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Wissenschaft und Kunst: Neue Denkbilder

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften setzt das Thema „ArteFakte. Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“. Der Aufruf zur interdisziplinären Zusammenarbeit wird spannend.

Es ist der alte Traum von einer höheren Einheit der Künste und der Wissenschaften: von ihrer musischen wie auch erkenntnisliebenden Bruder- und Schwesternschaft. Ganz allgemeingebildet haben ihn zuletzt die Enzyklopäden des ausgehenden 17. und des 18. Jahrhunderts geträumt, zu denen ja auch der in Jurisprudenz und Mathematik, in der Gesteinskunde, Geschichtswissenschaft und über allem in der Philosophie bewanderte Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz gehörte. Leibniz verdankt sich im Berlin des Jahres 1700 die Gründung der zuerst noch als „Societät“ firmierenden Akademie der Wissenschaften, nachdem vier Jahre zuvor die (anfangs auf Malerei, Skulptur und Architektur beschränkte) Akademie der Künste ins Leben gerufen wurde.

Beide Institutionen hatten ihre Vorbilder in Paris und London, doch das waren die Hauptstädte großmächtiger Weltreiche. Auch ließ sich im zersplitterten Duodezfürstendeutschland an so etwas wie eine übergreifend repräsentative National-Akademie noch nicht denken. Eher glich es einer ambitionierten Verwegenheit des Brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., zwei solche Sammlungsorte der Künstler und Gelehrten in der Kleinstadt Berlin mit ihren damals gerade 20 000 Einwohnern zu befördern. Indes wurde aus dem Brandenburgischen Kurfürsten schon 1701 Preußens erster König, nunmehr Friedrich I., und heute, im Jubiläumsjahr seines Enkels Friedrich II., wirkt es durchaus bedenkenswert, dass Preußens Aufstieg von der Provinz zu einem ausstrahlenden Staatswesen mindestens symbolisch nicht mit militärischem Pomp, sondern mit den Wirkkräften des Geistes und der Künste begann.

Geist und Kunst hausten, was ihre Berliner Akademien anging, gleich Unter den Linden, zusammen mit den Pferden freilich des Königs und seinen Kutschen unter einem Dach. Hegel und nebenan die Universität kamen erst ein Jahrhundert später, aber der Weltgeist ritt in Preußen gleich neben den königlichen Gäulen. Auch das verhieß – eine gewisse Wertschätzung. Vor allem aber: Kunst und Wissenschaften bedachten sich und einander dort, wo heute die Staatsbibliothek steht, in einem gemeinsamen Haus.

Beide Akademien forschen in unterschiedlichen Galaxien

Jetzt liegen beide Akademien, die der Künste am Pariser Platz und die der Wissenschaften am Gendarmenmarkt, noch immer ganz im Zentrum. Aber Dichter und Denker scheinen oft genug durch geistige Welten getrennt zu sein. Genauer gesagt gilt dies bereits innerhalb der Wissenswelten, weil die traditionellen Geisteswissenschaften und die modernen Naturwissenschaften, die im Englischen als „humanities“ und als „sciences“ schon begrifflich getrennt werden, zwar im selben Universum forschen, aber gleichsam in unterschiedlichen Galaxien. Wer über den Subtext eines Eichendorff–Verses oder die ikonographische Variante eines Motivs der Kunstgeschichte brütet, ist in seiner intellektuellen Kompetenz inhaltlich kaum mehr dem Verdampfen der Schwarzen Löcher im All, der physikalischen String-Theorie oder biochemischen Molekularprozessen gewachsen. Und umgekehrt.

Wie gewagt und vernünftig, wie verwegen, ein bisschen verrückt und wie nötig wirkt es da, dass die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften als Jahres-Motto für ihre Ausstellungen und zahlreiche Veranstaltungen nun diese Doppelthese gewählt hat: „Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“.

Das Motto stimmt, so sehr, wie es zugleich fragwürdig ist. Also der Fragen, der Debatten, des Nachdenkens würdig. Denn genau das, was hier für die Sphären der Imagination und des Intellekts wechselweise behauptet und beschworen wird, ist eben nicht mehr selbstverständlich.

Mit einem gewissen Neid müssen Geisteswissenschaftler konstatieren, dass spätestens seit der Erleuchtung durch die Elektrizität und seit den von Max Planck kurz darauf, im Jahr 1900, in Berlin erstmals formulierten Grundlagen der Quantenphysik das ohnehin strapazierte Prädikat der „Innovation“ fast ausschließlich noch bei naturwissenschaftlichen Erkenntnissen oder technologischen Erfindungen einen Sinn ergibt.

Der „uomo universale“ wurde als Künstler, Naturwissenschaftler und Ingenieur einst ideal verkörpert von Leonardo da Vinci. Goethe war noch Dichter, Finanzminister, Mineraloge, Theaterintendant, Farbenlehrer und manches mehr. Als weltreisender Naturforscher und Sammler hat den enzyklopädischen Wissenshunger in alle irdischen Höhen und Tiefen dann Alexander von Humboldt getrieben, der sich 1807 für Berlin ein Universalmuseum unter der Ägide der Akademie der Wissenschaften wünschte. Knapp 150 Jahre später starb das seit Humboldt wohl berühmteste (wegen der Nazibarbarei 1933 ausgetretene) Mitglied der Akademie, ohne seinen Lebenstraum erfüllt zu haben: Albert Einstein hatte die für die Erklärung des Universums und die Vereinigung seiner Allgemeinen Relativitätstheorie mit der Quantenphysik ersehnte „Weltformel“ nie gefunden.

Die Schönheit des Denkens

Sie existiert, trotz String-Hypothesen und jüngster, für den Normalverstand kaum fasslicher Teilchenbeschleuniger bis heute nicht. Angesichts solcher Komplexität des Weltwissens rettete sich das humanistisch bildungsbürgerliche oder auch künstlerisch ästhetische Selbstbewusstsein in das leicht verzweifelte und zugleich ironische Eingeständnis, dass der globalisierte Mensch sich in der neuen Unübersichtlichkeit eben auf Kosten einer höheren Verständnislosigkeit einzurichten habe. Künstler sind im übrigen dem Chaos, dem Absurden, dem Dunkel, dem geheimnisvoll Unerklärlichen ohnehin näher als dem rein Begrifflichen, Logischen, als der hellen oder in der äußersten Abstraktion bisweilen irrlichternden Vernunft.

Einerseits. Andererseits gibt es auch, über die Philosophie hinaus, die Schönheit des Denkens. Der mathematisch begabte Dichter Hans Magnus Enzensberger erzählt gerne von der „Schönheit der Zahlen“. Sigmund Freud hat nicht nur als Arzt und Analytiker, sondern als Schriftsteller mit einem ungemeinen Sinn für den Rhythmus von Sätzen und den Glanz des treffenden Worts geschrieben – mit Recht ist der bedeutendste Preis für wissenschaftliche Prosa, verliehen von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, nach ihm benannt. Oder, letztes Beispiel, „Eine kurze Geschichte der Zeit“, das berühmteste Buch des soeben 70 Jahre alt gewordenen Physikers Stephen Hawking, ist eine der großen ergreifenden Erzählungen unserer Welt.

Komponisten und Musiker von Johann Sebastian Bach bis John Cage verwendeten auch mathematische Prinzipien. Bahnbrechende Schriftsteller wie Georg Büchner, Arthur Schnitzler oder Alfred Döblin waren Mediziner. Herman Melvilles Großroman „Moby Dick“ sprengt die Grenzen der Poesie, wird auch zur Wissenschaft der Wale, des Meeres, der Nautik und Winde. Elias Canetti ist so viel Poet wie Philosoph und Soziologe, Thomas Mann spannt Bögen von der sumerischen Archäologie bis zur Zwölftonmusik. Umberto Eco ist Semiotiker, Mediävist, Romancier und Medientheoretiker in einem. Filmregisseure wie Jean-Luc Godard oder David Lynch, bildende Künstler wie einst Joseph Beuys oder heute Olafur Eliasson treiben praktische Erkenntnistheorie, die Theatertruppe Rimini Protokoll verbindet Kybernetik und Genforschung mit Performance. Und Architekten wie Frank O. Gehry oder Daniel Libeskind machen ihre Museumsbauten in Bilbao oder Berlin längst zu eigenen Kunstwerken: Renaissance reloaded.

Bildhaftes Denken ist notwendiger denn je

Den naiven, rein intuitiv und gleichsam voraussetzungslos und damit „unwissend“ operierenden Künstler kann es in der globalen Informationsgesellschaft kaum noch geben. Für die Literatur hat Botho Strauß einmal formuliert, dass heute alles noch zu Schreibende „unter Aufsicht“ des bereits Geschriebenen stehe. Und für das Publikum gilt nicht nur in den bildenden Künsten mit ihren zahllosen Anspielungen, zeichenhaften Querverweisen, Referenzen oder auch Verrätselungen immer mehr das berühmte (auf Goethe zurückgehende) Diktum des Kunsthistorikers Aby Warburg: „Man sieht nur, was man weiß.“

Den wohl triftigsten Ausdruck der Nähe zwischen künstlerischer Imagination und wissenschaftlicher Theorie hat freilich Theodor W. Adorno gefunden, als er eine Sammlung von ab Ende der 1920er Jahre entstandenen Betrachtungen und Reflexionen Walter Benjamins posthum mit dem Titel „Denkbilder“ überschrieb. Denkbilder und bildhaftes Denken braucht es angesichts der Macht der Bilder inzwischen mehr denn je.

Auch die avancierten neuen Naturwissenschaften aber bedürfen ihrerseits einer diskursiven Rückkoppelung. Die Reflexion dessen, was beispielsweise in den Laboren der Gentechniker, der Biochemiker und Biophysiker geschieht, kann nicht als schiere Selbstbespiegelung geschehen. Die Fülle dort ständig neu entstehender rechtlicher, ethischer, philosophischer, politischer, wirtschaftlicher Fragen verlangt den Dialog mit den „Humanities“. Wissen ist Macht, und Macht erfordert durchaus Anteilnahme, Kritik und Kontrolle. Wissen ist zudem nicht völlig abtrennbar vom Gewissen.

Aufruf zum Interdisziplinären als Herausforderung

„Wissen ist Kunst“. Ja. Aber zu ihr gehört auch die Kunst, über die Grenzen des Wissens Gewissheit zu erlangen. Um sie dann zu durchbrechen. Oder um sie im Austausch mit Künstlern oder Wissenschaftlern anderer Fächer zu reflektieren, zu respektieren. Der Unvollständigkeitssatz des Mathematikers Kurt Gödel oder Thomas S. Kuhns Theorie des Paradigmenwechsels bei wissenschaftlichen Revolutionen besagen, dass innerhalb eines Denksystems keine letztgültigen Aussagen über dieses System zu treffen sind. Auf der anderen Seite gehört zum Wesen des Kunstwerks, dass es das begriffliche Denken derart übersteigt, dass es durch keine wissenschaftliche Logik im Kern des „Inkommensurablen“ (nochmals Goethe) völlig erklärt und damit potentiell ersetzt werden kann.

In diesem Spannungsfeld der schwierigen, verlockenden, verheißungsvollen Annäherung jenseits der Vereinnahmung wird der im Jahresmotto „Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“ enthaltene Aufruf zum Interdisziplinären erst selber wirklich spannend. Friedrich Nietzsche schrieb einst in der „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“: „Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur befangen und kennt als Ideal den mit höchsten Erkenntniskräften ausgerüsteten, im Dienst der Wissenschaft arbeitenden theoretischen Menschen, dessen Urbild und Stammvater Sokrates ist.“

Es ist über den Graben zweier Kultur-Formen hinweg doch noch einmal der Traum – nicht mehr von einer enzyklopädischen Einheit. Aber doch von einer zuerst im Angelsächsischen beschworenen „Third Culture“: einer sokratischen Gemeinsamkeit im untrennbar Unterschiedenen.

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