Kritik am Berliner Konfuzius-Institut : Falsches Feindbild China

Als selbstbewusster Akteur scheint China für den Westen schwer akzeptabel zu sein. Gastkommentar der ehemaligen Leiterin des Berliner Konfuzius-Instituts.

Mechthild Leutner
Ein "Chinesischer Drache", der einen Hongkonger Demonstranten zu verschlingen droht, als Teil eines Motivwagens für den Rosenmontagsumzug in Mainz.
Das häufig negativ besetzte Bild des "chinesischen Drachens" wird auch bei einem Motivwagen für den Rosenmontagsumzug 2020 in...Foto: Boris Roessler/dpa

Die Konfuzius-Institute an deutschen Universitäten sind in die Kritik geraten. „Hinter scheinbar harmlosen Teezeremonien und Sprachkursen versteckt sich die eiskalte Propaganda eines autoritären Regimes“, behauptete der FDP-Abgeordnete Jens Brandenburg Ende November. Das wurde von Medien aufgegriffen und reiht sich ein in eine öffentliche Debatte, die erneut das alte Klischee von der chinesischen Gefahr bedient.

Es ist die Rede von „Weltmacht China. Eine Bedrohung“ („SZ“) oder von „China lässt die Welt längst erzittern“ – ein Rückgriff auf einen Buchtitel von 1974. Das „Handelsblatt“ titelt „Chinas Marsch nach Westen“: „Wie gefährlich die ,Neue Seidenstraße‘ wirklich ist“ und zeigt in Anlehnung an eine Karikatur von 1892 zu Cecil Rhodes, der auf dem afrikanischen Kontinent seine Strippen zieht, einen lächelnden chinesischen Staatspräsidenten, der auf der nördlichen Weltkugel sein Lasso nach Europa auswirft.

Die hier assoziierten Bedrohungsszenarien gehen auf negative Chinabilder des 19. Jahrhunderts zurück, die die positive Wahrnehmung Chinas in Europa im Zuge der Jesuitenmission im 17. und 18. Jahrhundert ablösten. Hatten die Jesuiten noch ein wohlgeordnetes Land mit einer gebildeten Beamten-Gelehrtenschicht gezeichnet, so änderte sich mit dem Sieg der Französischen Revolution 1789 und ihren Ideen von Gleichheit und Fortschritt die Wahrnehmung.

Unfähig zur Modernisierung?

China wurde zum Land des Stillstands, rückständig und „halbzivilisiert“. Den Großmächten ging es um die Sicherung der Einfuhr kostbarer Porzellane und Seidenstoffe und des belebenden Tees. Im Gegenzug wurde das in Indien produzierte Opium illegal nach China geschmuggelt. Dass das Opium die Wirtschaft schädigte, dass zwei Opiumkriege 1840/42 und 1856/60 gegen China geführt wurden und dass damit eine Plünderung des Landes begann, die im Boxerkrieg 1900/01 und in der japanischen Aggression im Zweiten Weltkrieg traurige Höhepunkte erreichten, steht inzwischen sogar in manchen deutschen Schulbüchern.

Die Herabsetzung Chinas als unfähig zur Modernisierung (Max Weber) diente zur Legitimation der Expansion der Mächte. Gleichzeitig speiste sich aus den Ängsten, die die große Bevölkerungszahl und das damit assoziierte Potenzial des Volkes hervorriefen, die Annahme von einer drohenden „gelben Gefahr“.

Der negativen Wahrnehmung stand die Überzeugung des Westens von der Überlegenheit des eigenen Modernisierungs- und Ordnungsmodells gegenüber. Alternative Vorstellungen blieben marginal. So beherrschten rassistische Töne während der NS-Zeit, aber auch in den 1950er und 1960er Jahren das Chinabild, als Buchtitel wie „Die Gelbe Gefahr hat rote Hände“ Leser ansprachen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schürten in den 1990er Jahren Politologen wie Samuel Huntington mit der These vom „Kampf der Kulturen“ Ängste. Die wirtschaftlichen Erfolge Chinas und die Stärkung politischer Macht führten dazu, solche Bedrohungsszenarien weiter auszumalen. Der im kulturellen Kontext Chinas positiv konnotierte Drache wurde in populären Ausschmückungen der Huntington-These erneut umgedeutet: Ein die Weltkugel spaltender Drache illustrierte 2004 einen „Spiegel“-Titel.

Differenzierte Analysen sind selten

Schon vorher publizierte Bill Gertz von der Moon-Bewegung „The China Threat“ – wie überhaupt Vertreter des evangelikalen Spektrums China als „Reich des Bösen“ in einer Weise apostrophierten, dass der China-Korrespondent Georg Blume bereits 2008 diesem entgegentrat. Adrian Zenz, den die „FAZ“ einer „randseitigen evangelikalen Bildungsstätte“ zuordnet, ist heute in der Debatte präsent. Differenzierte Analysen sind selten, ChinawissenschaftlerInnen gelten tendenziell als zu sinophil. Schon in den 1920er Jahren wurde Richard Wilhelm als „zu chinesiert“ abqualifiziert.

[Lesen Sie zum Thema auch unseren Artikel "Umstrittene Finanzierung einer China-Professur: Wie sich die FU an chinesische Gesetze bindet"]

China wird zunehmend als „strategischer Rivale“ (EU-Strategiepapier 2019) einer Systemauseinandersetzung, als „grundlegende und langfristige Bedrohung“ (Kiron Skinner, US-Außenministerium) dargestellt, als negativer Gegenpol eines demokratisch-liberalen westlichen Ordnungsmodells, wie es als Selbstbild existiert und in der Realität längst brüchig geworden ist.

Ein Porträtbild von Mechthild Leutner.
Mechthild Leutner ist Sinologin und Historikerin und war Professorin am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin sowie...Foto: Bernd Wannenmacher

China wird gezeichnet als Land mit einer allmächtigen Kommunistischen Partei, die es hierzulande schaffe, naive Wirtschafts-, Politik- und Wissenschaftsvertreter so zu manipulieren, dass diese etwa an deutschen Universitäten in Konfuzius-Instituten „eine Art Ideen-Wäsche“ zuließen. Welch ein Bild wird hier von deutschen Unternehmern, Politikern und Wissenschaftlern gezeichnet!

Welche Interessen stehen heute hinter dem Bild von einer drohenden „chinesischen Gefahr“? Geht es vorrangig um den globalen Führungsanspruch der USA, die auch ihre Verbündeten in die von ihnen apostrophierte Systemauseinandersetzung hineinziehen wollen? US-Thinktanks entwickelten schon in den 1990er Jahren eine außenpolitische Strategie, die die Menschenrechte zum Kriterium erklärte.

[ Die Autorin, Mechthild Leutner, war von 1991 bis 2014 an der Freien Universität Berlin Professorin für Staat und Gesellschaft des modernen China. Von 2006 bis 2019 leitete sie als Direktorin das Konfuzius-Institut an der Freien Universität.]

Auch deutsche Politiker vertreten eine wertegeleitete Außenpolitik. Da allerdings diese Kriterien nicht in gleicher Weise auf alle Länder angewandt werden, kann sich der Verdacht aufdrängen, dass die wertegeleitete Außenpolitik sich im Besonderen auf China bezieht und zur „Eindämmung“ Chinas instrumentalisiert wird. Ist es angesichts der globalen Probleme jedoch sinnvoll, alte Feindbilder als Mittel der Politik wiederzubeleben?

Dass China sich als selbstbewusster Akteur im internationalen System etabliert hat – das scheint für die USA und ihre Verbündeten schwer akzeptabel zu sein. So sind es einerseits die Interessen des Machterhalts und der Sicherung der bisherigen Vorrangstellung, die in den gängigen Chinabildern ihren Ausdruck finden.

Andererseits scheint es in diesen Zeiten immenser ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen, die mit existenziellen Ängsten für viele Menschen verbunden sind, relativ leicht möglich zu sein, an das Klischee von der „gelben Gefahr“ anzuknüpfen, so wie derzeit noch bei einem ganz anderen Thema, dem Umgang mit dem Coronavirus.

Stiftungsprofessur nach deutschem Recht

Tatsächlich sind die Konfuzius-Institute in Deutschland als gemeinsame Vereine einer deutschen und einer chinesischen Universität organisiert, die eigenständig ihre Projekte im Sprach- und Kulturbereich verantworten und unter anderem finanziell vom Confucius Institute Headquarter gefördert werden, einer Unterabteilung des chinesischen Bildungsministeriums. Diese Abteilung fördert, wie vergleichbar auf der deutschen Seite die Goethe-Institute, weltweit die Vermittlung chinesischer Sprache und Kultur durch entsprechende Förderprogramme, auch durch Stiftungsprofessuren. Diese werden, wie alle in- und ausländischen Stiftungsprofessuren in Deutschland, nach deutschem Recht und ohne Beteiligung der Stifter besetzt.

Wie etwa bei der Stiftungsprofessur Didaktik des Chinesischen an der Freien Universität Berlin geht es um eine Anschubfinanzierung. Sie ermöglicht die langfristige Einrichtung eines stark nachgefragten Lehramtsstudienganges Chinesisch.

Es stellt sich angesichts der Einordnung der seit den 1980er Jahren aufgebauten deutsch-chinesischen Kooperationen im Kultur- und Wissenschaftsbereich in eine klischeebehaftete Debatte die Frage, ob die These des Sinologen Wolfgang Franke von 1973 noch heute Bestand hat: nämlich dass die Chinabilder letztlich mehr über den Standpunkt des Betrachters aussagen als über das Objekt der Betrachtung.

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