Raketenprobleme : Countdown für Start von europäischem Teleskop abgebrochen

Das Weltraumfernrohr eROSITA sollte heute ins All gebracht werden. Doch nun wird der Start verschoben. Grund ist ein Problem mit der Rakete.

Gold’nes Spieglein. Wer sieben mal 54 rechnen kann, weiß, wie viele goldbeschichtete Spiegel bei eRosita Röntgenlicht sammeln werden.
Gold’nes Spieglein. Wer sieben mal 54 rechnen kann, weiß, wie viele goldbeschichtete Spiegel bei eRosita Röntgenlicht sammeln...Foto: dpa

Die Sterne und Galaxien jagen auseinander, beständig dehnt sich das Universum aus. Das hatten Georges Lemaître und Edwin Hubble schon Ende der 1920er-Jahre herausgefunden. Seit 20 Jahren wissen Astrophysiker, dass sich die Ausdehnung sogar beschleunigt. Doch bei der Frage, was das All auseinandertreibt, sind sie kaum weitergekommen. Möglicherweise spielt die „Dunkle Energie“ eine maßgebliche Rolle. Sie ist eine Gegenspielerin der Gravitation, die größere Strukturen wie Galaxien und Galaxienhaufen offenbar voneinander weg bewegt. Um mehr über diese Dunkle Energie zu erfahren, sollte am Freitag die deutsch-russische Mission „Spectrum-Roentgen-Gamma“ starten. Nach Angaben des federführenden Max-Planck-Instituts für Extraterrestrische Physik (MPE) in Garching wurde der Countdown am Freitagvormittag deutscher Zeit aber abgebrochen. Grund soll ein Problem mit einer Batterie der Proton-Rakete sein, die um 14.17 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit vom Kosmodrom Baikonur abheben sollte. Wann gestartet werden kann, ist derzeit unklar. Ein Ausweichen auf den Samstag war letztlich nicht möglich. MPE-Sprecherin Hannelore Hämmerle teilte am Samstag mit, dass auch unsicher sei, ob der Ersatztermin am 12. Juli genutzt werden kann.

Hängend zwischen Sonne und Erde

Wichtigstes Instrument der Mission ist „eROSITA“ (extended Roentgen Survey with an Imaging Telescope Array). Das Teleskop Es soll die Verteilung von rund 100 000 Galaxienhaufen untersuchen. Es ist gemeinsam mit dem russischen Instrument ART-XC auf einer Plattform montiert, die anderthalb Millionen Kilometer von der Erde entfernt am sogenannten Lagrangepunkt L2 positioniert werden soll. Dort heben sich die Anziehungskräfte von Erde und Sonne auf, sodass die beiden Teleskope ohne großen Energieaufwand im Lauf der Zeit den gesamten Himmel beobachten können.

Das Teleskop wird nach Röntgenquellen suchen. Das sind extrem heiße Objekte, etwa die Umgebung Schwarzer Löcher oder Galaxienhaufen. „Das Gas, in dem die Sternensysteme eingebettet sind, kann bis zu 100 Millionen Grad Celsius haben“, sagt Peter Predehl, wissenschaftlicher Leiter der Mission am MPE. „Mit optischen Teleskopen sieht man dies aber nicht, sondern nur die einzelnen Sterne.“ Das Problem: Viele registrierte Lichtpunkte nah beieinander sind nicht zwangsläufig Galaxienhaufen, es können auch Sterne in sehr unterschiedlicher Entfernung sein, die zufällig nahe der Sichtachse liegen. Erst die Gaswolke, die im Röntgenlicht erstrahlt, gibt einen klaren Hinweis auf Galaxienhaufen.

Teuer und verspätet

Das Ziel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es, diese Millionen Lichtjahre großen Haufen genauer zu vermessen. Mithilfe optischer Beobachtungen lässt sich beispielsweise die Entfernung ermitteln und daraus wiederum, entsprechend ihrer Helligkeit im Röntgenlicht, die Masse. „Je weiter man in den Kosmos blickt, umso älter sind die Objekte“, erläutert Predehl. „Anhand der Daten lässt sich also sagen, in welchem Alter des Universums es welche spezifische Dichte hatte.“ Das erlaube Rückschlüsse auf die Ausdehnung des Alls. „Es gibt auch Theorien, wonach das Universum sich nicht in alle Richtungen gleich schnell ausdehnt, sondern es blasenförmige Regionen gibt, wo dies langsamer abläuft.“ Das Teleskop soll gleichsam nachschauen, wie es wirklich ist. das wiederum würde Rückschlüsse auf Eigenschaften und Wirkweise der Dunklen Energie erlauben.

Rund 90 Millionen Euro kostet die Mission. Finanziert wird sie von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Eigentlich sollte sie schon 2012 starten. Das Teleskop sei zunächst auch für einen erdnahen Orbit gedacht gewesen, berichtet Axel Schwope vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam, das ebenfalls beteiligt ist. Um die Lageregelung zu erleichtern, habe man sich später dann für den L2 entschieden. Das erforderte aber auch eine veränderte Konstruktion mit besserem Strahlenschutz. Die Fertigung der sieben „Röntgenaugen“ mit je 54 Spezialspiegeln und einer empfindlichen Kamera habe zusätzlich Zeit gekostet. Nun ist es geschafft und eROSITA soll etwa 25-mal empfindlicher sein als das 1990 gestartete europäische ROSAT-Teleskop.

Und noch ein bisschen Wartezeit

Rund dreieinhalb Millionen Punktquellen, also Schwarze Löcher oder Neutronensterne, dürfte das Teleskop bei der Himmelsdurchmusterung aufspüren, haben die Forscher errechnet. Dazu kommen rund 100 000 Flecken – die gesuchten Galaxienhaufen. All diese Daten gelangen dank einer am AIP entwickelten Software in eine Datenbank. Astrophysiker können sich dort genau jene Objekte heraussuchen, die sie interessieren und beispielsweise mit Messungen optischer Teleskope kombinieren. „Nach vier Jahren werden wir acht vollständige Himmelskarten haben“, sagt Schwope. Die könne man kombinieren, aber auch in ausgewählten Regionen nach Veränderungen suchen. Die Mission geht danach noch zweieinhalb Jahre weiter. Dann können sich Forscher um Messzeit bewerben, um eROSITA auf besonders interessante Objekte auszurichten.

So wie der Start eine Weile auf sich warten ließ, muss man auch für die wissenschaftlichen Ergebnisse Geduld haben, da die Röntgendaten erst in Kombination mit Messungen anderer Verfahren fundierte Schlüsse erlauben. Schwope rechnet in fünf bis sechs Jahren mit der „vollen Ernte“.

Doch nun kommt also erst einmal eine weitere Verspätung hinzu.

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