
© dpa/Scott A. Williams
Schlüssel zur Menschwerdung: Aufrechter Gang vor sieben Millionen Jahren
Von unseren frühen Verwandten sind nicht viele Knochen erhalten – auch daher ist es schwierig, festzustellen, ab wann sie aufrecht liefen. Nun bringt eine Studie weitere Erkenntnisse.
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Der aufrechte Gang gilt als eine der zentralen Weichenstellungen der Menschheitsgeschichte. Er beeinflusste nicht nur die Art, wie sich frühe Homininen fortbewegten, sondern prägte die gesamte weitere Entwicklung – von der Anatomie über das Sozialverhalten bis hin zur technischen Kultur. Zugleich gehört der Ursprung des aufrechten Gangs zu den umstrittenen Fragen der Paläoanthropologie. Nun zeigen Knochenanalysen aus den USA: Bereits vor sieben Millionen Jahren bewegten sich frühe Verwandte der Menschen auf zwei Beinen.
Analysiert wurden die Knochen von Sahelanthropus tchadensis, der gemeinhin als frühester bekannter Menschenverwandter gilt. Der kleine, affenähnliche Hominine hatte ein noch kleines Gehirn und lebte vor 6,7 bis 7,2 Millionen Jahren in einer einer damals deutlich feuchteren, mosaikartigen Landschaft mit Wäldern, Buschland und Seen.
Bereits nach dem Fund eines Schädelknochens und von Zähnen in der Djurab-Wüste im nördlichen Tschad 2001 schlossen Forscher aus der Stelle, an der die Wirbelsäule im Schädel verankert ist, dass sich dieser Vormensch auf zwei Beinen fortbewegte. Zu den Homininen zählen die Forschenden den Menschen und seine ausgestorbenen Verwandten.
2022 präsentierten Wissenschaftler aus Frankreich und dem Tschad dann Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Nature“ auf Basis der Untersuchung zweier Unterarm- und eines Oberschenkelknochens. Die Beschaffenheit des Oberschenkelknochens weise darauf hin, dass sich der Vormensch üblicherweise auf zwei Beinen am Boden bewegte, aber auch in Bäumen unterwegs war.
Diese Interpretation wurde jedoch infrage gestellt, da die Beinknochen des Vormenschen jenen von Schimpansen ähnelten, wie das Forscherteam um Scott A. Williams von der New York University in der neuen Studie erläuterte. Es prüfte daher diese Knochen erneut.

© dpa/Scott Williams
„Unsere Untersuchungen zeigen, dass die beiden Gliedmaßenknochen zwar in Größe und geometrischer Form am ehesten denen von Schimpansen (Gattung Pan) ähneln, ihr relatives Verhältnis jedoch eher dem von Homininen entspricht“, heißt es in der Studie, nun veröffentlicht in der Zeitschrift „Science Advances“. S. tchadensis besaß im Verhältnis zu seinem Unterarmknochen einen relativ langen Oberschenkelknochen, wie die Universität erläutert – ein Hinweis auf aufrechten Gang. Außerdem fanden die Wissenschaftler unter anderem einen Höcker am Oberschenkelknochen – „ein Merkmal, das nur bei zweibeinigen Homininen vorkommt“.
Das Team um Williams schließt daraus: „Zusammengenommen deuten diese Merkmale auf eine homininenähnliche Hüft- und Kniefunktion bei S. tchadensis hin. Sie könnten einige der frühesten Anpassungen an den aufrechten Gang in der Homininenlinie darstellen.“
Allerdings betont es auch: „Wir betrachten die Evolution des aufrechten Gangs als einen Prozess“, der sich nicht plötzlich einstellte, sondern im Laufe der Evolution zunehmend stattfand. Der Vormensch Sahelanthropus könnte in diesem Prozess gewohnheitsmäßig, aber nicht dominant einen aufrechten Gang gehabt haben. In den Bäumen nutzte er wahrscheinlich auch die Fortbewegung auf allen Vieren oder hangelte sich mit den Vorderbeinen entlang – was beim heutigen Menschen die Hände sind. Ob er ein Vorfahr in der direkten Linie zum Menschen war oder ein Verwandter, der zu einem Seitenzweig gehörte, sei noch unklar, ergänzte Williams auf Anfrage. (bhe/dpa)
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