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In ostdeutschen Braunkohle-Abbaugebieten sollen Forschungszentren neue Arbeitsplätze schaffen.

© dpa / Patrick Pleul

Tagesspiegel Plus

Labore statt Bagger: Vom Braunkohlerevier zur Forschungsregion

Im Zuge des Kohleausstiegs sollen zwei neue Forschungszentren in Ostdeutschland entstehen. Sechs Ideen haben es in die engere Auswahl geschafft.

So klar der Weg zum Kohleausstieg noch vor wenigen Wochen erschien, so unsicher ist der Fahrplan heute: Sollten die Brennstofflieferungen aus Russland ausbleiben, könnte die Braunkohleverstromung zeitweise verstärkt statt verringert werden. Langfristig jedoch ist das Ziel klar, der Rohstoff soll im Boden bleiben. Um die Folgen für die Lausitz und das mitteldeutsche Revier zu mildern, wird schon jetzt in den Strukturwandel investiert.

Davon profitiert auch die Wissenschaft: Neue Institute für Energie- und Luftfahrtforschung werden gegründet, an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg soll eine Medizin-Fakultät aufgebaut werden, mit rund zwei Milliarden Euro Förderung aus dem Etat für Strukturstärkung in Kohleregionen.

Sechs von 100 in engerer Auswahl

Auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt sind Milliardeninvestitionen vorgesehen. Das Bundesforschungsministerium (BMBF) hat gemeinsam mit diesen beiden Ländern dazu aufgerufen, Ideen für neue Großforschungszentren einzureichen. Für den Wettbewerb „Wissen schafft Perspektiven für die Region“ gingen bis April 2021 knapp 100 Konzeptskizzen ein.

Auf Klimaschutz-Demonstrationen wie hier im westdeutschen Lützerath wird der Ausstieg aus der Kohleenergie eingefordert.

© Björn Kietzmann

Daraus wurden im Sommer sechs Bewerber gewählt, die Fördergeld erhielten, um ihre Pläne zu konkretisieren. Zum Monatsende müssen sie nun ihre Konzepte einreichen. Diese werden laut einer BMBF-Sprecherin von externen Gutachtern bewertet. Auf dieser Basis entscheiden dann Bund und Sitzländer über eine Förderung.

Klar ist, dass je eines in die sächsische Lausitz und eines ins mitteldeutsche Revier kommen soll. Zugesagt sind Mittel vom Bund, die bis 2038 pro Zentrum 1,25 Milliarden Euro betragen. Hinzu kommen Förderungen der Sitzländer, nach dem 90/10-Schlüssel rund ein Zehntel der Gesamtförderung. Sechs Kandidaten mit unterschiedlichen Forschungsgebieten sind im Rennen.

Resiliente Chemiewirtschaft
Um die Versorgung wichtiger Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Konsumgüter sicherzustellen, soll eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse etabliert werden. Ein internationales Exzellenzzentrum „ChemResilienz“ soll Grundlagen im Bereich der Chemie und Technologie in Sachsen erforschen. Bisher basiert die Chemieindustrie weitgehend auf fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas. Das müsse sich nach Ansicht der Forscher um Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam ändern. Nachwachsende Rohstoffe, kurze Transportwege sowie lokale, kostengünstige und nachhaltige Produktionsprozesse sollen die Resilienz der deutschen Chemiewirtschaft sicherstellen.

Handlungsoptionen für den Klimaschutz
Das „Centre for Climate Action and Innovation – Research and Engineering” (CLAI_RE) will Klimadaten und -wissen bündeln. Auf dieser Basis sollen digitale Zwillinge von Ökosystemen geschaffen werden und Datenräume in ganz neuen Dimensionen entstehen, erklärt das Team um Georg Teutsch vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. CLAI_RE will „Transformationsprozesse hin zu einer kohlenstoffneutralen und klimaresilienten Gesellschaft“ unterstützen. Es sollen Handlungsoptionen für den Klimaschutz entwickelt werden mit Fokus auf Land- und Forstwirtschaft, Wasser, Planung urbaner Räume, Energieversorgung, Gesundheit und Mobilität.

Braunkohlekraftwerke zählen zu den großen Produzenten des Treibhausgases Kohlendioxid.

© dpa / Patrick Pleul

Präventive und personalisierte Medizin
Das „Center for Medicine Innovation“ (CMI) will Medizintechnik, Digitalisierung und Medikamentendesign zusammenbringen. Die Kerntechnologien des Zentrums – Künstliche Intelligenz und Big Data, Software-basierte Wirkstoffmodellierung, Zell- und Gentherapien sowie intelligente vernetzte medizintechnische Systeme – sollen den Wandel in der Gesundheitsversorgung befördern: von der rein kurativen Medizin hin zu präventiver Medizin, von zentralisierter zu ortsunabhängiger Versorgung und von einem „one-fits-all“-Ansatz hin zu personalisierten Therapien und Versorgungsketten. Designierte Gründungsdirektorin ist Annette Beck-Sickinger von der Universität Leipzig.

Datenströme aus dem All
Mit dem „Deutschen Zentrum für Astrophysik“ (DZA) sollen die großen Datenströme zukünftiger Großteleskope gebündelt und analysiert werden. Die Technologien sollen helfen, besser mit immensen Datenmengen umzugehen, mit denen die digitale Gesellschaft langfristig überall konfrontiert sein wird. Außerdem sollen am DZA Regelungstechniken und Sensoren für Observatorien entwickelt werden, um deren wissenschaftliche Ausbeute zu erhöhen. Das Team um Günther Hasinger, derzeit bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, verfolgt auch die Option, im felsigen Untergrund der Lausitz ein Gravitationswellen-Observatorium der nächsten Generation, genannt Einstein-Teleskop, zu bauen.

Das Einstein-Teleskop soll symbiotische Beziehung zwischen Schwarzen Löchern und Galaxien ausleuchten. Die unterirdische Anlage eines geplanten Einstein Telescopes (ET) im künstlerischen Entwurf.

© Nikhef / Marco Kraan

Stationen auf Mond und Mars
Das „European Research Institute for Space Resources” (ERIS) will wissenschaftliche und technologische Grundlagen für die Errichtung und den Betrieb von Weltraumstationen auf Mond und Mars erforschen. Dabei geht es um die Versorgung mit Energie und Nahrungsmitteln sowie Raumfahrtlogistik mit Treibstoffproduktion vor Ort und robotischer Unterstützung der menschlichen Aktivitäten. Aus Sicht des Teams um Carsten Drebenstedt von der TU Freiberg können neue Methoden und Technologien einen Beitrag dazu leisten, Ressourcen im Weltraum und ebenso auf der Erde sicherer, effektiver und umweltschonender zu nutzen.

Neue Materialien im Bau
Das „Lausitz Art of Building” (LAB) will das Bauwesen verändern, um den bis heute enormen und absehbar weiter steigenden Ressourcenverbrauch im Bausektor zu mindern. Erreicht werden soll dies durch den Einsatz ressourceneffizienter, klimaneutraler Hochleistungswerkstoffe und neuer Materialien, verbunden mit neuen Herstellverfahren, künstlicher Intelligenz und der Digitalisierung des gesamten Bauwesens. Nach Ansicht des Teams um Manfred Curbach von der TU Dresden soll sich die Lausitz als europäische Modellregion für nachhaltiges Planen und Bauen entwickeln.

Holz soll als nachhaltig zu produzierender Baustoff wieder breiter eingesetzt werden.

© Getty Images/iStockphoto / JARAMA

Einbindung der Menschen in der Region ist ein wichtiges Kriterium

Wo die Zentren im Falle eines Zuschlags aufgebaut werden, ist unklar. Vier Teams haben auf Anfrage ihre Wunschorte genannt: Das LAB würde gern in die Lausitz gehen, das DZA nennt konkreter Görlitz, CLAI_RE den Landkreis Leipzig/Störmthaler See für den zentralen Campus in Sachsen sowie Halle (Saale) für das Campusgebäude in Sachsen-Anhalt. Das CMI plant je einen Campus in Rackwitz (Sachsen) und Köthen (Sachsen-Anhalt) mit Satelliten in Leipzig und Halle für die Hochschulanbindung. Letztlich entscheiden aber die Geldgeber; sollten beispielsweise zwei Lausitz-affine Kandidaten durchkommen, geht einer nach Mitteldeutschland.

Bei den Konzepten werden die Gutachter nicht nur die wissenschaftliche Exzellenz und die überregionale Bedeutung des Forschungsprogramms zu bewerten haben. Das BMBF macht deutlich, dass der Fokus der neuen Zentren „in besonderem Maße auf dem Transfer von Forschungsergebnissen in kommerzielle und gesellschaftliche Anwendungen sowie der Förderung des Innovationsgeschehens in den Kohleregionen liegen“ soll. Durch die Neugründungen sollen außerdem „moderne Organisationsmodelle und innovative Modelle der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft geschaffen werden“.

Braunkohlekraftwerke wie hier in Brandenburg, Jänschwalde, sind auch regional wichtige Arbeitgeber.

© dpa / Patrick Pleul

Wie sie das schaffen wollen, haben die Initiatoren in den vergangenen Wochen bei Infoveranstaltungen dargelegt. Dabei ging es natürlich auch um Arbeitsplätze. Es liegt auf der Hand, dass nicht jeder Mitarbeiter aus den Tagebauen und Kraftwerken in die Forschungszentren wechseln kann. Aber manche vielleicht doch – oder deren Kinder. Die Institute werden ja erst noch aufgebaut. Die Größenordnung ist beachtlich. Das Astrophysikzentrum beispielsweise rechnet mit rund 1200 Beschäftigten. Günther Hasinger und sein Team waren deshalb bereits an Schulen, um potenziellen Nachwuchs für die Astrophysik zu gewinnen. Das wird nicht reichen, wie der Forscher erklärt: „Uns ist inzwischen bewusst geworden, dass wir auch viele Fachkräfte von außerhalb für die Lausitz begeistern müssen.“

Der sozioökonomische Effekt ist nicht zu unterschätzen, selbst bei „exotischen“ Disziplinen wie Astrophysik. Durch das Nasa Glenn Research Center im US-Bundesstaat Ohio, einem Forschungszentrum ähnlich groß wie das vorgeschlagene DZA, wurden mehr als 7000 Arbeitsplätze in Ohio geschaffen, zeigte eine Studie 2017. Das Arbeitseinkommen im gesamten Bundesstaat stieg demnach um 510 Millionen Dollar. Eine weitere Untersuchung zum Moon-to-Mars-Programm der Nasa von 2019 zeigt, dass mit jeder Vollzeitstelle in einer Nasa-Einrichtung mehr als 17 zusätzliche Arbeitsplätze in der gesamten US-Wirtschaft geschaffen werden. Die wirtschaftlichen Effekte der neuen Großforschungszentren dürften ähnlich sein.

Auch die Einbindung der Menschen in der Region ist ein wichtiges Kriterium. Die Kandidaten planen Kita- und Schulpatenschaften, Besucherzentren, Projekte der Bürgerwissenschaften, berufliche Ausbildung sowie Kooperationen mit Hochschulen und der regionalen Kreativszene – aber alles unter dem Vorbehalt des Zuschlags. Welche zwei Konzepte eine Milliardenförderung erhalten, soll bis Ende September bekannt gegeben werden.

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