Müll in den Meeren : Koralle frisst am liebsten Mikroplastik

Forscher haben bei einer Art untersucht, wie die kleinen Partikel den Tieren schaden können. Die Vorliebe für Mikroplastik hat aber auch eine gute Seite.

Die Polypen von Astrangia poculata nehmen kleine Kügelchen Mikroplastik (blau) auf.
Die Polypen von Astrangia poculata nehmen kleine Kügelchen Mikroplastik (blau) auf.Foto: Rotjan Lab

Mikroplastik kann Korallen gleich in mehrfacher Hinsicht schaden. Ein Versuch mit Steinkorallen zeigt, dass manche Tiere bevorzugt Plastikpartikel verzehren und dann weniger natürliche Nahrung fressen. Zudem können Korallen zusammen mit dem Kunststoff gefährliche Krankheitserreger aufnehmen, wie ein Team um Randi Rotjan von der Boston University in den "Proceedings B" der britischen Royal Society berichtet. Die Forscher schlagen vor, die in den gemäßigten Breiten lebende Steinkoralle Astrangia poculata zur Messung der Wasserqualität einzusetzen.

112 Partikel pro Polyp

Plastik stellt für viele Ozeanbewohner eine Gefahr dar – etwa wenn sie Kunststoff fressen, der dann ihren Magen-Darm-Trakt verstopft. Tiere wie etwa Vögel, Schildkröten oder Wale können dann mit vollem Magen verhungern. Dass auch Mikroplastik – also Teile kleiner als fünf Millimeter – Tieren schaden kann, zeigt das Team um Rotjan nun an der Steinkoralle A. poculata. Sie lebt entlang der US-Ostküste von Massachusetts bis Florida und besteht aus Tausenden kleinen Polypen, die mit ihren Tentakeln Schwebstoffe aus dem Wasser filtern und verdauen – auch Mikroplastik.

Nahaufnahme eines Polypen beim Fressen von blau fluoreszierendem Mikroplastik.
Nahaufnahme eines Polypen beim Fressen von blau fluoreszierendem Mikroplastik.Foto: Koty Sharp and Anna Gauthier

Bei im Staat Rhode Island gesammelten Korallen fanden die Forscher pro Polyp durchschnittlich 112 solcher Partikel, darunter vor allem Fasern aus in der Industrie weit verbreiteten Verbindungen wie Polyamid oder Polyester. "Das zeigt, wie wichtig es ist, die Formen des Mikroplastiks zu berücksichtigen", schreiben die Wissenschaftler.

In Laborversuchen zeigten die Forscher dann, dass die Polypen Mikroplastik ihrer natürlichen Nahrung wie etwa Eiern von Salinenkrebsen vorziehen. Diese Vorliebe könne den Tieren aus zwei Gründen schaden, betonen sie: Zum einen sorge Mikroplastik für Sättigung, so dass die Tiere weniger Nährstoffe aufnehmen. Zudem verbrauchten sie für den Verzehr und die Verdauung des Kunststoffs Energie.

Bakterien auf dem Plastik können die Tiere töten

Doch die Versuche der Forscher enthüllen eine möglicherweise noch größere Gefahr: Auf den Plastikpartikeln bilden sich Kolonien aus Algen, Bakterien und anderen Kleinstorganismen. Diese Biofilme können Krankheitserreger enthalten. In den Versuchen fütterten die Forscher Korallen mit Mikroplastik, auf dem Kolibakterien siedelten.

Mikroplastik-Fasern finden sich auch in toten Korallen, wie hier an der Küste von New England.
Mikroplastik-Fasern finden sich auch in toten Korallen, wie hier an der Küste von New England.Foto: Juanita Urban-Rich

Selbst wenn die Korallen das Plastik nach 48 Stunden wieder ausschieden, blieben die Bakterien im Organismus und vermehrten sich. Die Polypen starben nach zwei Wochen, nach weiteren zwei Wochen starben dann auch die

Nachbarpolypen – Plastiknahrung ohne Krankheitserreger steigerte die Mortalität dagegen nicht. Die Experimente geben damit einen weiteren Hinweis darauf, was andere Studien bereits vermuten ließen: Krankheiten von Korallenriffen könnten mit der zunehmenden Plastikverschmutzung zusammenhängen.

Korallen als Mikroplastik-Monitor

Doch die Forscher haben auch eine gute Nachricht: Die Steinkoralle könnte künftig an der US-Ostküste genutzt werden, um die Mikroplastik-Werte im Meer zu beobachten. "Die Vorliebe von A. poculata für den Verzehr von Mikroplastik bietet die Gelegenheit, Mikroplastik-freie, im Labor gezogene Kolonien in der Umwelt anzusiedeln, um die Kontamination mit Mikroplastik zu verfolgen", schreiben sie.

Dazu trage bei, dass die Tiere ein großes Verbreitungsgebiet hätten und Mikroplastik ebenso wie viele andere Schadstoffe gut vertrügen. Damit könne man sie auch in der Nähe städtischer Abwasserleitungen ansiedeln.

Der Eintrag von Plastik in die Meere ist in den vergangenen Jahren zu einem immer größeren Problem geworden: Experten gehen davon aus, dass jährlich rund 5 bis 13 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen landen. Bis 2025 könnten sich dort schätzungsweise mindestens 155 Millionen Tonnen angesammelt haben. "Da der Plastik-Abbau 500 bis 1000 Jahre dauern kann, existiert fast der gesamte auf der Erde geschaffene Plastik noch, oft zu Mikroplastik verwittert." (Wyona Schütte, dpa)

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