Nationalpark Jasmund : Vom Nur-Wald zum Ur-Wald

Auf Rügen gibt es nicht nur Kreide und teure Hotels, sondern auch alte Buchen. Im Nationalpark Jasmund lassen sie einen echten Urwald entstehen.

Monika Rößiger
Romantik. Gut 250 Jahre sind die ältesten Buchen im Nationalpark Jasmund alt. Das passt, denn in etwa so lange ist es her, dass in Deutschland in Kunst und Dichtung die Romantik begann – und für die Nation so bedeutend wurde.
Romantik. Gut 250 Jahre sind die ältesten Buchen im Nationalpark Jasmund alt. Das passt, denn in etwa so lange ist es her, dass in...Foto: imago stock

Wer den Wald an der Kreideküste über der Ostsee betritt, merkt es unmittelbar: Das ist kein gewöhnlicher Wald. Geradezu majestätisch erheben sich die Buchen mit ihren silbergrauen Stämmen über den Menschen, der plötzlich ganz klein wirkt. Um das Kronendach hoch oben zu betrachten, hält man ehrfürchtig inne. Unter den Wipfeln ist es ruhig, und vergleichsweise kühl. Wenn man schließlich weiter geht, kann man sich fast fühlen wie in einer gotischen Kathedrale aus Blattwerk. Und der Eindruck, sich mitten in einem uralten Denkmal zu befinden, täuscht nicht einmal.

Seltene Fledermäuse, und noch seltenere Käfer

Eine Inventur der hier vorkommenden Arten zeigt jedenfalls, dass diese lebendige Säulenhalle im biologischen Sinn ein denkmal- würdiges Stück Natur ist. Die Stubnitz, so heißt der Wald auf der Halbinsel Jasmund gilt als „Buchenurwald von morgen“. Bereits jetzt beherbergt er seltene Arten, wie den für alte Wälder charakteristischen Kleinabendsegler (Nyctalus leisleri) und die Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii) sowie spezialisierte Totholzkäfer, darunter die Urwaldrelikt-Art Aeletes atomarius. Auch die langlebigen Flechtengemeinschaften sind typisch für historisch alte Wälder.

Vor etwa 800 Jahren eroberten die Rotbuchen den Jasmund, wo sie heute den größten naturnahen Buchenwald an der südlichen Ostseeküste zwischen Dänemark und Litauen bilden. Obwohl die Buche in ganz Mitteleuropa natürlicherweise die dominante Art wäre, ist so ein Waldökosystem auf dem Kontinent heutzutage selten zu finden.

Unordnung muss sein

Das liegt daran, dass der Nutzungsdruck auf die Wälder weltweit zunimmt. Vor diesem Hintergrund gewinnen Schutzgebiete wie der 1990 eingerichtete Nationalpark für Flora und Fauna immer mehr an Bedeutung; zumal Teile des Gebiets schon 1929 unter Naturschutz gestellt wurden. Dennoch sind die ältesten Buchen mit einem Alter von gut 260 Jahren vergleichsweise jung gegenüber etwa Verwandten in den Karpaten, wo bis zu 550 Jahre alte Buchen gefunden wurden.

Wälder, die sich über einen längeren Zeitraum relativ ungestört entwickeln konnten, zeichnen sich durch einen hohen Anteil an altem oder totem Holz aus. Im Jasmund sieht es dementsprechend „unordentlich“ aus: Umgestürzte Bäume liegen kreuz und quer herum, ebenso dicke Äste und buschig belaubte Zweige. Selbst am Wegesrand kann man Baumriesen liegen sehen, die wahrscheinlich ein Sturm aus der Erde gerissen hat und deren nun frei in die Luft ragendes Wurzelwerk einen Menschen noch deutlich überragt. Solche Stämme sind oft bemoost und von Flechten und Pilzen überzogen, an manchen Stellen ist die Rinde von Löchern beziehungsweise Fraßgängen durchsetzt, hie und da bröselt das Holz bereits. Klar ist: Hier waltet die Natur – wie in allen Nationalparks – und nicht Förster und Waldarbeiter. Die dürfen nur ausnahmsweise einschreiten, etwa um Gefahren für Nationalparkbesucher abzuwenden.

Der Wald, der vom toten Holz lebt

Diese Zurückhaltung ist gut für die ökologisch wichtigen Zersetzer wie Insekten, Pilze und Bakterien, die sich ungestört ans Werk machen können. Das von ihnen hinterlassene morsche Holz bietet eine Fülle von Nischen und Verstecken für eine Vielzahl von Tieren. In Baumhöhlen nisten Spechte, Fledermäuse, Käuze. Totholz ist die Basis des Lebens in einem Waldökosystem. Und ein mitteleuropäischer Buchenwald in zumindest einigermaßen natürlichem Zustand kann rund 4 300 Pflanzen- und über 6 700 Tierarten beherbergen. Darunter sind viele Käfer. Von den in Deutschland vorkommenden Käfern sind rund 1400 Arten „xylobiont“. Das heißt, sie sind auf Alt- oder Totholz angewiesen. Sie ernähren sich von absterbendem oder totem Holz, von Holz abbauenden Pilzen oder anderen Organismen, die im oder am Holz leben. „Durch ihre Fraßtätigkeit schaffen sie Nistmöglichkeiten für andere Organismen und dienen Vögeln, Fledermäusen und Eidechsen als Nahrung“, erläutert der Käferspezialist Stephan Gürlich, einer der Gutachter bei der jüngsten Bestandsaufnahme im Jasmund Nationalpark.

Traditions-Sechsbeiner

Allerdings stehen 60 Prozent der xylobionten Käfer auf der Roten Liste der bedrohten Arten, und ein großer Teil von ihnen gehört sogar zur Kategorie „stark gefährdet“. Das gilt vor allem für sogenannte Urwaldrelikt-Arten. Sie kommen aufgrund intensiver Waldnutzung in ganz Mitteleuropa nur noch selten vor – oder sind bereits ausgestorben. Diese Käfer brauchen zerfallendes, totes Holz und das auch kontinuierlich, weil sie wenig mobil sind. Sie gelten darum nicht nur als Indikatoren für die Strukturqualität eines Waldes, sondern auch für eine „Habitatstradition“. Eine solche Kontinuität ist nur in historisch alten Wäldern zu finden. Im Jasmund, dem kleinsten Nationalpark Deutschlands, hat der Käferspezialist mit Aeletes atomarius zwar nur eine dieser Arten nachweisen können, diese „allerdings in beiden Untersuchungsjahren in mehreren Proben und mit zahlreichen Individuen“. Ein Grund dafür könnte neben der geringen Größe des Gebiets die besondere Lage des Waldes sein, der einem maritimen Klima und nicht selten starkem Wind ausgesetzt ist. Beides könnten begrenzende Faktoren sein, so Gürlich. Dafür sprächen ähnliche Untersuchungsergebnisse im urtümlichen Wald der streng geschützten Insel Vilm, die Rügen vorgelagert ist und sich ebenfalls durch viel Totholz auszeichnet.

Eisvögel und andere Segler

Eine weitere Tiergruppe, die zum Reich der alten Buchenwälder gehört, sind die Fledermäuse. Mindestens zehn Arten haben die Ökologen Henrik und Annette Pommeranz und Christoph Paatsch während eines Untersuchungszeitraums von mehreren Monaten nachgewiesen. Dazu dürften noch weitere vier oder fünf kommen, die bereits vorher im Jasmund gesichtet wurden. Damit ist im Nationalpark die Vielfalt an Fledertieren vergleichsweise groß. Sonderstellungen nehmen dabei der Kleinabendsegler und die Große Bartfledermaus ein, die ansonsten im nördlichen Vorpommern kaum vorkommen. Der Kleinabendsegler ist eine mittelgroße, typische Waldfledermaus, die vor allem in großen und reich strukturierten Laubwäldern mit viel Altholz lebt. Als Quartier bevorzugt sie natürlich entstandene Baumhöhlen. Die Große Bartfledermaus, die ungeachtet ihres Namens zu den eher kleinen Fledermäusen gehört, jedoch ein langes Fell trägt, jagt bevorzugt im Laubwald und oft in der Nähe von Gewässern. Die finden sich im Jasmund Nationalpark reichlich, für Wanderer hörbar am immer wieder auftönendem Plätschern. Es stammt aus unzähligen Bächen und Rinnsalen, die den Wald durchströmen. Wegen ihres starken Gefälles und dem klaren Wasser erinnern sie an Gebirgsbäche. Man sieht bis auf den Grund und mit etwas Glück kann man einen bunt schillernden Eisvogel beobachten. Ein weiterer typischer Waldbewohner ist die Rauhautfledermaus, die ebenfalls die Nähe von Gewässern schätzt. Und auch sie mag einen hohen Anteil von Alt- oder Totholz.

Sukzession als Erfolg für die Natur

Für Fledermäuse, so das Ergebnis der Gutachter, ist der Stubnitz-Wald bereits heute als Sommerlebensraum und auf dem Durchzug bedeutsam. Und das wird in den kommenden Jahrzehnten mit dem Alter des Waldes noch zunehmen, wenn sich in den Buchen verstärkt Stammrisse und Höhlen bilden.

Für bedrohte Tier- und Pflanzenarten stellt der Nationalpark Jasmund also einen wichtigen Rückzugsraum dar. Die Naturnähe der Stubnitz heute zeige, so das Fazit der Inventur, dass sich hier über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten ein Waldökosystem ähnlich dem der Karpaten entwickeln kann. „Die Untersuchung war der Startpunkt für eine Dauerbeobachtung der natürlichen Sukzession“, sagt Stephanie Puffpaff, die das Sachgebiet Forschung und Monitoring im Nationalpark leitet. „Wir können nun den wunderbaren Prozess miterleben, durch den im Laufe der Zeit ein Buchenurwald entsteht.“

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