Satelliten-Studie : Holzeinschlag gefährdet Europas Klimaziele

Aus Holz wird in Europa emissionsarme Bioenergie gewonnen. Doch die Kohlenstoffrechnung geht nicht auf.

Satellitenaufnahme von Wald in Schweden
Wald aus dem Weltraum. Landsat-Aufnahme von Wäldern in Nordschweden. Bei dem weißen Strich handelt es sich um den Kondensstreifen...Foto: USGS/NASA Landsat

Seit 2016 wird in der Europäischen Union mehr Holz geschlagen, das häufig in Bioenergiekraftwerken verbrannt wird. Der nachwachsende Rohstoff soll den Kohlendioxid-Ausstoß zwar senken, lässt die Emissionen unter dem Strich aber kurzfristig wachsen.

Guido Ceccherini und seine Kollegen von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Kommission der Europäischen Union im italienischen Ispra haben Daten der Landsat-Satelliten ausgewertet. Wie das Forschungsteam in der Zeitschrift „Nature“ berichtet, wurde in den Jahren 2016 bis 2018 im Durchschnitt 49 Prozent mehr Flächen abgeholzt und 69 Prozent mehr Holz aus den Wäldern geholt als in den Jahren 2011 bis 2015.

Holz gilt als klimaneutraler Brennstoff, da beim Verbrennen nur so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie der Baum der Atmosphäre beim Wachsen entzogen hat. Die EU bewertet seit 2018 zum Verfeuern geschlagene Bäume als nachhaltige Energieproduktion. In den Kraftwerken soll Holz den fossilen Brennstoff Kohle zumindest teilweise ersetzen. Das hat den Holzeinschlag anscheinend bereits zunehmen lassen – und die Emissionen.

Kohlenstoff-Payback

„Ist ein Buchenwald 120 Jahre lang gewachsen und wird sein Holz dann verbrannt, wird das in dieser Zeit gespeicherte Kohlendioxid schlagartig freigesetzt“, erklärt der Waldökologe Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Wächst auf der Fläche wieder ein Buchenwald, dauere es also 120 Jahre, bis die Klimabilanz ausgeglichen ist.

Auch wenn das Holz zu Möbeln verbaut wird, verbessert sich die Situation kaum. „Heutzutage werden solche Möbel oft nach ein paar Jahren durch neue ersetzt und die alten wandern in die Verbrennung“, sagt Pierre Ibisch. „Die sogenannte Kohlenstoff-Payback-Zeit verkürzt sich also nur ein wenig“.

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden und den Treibhausgasausstoß auf netto null zu bringen. Dazu werden aber die Wälder gebraucht, die derzeit auf rund 38 Prozent der EU-Fläche wachsen. Die Bäume nehmen rund zehn Prozent des Kohlendioxids auf, das beim Verbrennen von Kohle, Öl und Gas, aber auch bei der Produktion von Stahl, anderen Metallen und Zement freigesetzt wird.

Werden die Wälder weiter so abgeholzt wie in den Jahren 2016 bis 2018, würden die Bäume erheblich weniger kompensieren und Europa müsste seine Emissionen noch stärker als bisher geplant drosseln, um sein Klimaziel zu erreichen, erklären Ceccherini und seine Kollegen in ihrem Artikel.

Käseloch-Landschaft

Die EU-Forscher sehen ab dem Jahr 2016 eine Zunahme der nicht mehr mit Wald bedeckten Fläche, der in Ländern wie Schweden, Finnland, den drei baltischen Staaten und Polen besonders stark ist. Er lasse sich nicht auf Sturmschäden oder Waldbrände zurückführen. „Vor allem in Skandinavien wird sehr viel abgeholzt und durch die vielen Kahlschläge entsteht eine Art Käseloch-Landschaft“, bestätigt Ibisch.

Die lange Payback-Zeit der Holzernte ist nicht das einzige Klima-Problem. Für Anpflanzungen neuer Bäume wird der Boden häufig mit schweren Maschinen bearbeitet. Dadurch werden Mikroorganismen aktiv, die in der Erde gebundenes Kohlendioxid freisetzen. Das passiert zwar auch im Waldboden. Der Wald speichert jedoch erheblich mehr Kohlendioxid als Humus als freigesetzt wird. Kahl geschlagene Flächen werden von Kohlenstoff-Senken zu Quellen des Treibhausgases.

Zudem verändert sich das Mikroklima: Das Kronendach eines Waldes spendet Schatten, kühlt und hält Feuchtigkeit im Wald. Nach einem Kahlschlag heizt die Sonne den Boden auf und es wird deutlich trockener.

Der Klimawandel verschärft das Problem. „Wir können das auf unseren Versuchsflächen südlich von Berlin gut beobachten“, berichtet Ibisch. Dort standen im Hitzesommer 2018 rund 400 Hektar Wald in Flammen, drei Ortschaften mussten evakuiert werden.

Privatwaldbesitzer entfernten danach das Holz von ihren Flächen und pflanzten wieder Kiefern. Rund drei Viertel der jungen Bäume überstanden den nächsten Dürresommer 2019 aber nicht.

Auf den Versuchsflächen der Forscher aus Eberswalde stehen die verbrannten oder abgestorbenen Kiefern dagegen noch und spenden Schatten. Ohne Bodenbearbeitung und Pflanzen von Setzlingen hält sich auch die Freisetzung von Kohlendioxid in Grenzen. Zudem keimten ohne Zutun der Forscher etliche Bäume wie Zitterpappeln.

„Einige dieser Bäumchen sind inzwischen sogar über zwei Meter hoch, halten weitere Feuchtigkeit zurück und bereiten bereits den Boden für einen späteren Mischwald vor“, erklärt Ibisch.

Klimaziele unterlaufen

Für Deutschland zeigen die Landsat-Satellitenbilder der EU-Forscher bis 2018 keine größeren Rodungsflächen. „Normalerweise werden bei uns die Wälder schonender genutzt und nur einzelne Bäume gefällt“, erklärt Pierre Ibisch. Das ist auf den Landsat-Bildern nicht zu erkennen, heißt aber nicht, dass die Wälder Mitteleuropas keine Probleme haben.

„Durch die Trockenheit wurden große Waldflächen geschädigt, die kahl geschlagen werden“, sagt Ibisch. Zudem gibt es Hinweise, dass auch in Deutschland zunehmend Holz aus dem Wald geholt wird. „Je heißer und trockener die Sommer durch den Klimawandel werden, umso mehr Holz braucht der Wald für sich selbst, um sich zu kühlen und feucht zu halten“, sagt Ibisch.

Um dem Klimawandel zu begegnen, sollte in Mitteleuropa also weniger Holz geschlagen werden. Mit Unterstützung der EU passiert derzeit aber das Gegenteil – und die EU selbst unterläuft ihre eigenen Klimaziele.

Neu: Tagesspiegel Plus jetzt gratis testen!

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

5 Kommentare

Neuester Kommentar