Literaturwissenschaft : Shakespeare war kein Rassist und kein Antisemit

William Shakespeare ist nicht rassistisch, sondern stellt Rassismus und Antisemitismus an den Pranger. Das Plädoyer einer Anglistin, den "genialischen Sezierer von Ohn(e)Macht" neu zu lesen.

Susan Arndt
Ein schwarzer Mann steht mit einer weißen Frau zusammen, ein anderer ergreift ihr auf dem Boden liegendes Taschentuch.
Betrogener Traum, zu Europa zu gehören. Mit „Othello“, aber auch in „Der Sturm“ stellt Shakespeare Rassismus auf die Bühne, um ihn...Foto: mauritius images

Anmerkung zur Schreibweise von Schwarz und weiß: Die Autorin, Susan Arndt, schreibt Schwarz groß, um den Widerstand gegen Fremdbezeichnungen zu markieren, die ‚Hautfarben’ rassistisch klassifizieren und kodieren und weiß klein und kursiv, um auch hier darauf zu verweisen, dass es nicht um ‚Hautfarbe’, sondern ein Konstrukt des Rassismus geht.

Caliban ein garstiges Monster? Shylock ein blutdürstender Händler?

Othello geht schweren Schrittes. Im Gewand des grünäugigen Monsters der Eifersucht sieht er in seiner über alles geliebten Desdemona eine Ehebrecherin, die sterben muss – aus seiner Hand. Er sieht sich aber außer Stande, ihr Blut zu vergießen. Die schneeweiße Haut, noch glatter als Alabaster, ist dem Schwarzen Mann ein Monument, das er sich nicht zu beflecken getraut. Deswegen erstickt die unschuldige Desdemona, die ihren letzten Atem darauf verwendet, ihn ihrer Liebe zu vergewissern. Othello bar jeder Vernunft? Caliban ein garstiges Monster? Shylock ein blutdürstiger Händler? Shakespeare ein Rassist und Antisemit?

Ja, Shakespeare diente dem britischen Empire als Fanfare der Überlegenheit. Seine Texte wurden gleich nach der Bibel in afrikanische Sprachen übersetzt, um englische Zivilisation zu verkünden. Das interessiert heute die Postcolonial Studies und mündet in der These, dass Shakespeares Othello oder The Tempest (dt. Der Sturm) den kolonialistischen Diskurs der Renaissance repräsentierten. Der Shakespeare-Forscher Harold Bloom zeigt sich irritiert über Ansätze, Shakespeare postkolonial zu lesen und empfiehlt jenen, die es dennoch tun, Shakespeare erst mal zu lesen. Shakespeares Stücke würden weder über Kolonialismus noch über Rassismus sprechen. Bloom irrt wie auch jene, die Shakespeare Rassismus unterstellen: Denn Shakespeare stellt Rassismus auf die Bühne, um ihn zu kritisieren, und dabei setzt er mit einer revolutionären Neubewertung von fairness ein.

Shakespeare thematisiert Geschlecht und "Rasse"

Das Wörtchen „fair“, das im elisabethanischen England die aristokratische Schönheit einer weißen Frau beschreibt, gehört zu den 10 am häufigsten aufgerufenen Vokabeln in Shakespeares Werk. Zwar schwelgt Shakespeares fairness in der konventionellen Metaphorik seiner Zeit. Jedoch unterscheidet sich Shakespeare von seinen Zeitgenossen dadurch, dass er in Sonetten wie Dramen fairness der Weiblichkeit, der Aristokratie und/oder dem Weißsein entzieht. So werden konventionelle Konzeptionen von Geschlecht, Stand und ‚Rasse‘ seiner Zeit unterwandert. 

Während die Prokreationssonnette mit „fair youth“ einen jungen Mann meinen, wird im so genannten „dark lady“-Zyklus die fairness zwar der Weiblichkeit zurückgegeben – nicht aber ohne sie ebenfalls auf den Kopf zu stellen. Gemeinhin preisen Sonette aristokratische Frauen. Nun mag Shakespeares “mistress” als “dark lady” bekannt geworden sein. Sein lyrisches Ich jedoch spricht kein einziges Mal von „lady“. Es nennt sie “mistress”, “woman”, “slave”. “Dark” seinerseits wird nur einmal zu ihrer Attributierung benutzt, Black dagegen häufig – und zwar als „fair“ und „beautiful“. In Sonett 127 heißt es: "In alten Zeiten galt Schwarz nicht als schön,/ Und wenn, dann ohne es so zu heißen;/ jetzt aber kann Schwarz als Erbe der Schönheit auferstehen." Heißt es im Clouplet dieses Sonnete: "Dass alle Munde sagen, dies sei der Schönheit Angesicht", geht das Couplet der Sonette 132 noch einen Schritt weiter, wenn es heißt: "Dann werde ich schwören, die Schönheit sei Schwarz,/ und schändlich wer was and'res mag und sagt." (Diese und nachfolgende Zitate sind Übersetzungen der Autorin.)

Ihre Haare ähneln Rastas - "black wires"

Ich vertrete die These, dass das lyrische Ich der Sonette 127 – 144 eine Schwarze Frau adressiert, eine versklavte Frau, die in die Prostitution gezwungen wurde. Der Shakespeare-Forscher Duncan Salkeld hat jüngst Beweise zur Erhärtung einer seit den 1930er Jahren vertretenen These vorgelegt, nämlich, dass die in den fraglichen Sonetten adressierte Frau eine reale Entsprechung in Lucy (Vorsicht, rassistisches Wort) Negro aus dem Londoner Grays Inn (Clerkenwell) finde. Viele meinen wie Salkeld, dies sei eine weiße Prostituierte, die sich selbst so nannte, weil sie den Namen als exotisch erotisierend empfand. Was aber wenn der Name „Lucy N.“ der üblichen Praxis entsprang, versklavte Menschen mit Fremdbenennungen wie eben diesen zu versehen?

Textliche Belege, die diese These erhärten könnten, finden sich viele. Zum einen spielt Shakespeare in den Sonetten wiederholt mit der Vokabel „slave“ als Metapher für seine Liebe und sieht er Trauer in ihren Augen. Dies ist zwar für die Petrarkische Sonette-Tradition erst mal nicht ungewöhnlich; und doch könnten diese Motive hier auch etwas anderes bedeuten: Trauert sie um ihre Freiheit? Und wenn das lyrische Ich ihr Raum einräumt und sie diesen nutzt, um von Hass zu sprechen – könnte sie damit nicht auch die unwillkommenen Freier meinen? Zum anderen sind es die Verse, die die adressierte Frau physisch zeichnen, die eine Schwarze Frau sehbar werden lassen. Zugegeben: die "rabenschwarzen Augen ", die in nichts der Sonne ähneln, können von Frauen der ganzen Welt getragen werden. Doch ihre Brüste sind nicht weiß wie Schnee, sondern "dun" – was aus dem Mittelenglischen als braun zu übersetzen ist; und ihre Haare ähneln Rastas oder genauer "black wires". Hier und in anderen Versen versammeln sich Anspielungen auf das Aussehen der Frau, die es der Lese-Fantasie erlauben, eine Frau afrikanischer Herkunft zu imaginieren.

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