Leichter zu merken und schwer zu knacken : Können Emojis die PIN ersetzen?

Sie machen Punkt und Komma überflüssig, Frauen nutzen sie anders als Männer: Emojis werden täglich milliardenfach verschickt – und intensiv erforscht.

Das beliebte Emoji lächelnder Kackhaufen und das neue Emoji Fliege.
Neben Bier und Pizza gehört der niedliche Kackhaufen zu den meistgenutzten Emojis. Neu im Repertoire: die Fliege.Foto: Emojipedia/Illustration: Sabine Wilms

Lach, Grins, Sonne. Blumenstrauß, Daumen hoch, Kussmund: Emojis sind auf Smartphones allgegenwärtig. Längst sind die Bildschriftzeichen, so die wörtliche Bedeutung des japanischen Wortes Emoji, kein Phänomen der Jugendsprache mehr, sondern haben sich einen festen Platz in der informellen Alltagskommunikation erobert.

Milliardenfach werden sie täglich weltweit verschickt. Dabei fanden die Piktogramme und Ideogramme erst 2011 ihren Weg in die Apple iPhones, 2013 zog Google bei seinem Betriebssystem Android nach.

Eine sehr kurze Zeitspanne – wenn man in wissenschaftlichen Arbeitszyklen denkt. Dennoch sind die neuen Ausdrucksformen auch an den Universitäten als Forschungsgegenstand angekommen. In den letzten drei Jahren ist in einigen Disziplinen sogar ein regelrechter Emoji- Boom ausgebrochen. Welche interessanten Erkenntnisse halten die Zeichen bereit – außer, dass sie tendenziell missverständlich sind und ihre mangelnde Diversität nach und nach überwinden?

Neues Emoji: Ein Mann mit Schnurrbart und Brautschleier.
Der Brautigam ist eines der neuen Emojis, die 2020 eingeführt werden. Die Zeichenpalette soll mehr Genderoptionen schaffen.Foto: Emojipedia/Illustration: Sabine Wilms

„Emojis sind ein relevantes Phänomen, darin sind sich viele Wissenschaftler einig“, sagt Christa Dürscheid. Die Professorin für deutsche Gegenwartssprache an der Universität Zürich gehört zu den Pionierinnen der deutschsprachigen Emoji-Forschung („Schreiben digital. Wie das Internet unsere Alltagskommunikation verändert“, 2016, mit Karina Frick). Schon 2014 hat sie begonnen, massenhaft Chatverläufe zu sammeln. „Seitdem haben sich unsere Fragestellungen verändert und ausdifferenziert.“

Zunächst interessierten sich Sprachwissenschaftler dafür, warum und wie Emojis eingesetzt werden – in Konkurrenz oder doch eher als Ergänzung zu den Wörtern? Entsteht hier womöglich eine lingua franca, eine überall verständliche Weltsprache? Und könnte es passieren, dass die Bildchen die Buchstaben nach und nach verdrängen?

Diese Hypothesen haben sich nicht bestätigt. Heute weiß man: Emojis werden vor allem zur Erzeugungen von Emotionen und als Satzzeichen-Ersatz genutzt. Sie strukturieren Textabschnitte und machen Punkte und Kommas überflüssig, die viele Nutzer beim Chatten ohnehin vermeiden. Außerdem ist mittlerweile vielfach belegt, dass Frauen die Bildelemente anders und häufiger verwenden als Männer, dass sie in der Anfangsphase von Beziehungen eine wichtige Rolle spielen und sehr unterschiedlich interpretiert werden – je nach Geschlecht des Absenders.

In der privaten Kommunikation sei der Höhepunkt der Emoji-Nutzung vermutlich erreicht, sagt Dürscheid, „auch wenn wir jedes Jahr mehr Varianten zur Verfügung haben“. Im Kontext von Wirtschaft und Politik gäbe es aber noch Luft nach oben. Unternehmen, Parteien und staatliche Institutionen setzen erst seit kurzem in Newslettern oder auf ihren Social Media Kanälen auf Emojis, um nahbarer zu wirken und gute Stimmung zu erzeugen. Damit entstünden weitere interessante Forschungsfelder, unter anderem für Soziologen, Politologen und Psychologen.

„Wer viele positiv konnotierte Emojis einsetzt, wirkt wärmer und sympathischer“, erklärt Wera Aretz, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Köln. Sie hat dazu kürzlich eine Studie auf der Basis absichtlich manipulierter Chatverläufe durchgeführt. Das Ergebnis: „Jemand, der keine Emojis nutzt, erscheint distanzierter, wird vom Gegenüber aber als durchsetzungsstärker wahrgenommen.“

Handzeichen in der Job-Mail: Ist doch nett gemeint

Diese Erkenntnisse ließen sich durchaus in die Businesswelt übertragen und dort strategisch nutzen, meint Aretz. Wer seinen Forderungen Nachdruck verleihen will, sollte auf Smileys verzichten. Umgekehrt könnten Vorgesetzte unangenehme E-Mail-Nachrichten an Mitarbeiter mit entschuldigenden Handzeichen oder freundlichen Gesichtern garnieren, um die Härte der Botschaft abzumildern.

„Bekannte Emojis haben eine vertrauensstiftenden Wirkung“, sagt Aretz. Sie suggerieren dem Empfänger eine Kommunikation auf Augenhöhe. Abgesehen davon prägen sich Emojis besser ein als Wörter – in der Werbepsychologie spricht man von der Bildüberlegenheitswirkung.

Emojis als PIN

Dieser Effekt hat Markus Dürmuth auf eine Idee gebracht. Der Professor für Informatik an der Ruhr-Universität Bochum wollte Emojis mal in ganz neuen Zusammenhängen austesten. Dürmuth befasst sich damit, wie man Computersysteme sicherer machen kann. Das Problem: Sind die Passwörter lang und komplex, dann sind sie schwer zu merken. Ein einfaches, kurzes Passwort bleibt mit Kopf, bietet aber kaum Schutz. Besonders bei der Authentifizierung auf Smartphones klaffen deshalb große Sicherheitslücken.

„PIN-Nummern, die die Nutzer sich selbst aussuchen, weisen leider viel Struktur auf,“ erklärt Dürmuth. Die Codes sind oft vorhersehbar, weil Menschen am liebsten Zahlenfolgen wie 0000, 1234 oder ihre Geburtstage wählen.
„Wir haben uns gefragt, ob eine Sequenz aus vier Emojis dieses Sicherheitsproblem beheben könnte und zugleich besser in Erinnerung bleibt.“

Palette neuer Emojis, die im Sommer 2020 eingeführt werden sollen.
Palette neuer Emojis, die im Sommer 2020 eingeführt werden sollen.Foto: Emojipedia

Dazu programmierte Dürmuths Team ein Emoji-PIN-Programm und testete es mit 800 Teilnehmern. Die Ergebnisse waren vielversprechend: Abgesehen von ein paar einfallslosen Standardkombinationen – vier Mal Sonne, vier Mal Herzen – erwiesen sich die Emoji-PINs der Nutzer als ziemlich schwer zu knacken. Nur eins wunderte die Forscher: Warum neben Bier und Pizza ausgerechnet der braune Kackhaufen zu den meistgenutzten Zeichen gehörte.

Der kleine Kackhaufen kommt aus einem Manga

Elena Giannoulis kann erklären, woher das Motiv stammt. Die Professorin für Japanologie an der Freien Universität Berlin forscht ebenfalls an Emojis, kürzlich ist ihr Sammelband „Emoticons, Kaomoji, and Emoji: The Transformation of Communication in the Digital Age“ erschienen.

Giannoulis interessiert sich vor allem für die kulturelle Herkunft: Ende der 1990er Jahre entwarf Designer Shigetaka Kurita für einen japanischen Mobilfunkanbieter das erste Emoji-Set. Mittlerweile werden die Neuzugänge vom Unicode-Konsortium, einem Verein mit Sitz in Kalifornien, bewilligt und veröffentlicht. Das dient der globalen Vereinheitlichung.

Trotzdem bleiben die frühen Einflüsse spürbar. Manche Emojis spielen „auf japanische Küche und Feste oder auf die japanische Populärkultur an, wie etwa der kleine süße grinsende Kackhaufen aus einem Manga“, sagt Giannoulis.

Im kreativen Emoji-Ursprungsland hat sich übrigens schon wieder ein neuer Code etabliert, der in Europa noch weitgehend unbekannt ist: die Kaomoji. Sie werden hauptsächlich aus Sonderzeichen gebildet und sind eine Weiterentwicklung der seitlich gekippten Emoticon-Gesichter ;-). Die Abfolge (>_<) steht beispielsweise für Scham. „Kaomoji sind in Japan in vielen Online-Communities extrem populär“, erklärt Giannoulis.

Das liege daran, dass die Nutzer sie beliebig erweitern können. Die FU-Forscherin hält es deshalb für möglich, dass sich die variablen Kaomoji neben den starren Emojis weiter verbreiten könnten.

Gehören Emojis bald zum "historischen Sprachgebrauch"?

Auch Christa Dürscheid kann sich ein Ende des Emoji-Zeitalters durchaus vorstellen. Neue digitale Trends oder Kanäle könnten Textnachrichten – und damit auch Smileys und Herzchen – hinfällig machen. Dass den Wissenschaftlern ihre Forschungsgegenstand dabei buchstäblich unter den Fingern zerrinnen würde, schreckt die Linguistin nicht. „Dann haben wir trotzdem einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des historischen Sprachgebrauchs geleistet.“

Denn was heute selbstverständlich ist, könnte morgen eine fast vergessene Kulturtechnik sein. So erging es auch der SMS, die vor rund 20 Jahren die private Kommunikation revolutioniert hat – und von der kaum noch jemand spricht.

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