Neues Buch zur Farbe Blau : Blau oder Blün?

Alles, was wir schon immer über die Farbe Blau wissen wollen, steht in einem aufschlussreichen neuen Buch des Wissenschaftsjournalisten Kai Kupferschmidt.

Das synthetische Blau „YInMn“ im Labor des Chemikers Mas Subramanian.
Das synthetische Blau „YInMn“ im Labor des Chemikers Mas Subramanian.Foto: Shutterstock

Ein Buch über die Farbe Blau muss an einem Montag erscheinen. Schließlich ist es ja eine altbekannte Redewendung, dass am „Blauen Montag“ gern „blaugemacht“ wird. Ein kurzer Blick in die Statistik enttäuscht allerdings. Zumindest unter AOK-Versicherten fielen die häufigsten Krankmeldungen 2017 auf einen Dienstag – wie viele davon auf den Wunsch zurückzuführen sind, einen Schnupfen vorzugaukeln und nichts zu tun, lässt sich freilich nicht ergründen.

Wohl aber, woher die Redewendung des „Blaumachens“ überhaupt kommt. Ohne zu viel über das Buch zu verraten: Da beim letzten Schritt des Färbeprozesses, etwa von Jeans mit Indigo, die Färber rein gar nichts zu tun hatten als die Hosen an die Luft zu bringen und auf den Farbumschlag zu warten, hat sich das Blaumachen vermutlich als Synonym fürs Nichtstun eingebürgert.

Derartigen Müßiggang kann man dem Wissenschaftsjournalisten (und ehemaligen Tagesspiegel-Autor) Kai Kupferschmidt nicht vorwerfen, denn für sein Buch „Blau – Wie die Schönheit in die Welt kommt“ hat er jahrelang recherchiert und sich dem Farbton aus allen erdenklichen Perspektiven genähert. So blickt er zuerst in die Erde, woher die berühmtesten Blaus stammen, etwa Lapislazuli, der „blaue Stein“, der schon vor 7000 Jahren im Hindukusch abgebaut wurde und die ägyptischen Pharaonen faszinierte. So sehr, dass sie wohl auch das erste Rezept entwickelten, um (buchstäblich und mühsam) Blau zu machen, wovon die Kacheln in den Gängen zu Pharao Djosers Grabkammer zeugen.

Wie der Eindruck von Blau im Kopf entsteht

Aber natürlich widmet der gelernte Molekularbiologe Kupferschmidt sich auch der Chemie und Biologie der Farbe und erklärt, wie der Eindruck von Blau in unserem Kopf eigentlich entsteht: „Das strahlende Blau einer Kornblume ist eine Art Gemeinschaftsarbeit zwischen uns und der Pflanze.“ Die Evolution habe blau schimmernde Schmetterlinge genauso hervorgebracht wie die Fähigkeit, diese Farbenpracht wahrnehmen zu können. Beim Menschen etwa mit Hilfe der „Blauzapfen“ in der Netzhaut.

[Kai Kupferschmidt: „Blau – Wie die Schönheit in die Welt kommt“. Hoffmann und Campe, Hamburg, Oktober 2019, 235 Seiten, 26 Euro.]

Selbstverständlich enthält das Buch des Wahlberliners auch ausreichend Lokalkolorit, etwa wenn es um „Preussisch-Blau“ geht, oder im Kapitel „Bedrohtes Blau“, das eine in freier Wildbahn bereits ausgestorbene, himmelblau gefiederte Papageienart aus Brasilien schildert. 50 Exemplare dieses Spix-Aras gab es 2004 noch in Gefangenschaft, verstreut in alle Welt. Vom Verein zur Erhaltung bedrohter Papageien im brandenburgischen Rüdersdorf werden sie seitdem mühsam gezüchtet, um sie irgendwann wieder auswildern zu können.

Der Sphix-Ara.
Der Sphix-Ara.Foto: Shutterstock

Vielleicht ist es nicht jedermanns Sache, dass Kupferschmidt „seine“ Geschichte vom Blau erzählt. Angefangen bei seiner kindlichen Aufregung beim Kauf des ersten azurblauen Steins im Italienurlaub, über sein Entzücken beim Anblick des jüngsten synthetischen Blaus „YInMn“ im Labor des Chemikers Mas Subramanian, bis hin zum Besuch bei Paul Kay in Berkeley. Der Linguist hat herausgefunden, dass Menschen in verschiedenen Sprachen Farben erstaunlich ähnlich benennen – und einige Völker Grün und Blau nicht unterscheiden, sondern als „Blün“ bezeichnen.

Ein persönlicher Anstrich im Buch

Wo andere Sachbuchautoren die eigene Perspektive ausblenden, lässt Kupferschmidt sein Staunen über die facettenreichen Hintergründe der Farbe immer wieder durchschimmern. Das gibt dem Buch persönlichen Anstrich. Und es ist ehrlich. Denn wenn er schildert, dass Blau für ihn sehr viel mehr als nur eine „Lieblingsfarbe“ ist und was ihn diese Wellenlängen des Lichts zwischen 430 und 490 Nanometer in unterschiedlichen Situationen empfinden lassen, erstickt die unweigerlich aufkeimende Frage: Warum schreibt er nicht über Rot? Oder Grün?

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Und es wird klar: Auch wenn dieses Buch ein Bestseller wird, was ihm zu wünschen ist, wird es wohl keine Fortsetzungsbände quer durchs fast unendliche Farbspektrum geben.

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