. Selbstgefällig wird es als Mutterland der Aufklärung inszeniert, deren Licht die muslimische Welt wohl nie erleuchten wird. Auch entdeckt Deutschland sich quasi über Nacht als feministische Nation. Sexualisierte Gewalt ist nun, da Migranten sie ausgeübt haben, ein Skandal, wie nicht nur die zügige Änderung des Sexualstrafrechts zeigt, die Feministinnen jahrelang vergeblich gefordert hatten. Den nach „Köln“ erblühenden Feminismus, der die sexualisierte Gewalt „auf die Seite der Fremden, der anderen, der Nicht-zu-uns-Gehörenden“ verbannt, nennen Hark und Villa einen „toxischen Feminismus“.

Die Cover der „SZ“ und des „Focus“ bringen die Stoßrichtung der öffentlichen Debatte ins Bild: Der weiße Frauenkörper soll „verkörpern“, erklären Hark und Villa: die Nation, die Natur, die Tugend, die Reinheit, die Fruchtbarkeit, die Schwäche, die Verführung. So wird er zum Symbol für das von wilden fremden Männerscharen bedrängte Europa. Dass Frauen tatsächlich nicht blond, weiß und schlank im Singular auftreten, sondern in Vielfalt, dass auf der Domplatte auch muslimische Frauen mit Migrationshintergrund Opfer geworden sein können und dass es sich bei den zugewanderten „anderen“ keineswegs nur um Männer handelt, wird unsichtbar gemacht.

Die Nacktheit der Frau auf dem „Focus“-Cover unterstreicht ihre Verletzlichkeit gegenüber den Angreifern. Nacktheit steht dabei aber auch für die Freiheit des Westens. Tatsächlich gehört das Recht, sich des eigenen Körpers zu ermächtigen, das Recht auf sexuelle Freiheit, das Recht, über die eigene Sichtbarkeit zu entscheiden, zur Moderne, schreiben Hark und Villa. Dafür hätten Emanzipationsbewegungen gestritten, nicht zuletzt der Feminismus. Doch der Zugewinn an Freiheit sei erkauft worden durch eine „mindestens problematische Sexualisierung“ von Frauen: Für Frauen gelte nun „ein moderner Sexualisierungszwang“.

Runter mit dem Burkini: Nacktheit als Pflicht

Dieser trete auf als Zwang zur sexuellen Verfügbarkeit, als Orgasmuszwang, als „Reduktion von Frauen zu Objekten der Lust von Männern, als andauernde Dethematisierung des Zusammenhangs von Macht, Sexualität und Gewalt“. Erst durch „(Hetero-)Sexualisierung“ würden weibliche Körper zu „richtigen weiblichen Körpern“, wie sich zum Beispiel unschwer an der öffentlichen Inszenierung von Leistungssportlerinnen nachvollziehen lasse. Man denkt dabei etwa an die Vorschriften des Volleyball-Weltverbands, die Frauen im Beachvolleyball bis 2012 nur knappe Bikinihosen erlaubten. „Im Namen der Freiheit. Zieh dich aus!“, lautet die Devise, wie Hark und Villa erklären.

Nacktheit am Strand kann zur weiblichen Pflicht werden – das zeigt auch das berühmte Foto vom August 2016: Offenbar zwingen französische Polizisten eine Frau, ihren Burkini abzulegen, „sich für alle hinreichend nackig zu machen“. Die Sexualisierung von Frauenkörpern im Westen durch das Gebot der Nacktheit steht die Sexualisierung von Frauenkörpern durch das Gebot der Verhüllung gegenüber, das sich in verschiedenen Kulturen und Religionen durch Bekleidungsvorschriften äußert, auch im Islam, wie Hark und Villa schreiben.

Der "SZ"-Chefredakteur entschuldigte sich

„SZ“-Chefredakteur Wolfgang Krach entschuldigte sich nach Leserprotesten für die Illustration nach der Silvesternacht: „Sie bedient stereotype Bilder vom ,schwarzen Mann‘, der einen ,weißen Frauenkörper‘ bedrängt“, schrieb er, „und kann so verstanden werden, als würden Frauen zum Körper verdinglicht und als habe sexuelle Gewalt mit Hautfarbe zu tun.“ Zum Emblem eben dafür wurde „Köln“ trotzdem.

Sabine Hark und Paula-Irene Villa: „Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart“. Transcript Verlag, 176 Seiten, 19,99 Euro. – Am morgigen Mittwoch diskutieren Paula-Irene Villa und Sabine Hark mit Maisha Auma (Humboldt-Universität) um 19 Uhr öffentlich in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin in der Schumannstraße 8. Die Veranstaltung wird auch im Livestream übertragen.

Eine Antwort von Sabine Hark und Paula-Irene Villa auf die Attacken gegen die Geschlechterforschung lesen Sie hier.

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