Riskante Forschung : Mutige Ideen – Scheitern erlaubt

Was von der gezielten Förderung riskanter Forschung zu erwarten ist, zeigt die Evaluation des deutschen Pilot-Programms "Experiment!".

Symbolfoto einer Wissenschaftlerin, die riskante Forschung betreibt.
Mut zum Risiko auch beim Forschungsförderer: Die Hälfte der Projekte für „Experiment!“ wird seit 2017 im Losverfahren ausgewählt.Foto: Getty Images/iStockphoto

Lassen sich Angstzustände beim Menschen auf Angstreaktionen von Tieren zurückführen? Gibt es einen Gentest, um Lebensmittelbetrug bei Bioprodukten aufzudecken? Verursacht das in dem Herbizid „Round up“ enthaltene Glyphosat einen Stressfaktor, der schlafende Viren auf Bakterien aktiviert und diese damit abtötet? Diese Forschungsfragen haben es in sich – und das nicht nur, weil sie gesellschaftlich relevante Felder berühren. Sie sind exemplarisch für das Risiko, das zwischen einem genialen Ansatz und einer verfehlten Hypothese liegt.

„Dass Umweltgifte wie Glyphosat Bakteriophagen beeinflussen könnten und damit das gesamte Ökosystem, war ein Zufallsfund bei einem ganz anderen Projekt“, sagt Olga Makarova, die am Institut für Tier- und Umweltgesundheit der Freien Universität Berlin forscht. Sollte sich ihre Hypothese belegen lassen, würde sie den Erkenntnissen zur Wirkung des umstrittenen Herbizids einen wichtigen Puzzlestein hinzufügen. Ihr Projekt stehe aber noch am Anfang einer frühen Pilotphase, sagt Makarova. In der herkömmlichen Forschungsförderung hätte sie damit keine Chance. Und doch wird sie seit einem halben Jahr von der Volkswagenstiftung dabei unterstützt, ihren „Zufallsfund“ weiterzuverfolgen.

„Experiment!“ heißt das Programm, mit dem die bundesweit größte unabhängige Wissenschaftsstiftung riskante Forschung unterstützt. Die 2013 gestartete Initiative ermöglicht „originelle Forschung mit Risikobereitschaft“ und will neue Themen und Methoden voranbringen – in den Lebenswissenschaften, den Naturwissenschaften und den Ingenieurwissenschaften. Eine Selbstverständlichkeit, die generell von der Forschungsförderung zu erwarten wäre? Keineswegs, denn unterstützt wird zumeist „Mainstreamforschung“, die auf der Forschungstradition aufbaut und deren Ergebnisse häufig erwartbar sind.

Gefördert wird meist der Mainstream - mit erwartbaren Ergebnissen

Schon im Projektantrag, so ein oft gehörter Vorwurf an die herkömmliche Forschungsförderung, muss lang und breit dargelegt werden, inwiefern die Ergebnisse von Vorgängerprojekten die eigenen Annahmen vorzeichnen. Das Resultat soll möglichst schon skizziert werden. Auf diese Weise den Mainstream zu bevorzugen, wurde den Gutachtern schon in der ersten Runde der Exzellenzinitiative vorgehalten. Generell richtet sich der Unmut bis heute insbesondere gegen die staatlich finanzierten Förderer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis zum Bundesforschungsministerium.

Das Programm der Volkswagenstiftung sei „ein Versuch, auf die seit Jahrzehnten periodisch auftretende Kritik an Gutachterverfahren zu reagieren“, sagt Stefan Hornbostel, Abteilungsleiter am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Die private Stiftung verstehe sich als „Impulsgeberin für neue Formate“. Die auf 18 Monate mit maximal 120 000 Euro für Sach- und Personalmittel finanzierten angelegten „Experiment“-Projekte seien allerdings nur eine Anschubförderung „zum Ausbuchstabieren größerer Vorhaben“. Erst wenn diese in einigen Jahren zu bahnbrechenden Ergebnissen führen würden, könnte man von einem Erfolg des Programms sprechen, sagt Hornbostel.

Drei Seiten Antrag - und bei 50 Prozent entscheidet das Los

Und doch ist „Experiment!“ das bislang einzige Programm, dass hierzulande explizit Projekten mit ungewissem Ausgang eine Chance gibt. Riskante Forschung will zwar auch der Europäische Forschungsrat (ERC) fördern, von dessen millionenschweren Grants Jahr für Jahr Dutzende Forschende in Deutschland profitieren. Der ERC geht dabei aber weniger systematisch vor. Bei der Volkswagenstiftung müssen die Bewerber eine lediglich dreiseitige Antragsskizze einreichen. Die üblichen langen Literaturlisten sind ebenso wenig gefordert wie Referenzen der Vorgesetzten. Über die anonymisierten Anträge entscheidet zum einen eine kleine Jury mit Experten und Expertinnen aus den drei großen Fächergruppen, die keine Spezialisten für das jeweilige Projektthema sein müssen. Zum anderen kommt seit 2017 die Hälfte der Geförderten über ein Losverfahren an ihr Projektgeld.

Das sei konsequent, meint Hornbostel: Aus der Peer-Review-Forschung wisse man, dass „Gutachter gut darin sind, die absolute Spitze und die Schlusslichter zu identifizieren“. Das breite Mittelfeld aber „kann man eigentlich gleich würfeln“. Trotzdem gelte das Losverfahren als „Zumutung für die Reviewer“, eben weil es ihnen ein grundsätzliches Misstrauen ausspricht.

Porträtfoto von Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel vom DZHW.
Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel vom DZHW.Foto: DZHW

Wie groß aber tatsächlich der Frust über die traditionellen Verfahren ist und wie groß die Freude, einer vagen, aber vielversprechenden Idee ohne Karriererisiko nachgehen zu können, zeigt jetzt eine erste Evaluation des Programms der Volkswagenstiftung. An der bislang unveröffentlichten Befragung durch die österreichische Forschungsgesellschaft Johanneum und das Berliner Beratungsinstitut Evaconsult, die dem Tagesspiegel vorliegt, nahmen 50 der 67 zwischen 2013 und 2016 Geförderten teil. Von ihnen stammte gut die Hälfte aus den Lebenswissenschaften, ein Drittel aus den Naturwissenschaften und gut 20 Prozent aus den Ingenieurwissenschaften.

"Peer Review-Verfahren tendiert zu konservativer Auswahl"

Die Befragten bestätigen die Kritik an herkömmlichen Auswahlverfahren: Drei Viertel beklagen, das Peer Review tendiere zu einer eher konservativen Auswahl. Und mehr als die Hälfte sieht einen Gutachterbias, Gutachter in der Forschungsförderung seien also häufig gegen neue Ansätze grundsätzlich voreingenommen.

Bei „Experiment!“ dagegen „waren innovative Ideen auch ohne Vorarbeiten ,ausprobierbar‘“, wie ein Befragter aus den Lebenswissenschaften lobt. Ein Ingenieur hebt für sein Projekt hervor, es sei „verbunden mit hohem Risiko zu scheitern, aber auch mit sehr hohem Potenzial bei Gelingen“. 72 Prozent bescheinigen ihrem Vorhaben, akzeptiertes Fachwissen herauszufordern, und 86 Prozent wählten neue methodische Zugänge. Fast die Hälfte gibt zudem an, ihr Projekt baue gar nicht bis wenig auf Ergebnissen aus der eigenen früheren Forschung auf.

Die meisten Risiko-Forschenden sind männliche Professoren

Trotz ihres Forschungsrisikos bescheinigen sich die Befragten eine hohe Erfolgsquote. Zwar hat nur ein Viertel die Projektziele (bisher) voll und ganz erreicht, aber 42 Prozent sagen, dass sie die Ziele teilweise erfüllen, und weitere 21 Prozent haben sie „anders als erwartet“ erreicht. In nur sechs Prozent der Projekte habe sich die Forschungsidee als nicht realisierbar herausgestellt.

In der Gruppe der Geförderten fallen allerdings starke Ungleichgewichte auf. Die Professoren dominieren mit zwei Dritteln der Geförderten (52 auf Professuren, 16 Prozent auf Juniorprofessuren). Obwohl das Programm Bewerbern ab der Promotion offensteht, sind Postdocs in der Minderheit. Zudem sind nur sehr wenige Forscherinnen beteiligt – unter den 67 Geförderten der ersten drei Jahre sind nur elf Frauen, unter den Befragten acht von 42.

Porträtfoto von Dagmar Simon, Geschäftsführerin von Evaconsult.
Dagmar Simon, Geschäftsführerin von Evaconsult und bis 2016 Leiterin der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am...Foto: David Ausserhofer/WZB

Die Dominanz der Professoren liege nicht am Auswahlverfahren, sondern sei schon bei den Bewerbungen ausgeprägt, sagen die Hochschulforscherinnen Dagmar Simon und Martina Röbbecke von Evaconsult. Das Risiko, mit einer ambitionierten Forschungshypothese zu scheitern, könnten sich Postdocs kaum leisten. „Eineinhalb Jahre einen Irrweg zu verfolgen, wäre ein zu großer Zeitverlust auf einer befristeten Stelle“, meint Simon. In Interviews mit den Forschenden zeige sich, wie etablierte Wissenschaftler denken: „Als Professor habe ich die Chance, das jetzt auszuprobieren, und mit den Ergebnissen bewerbe ich mich bei anderen Programmen.“ Und wer als Professor scheitert, riskiert nicht seine Karriere.

"Positiver Wendepunkt meiner Karriere"

Überrascht wurden die Forscherinnen indes vom geringen Frauenanteil, der noch weit unter der Repräsentanz von Wissenschaftlerinnen in den geförderten Disziplinen liegt. Es gebe bislang auch in der Stiftung „keine gute Erklärung“ für die offensichtlich geringere Risikobereitschaft, sagt Dagmar Simon.

Risikoscheu? Das treffe auf sie persönlich keinesfalls zu, sagt Olga Makarova. Die Mikrobiologin hat sich vor einem Jahr als Postdoc für „Experiment!“ beworben, jetzt ist sie Forschungsgruppenleiterin und Habilitandin an der FU. Sie bestätigt aber das generelle Problem, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterhalb der Professur „oft nicht in der Position sind, Risikoforschung zu betreiben – ihre Chefs könnten es als ,Ablenkung‘ von laufenden Projekten sehen“. Frauen wiederum kämen gerade in den Lebenswissenschaften seltener auf Professuren, auf denen sie dann auch riskante Experimente wagen könnten. Ihren eigenen Erfolg in dem Programm sieht Markarova als „positiven Wendepunkt in meiner Karriere“.

Und was ist, wenn Bakteriophagen doch nicht auf Glyphosat reagieren? Ist sie bereit, ein Scheitern hinzunehmen? „Auch wenn es nicht funktioniert, lernen wir viel über Round up, das weltweit meistgenutzte Herbizid“, sagt Makarova.

Kritik an Arbeitsbedingungen, die riskante Forschung kaum erlauben

Ist also die gezielte Förderung von „riskanter Forschung“ der Stein der Weisen, um wirklich innovative Ansätze zu fördern? Nicht allein, meint Wissenschaftsforscher Stefan Hornbostel. Wichtig wäre vor allem ein grundsätzlicher Wandel in der Forschungsförderung: „Weg vom reinen Wettbewerb, der Konformität und Sicherheitsdenken hervorbringt. Hin zu nachhaltigen Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, die es generell erlauben, auch riskanten Ansätzen ohne Karriererisiko nachzugehen.“

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