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Handlich. Befürworter der Grundschrift sehen in ihr eine Vereinfachung auf dem Weg zur individuellen Handschrift. Gegner glauben, sie behindere Lernprozesse.
© picture alliance / Sven Simon

Streit um die Schreibschrift in der Schule: Schnörkellos ins Leben

Wie sollen Kinder schreiben lernen? Um die neue Grundschrift ist ein Kulturkampf entbrannt. Befürworter sehen in ihr eine überfällige Vereinfachung auf dem Weg zur individuellen Handschrift, Gegner sehen Lernprozesse behindert.

Beginnen wir mit dem Endergebnis. Erwachsene sind meist „Optimierer“ – zumindest, was ihre Handschrift betrifft. Sie leisten sich Vereinfachungen, lassen einzelne Striche aus, fügen an anderer Stelle aus ästhetischen Gründen Bögen hinzu, sie setzen ab und wieder an.

All das ist in hohem Maße automatisiert: Mit der Ausgangs-Schreibschrift, die wir in der Schule gelernt haben, hat es meist nicht mehr allzu viel zu tun. Guido Nottbusch, Professor für Grundschulpädagogik im Fach Deutsch an der Uni Potsdam und Verfasser mehrerer Studien zur handschriftlichen Sprachproduktion, hat die „ausgeschriebenen“ Handschriften von Erwachsenen und die noch ungelenkeren von Schülern verschiedener Altersgruppen genauer unter die Lupe genommen. Nur eineinhalb Buchstaben schreiben Erwachsene durchschnittlich am Stück und ohne abzusetzen – dann leisten sie sich mit Füller, Kugelschreiber oder Bleistift das, was der Fachmann einen „Luftsprung“ nennt.

Warum nicht nach jedem Buchstaben einen Luftsprung machen?

Bei Kindern, die Schreibschrift lernen, soll dagegen alles ohne Absetzen wie am Schnürchen gehen: In der Schweiz wird die verbundene Schrift sogar „Schnürlischrift“ genannt. Bevor deutsche Grundschüler Schreibschrift lernen, lesen und schreiben sie aber zumeist in Druckschrift, bei der das Absetzen und neue Ansetzen die Regel ist. An Tastaturen jeder Art haben sie heute ohnehin von klein auf mit den gedruckten Einzelbuchstaben zu tun, beim Lesen sind sie allgegenwärtig. Warum also sollen sie nicht weiter nach jedem Buchstaben einen Luftsprung machen? Und später selbst entscheiden, wie die Einzelzeichen sich am ökonomischsten und auch am elegantesten zu einer individuellen Handschrift verbinden lassen?

Das ist die Idee hinter der neuen Grundschrift, die vom Grundschulverband entwickelt wurde. Ein „Richt-statt-Pflicht-Alphabet“ nennt Deutschdidaktiker Nottbusch die Schrift, die in Baden-Württemberg ab dem nächsten Schuljahr an 17 Grundschulen erprobt werden soll. In Bayern und Bremen ist ein Modellversuch bereits abgeschlossen. In einigen weiteren Bundesländern wird den Schulen zudem freigestellt, ob sie allein die unverbundene Schrift unterrichten – und auf die bisherige Schreibschrift komplett verzichten.

Die Gegner der neuen Grundschrift fürchten ums grammatische Verständnis

Doch daran scheiden sich die Geister. Verteidiger der Schreibschrift haben sich im Verein „Allianz für die Handschrift“ zusammengeschlossen. Ein Kulturkampf ist entbrannt: Ist die Grundschrift eine Kapitulation vor zunehmenden feinmotorischen Schwierigkeiten der Schulanfänger, die auf Kosten nicht allein der Ästhetik, sondern auch des grammatischen Verständnisses gehen könnte? Oder ist sie eine sinnvolle Erleichterung auf dem Weg zur persönlichen Handschrift, die schon längst fällig war?

In der Schweiz schreiben Kinder mit einer neuen Basisschrift schneller

Die deutschen Reformer können sich darauf berufen, dass in der Schweiz zeitgleich eine recht ähnliche „Luzerner Basisschrift“ entwickelt wurde. Die Buchstaben haben hier zumeist schon kleine Häkchen, die nahelegen, wo und wie man sie verbinden könnte. Trotzdem soll das Verbinden Sache der kleinen Schreiber bleiben, die von den Lehrern nur beraten werden. Eine vom Schweizer Nationalfonds finanzierte Studie der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz zeigt im Vergleich mit der verbundenen Schweizer Schulschrift bei Schülern der vierten Jahrgangsstufe gute Ergebnisse: Vor allem Jungen, die in der ersten und zweiten Klasse die Basisschrift gelernt haben, schreiben in ihr später leserlicher. Alle Kinder sind mit der Basisschrift etwas schneller als mit der Schreibschrift.

Motorische Tücken führen zur Verkrampfung

Nottbusch vermutet, dass das auch mit motorischen Tücken des Schreibens in einem Zug zu tun hat: „Es kann leicht zur Verkrampfung der Muskulatur führen. Wir wissen, dass umso fester aufgedrückt wird, je länger der Stift auf dem Papier bleibt.“ Der Deutsch-Didaktiker folgert, es könne für die Kinder also vorteilhaft sein, nur eine an die Druckschrift angelehnte Basisschrift zu erlernen, die Bewegungsabläufe schnell zu automatisieren und später zu individuellen Verbindungen der Buchstaben zu gelangen. Die aufgeregte Debatte darüber hält er für überzogen: „Die meisten Kinder sind motorisch so geschickt, dass sie sowohl die eine als auch die andere Schrift gut lernen werden.“

Auch bei der Schreibschrift gibt es in Deutschland viele Varianten

Tatsächlich gab es im Lauf der Jahrzehnte auch bei den verbundenen Schriften viele Varianten. In den 50er Jahren wurde die Lateinische Ausgangsschrift eingeführt. In den 70er Jahren wurde sie in den alten Bundesländern durch die weniger verschnörkelte Vereinfachte Ausgangsschrift ersetzt. In der DDR war kurz zuvor die Schulausgangsschrift entwickelt worden, die heute in Berlin und Brandenburg die maßgebliche Schreibschrift ist. Meist kommt sie in der zweiten Klasse zum Zug.

Unterstützer der bisherigen Vorgehensweise argumentieren, das Schreiben mit der verbundenen Schrift fördere Lernprozesse. Ursula Bredel, Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der Uni Hildesheim, etwa sagt: „Die Einheiten, an denen entlang sich das Schreiben orientieren sollte, sind ja nicht die Buchstaben, sondern Silben und Morpheme, kleinste bedeutungstragende Elemente.“ Sie in einem Zug zu schreiben, unterstütze also Lernprozesse, die letztlich auch der Rechtschreibung zugutekommen. „Denn Kopf und Hand arbeiten zusammen.“ Zwar sei es ein größerer Aufwand, zwei Schriften zu lernen, zuerst die gedruckte und dann die verbundene. „Scheut man diese Mühe aber, dann vergibt man wertvolle Chancen; denn die verbundene Schrift erlaubt es den Kindern, schreibmotorische Bewegungen auszuführen, die sprachlich bedeutsamen Einheiten entsprechen.“

Umfassende Studien sind nötig

Bevor in den Schulen neue Handschriften eingeführt würden, sei auf jeden Fall eine umfassende Studie zu den langfristigen Folgen nötig, sagt Bredel. „Bisher haben wir nur einen Flickenteppich an Einzelbeobachtungen, das reicht aber nicht, um die Lehrer mit Argumenten zu stärken.“ Auch die Schweizer Forscher wünschen sich eine Fortsetzung der eigenen Untersuchung bis in höhere Jahrgangsstufen hinein.

Etwas Aufschluss über den Einfluss der erlernten „Erstschrift“ auf zwei wichtige und gut objektivierbare Kriterien – Geschwindigkeit und Lesbarkeit – gibt eine Studie, deren Ergebnisse Florence Bara von der Uni Brest und Marie-France Morin von der Uni im kanadischen Sherbrooke 2013 veröffentlicht haben. Sie nutzten den Umstand, dass französische Kinder von Anfang an eine (recht verschnörkelte) Schreibschrift lernen, kanadische Kinder aber (auch im französischsprachigen Québec) zuerst die Druck- und dann die Schreibschrift beigebracht bekommen. 236 Viert- und Fünftklässler bekamen die Aufgabe, einen kurzen Text abzuschreiben. Die französischen Kinder schrieben eindeutig schöner, dafür aber langsamer. In der fünften Klasse hatten alle Kinder an Tempo zugelegt.

Fest steht nur: Mit der Hand schreiben ist besser als auf einer Tastatur

Wie die Analyse zeigte, bildeten sich bei vielen von ihnen schon ganz individuelle Schriften heraus. Die kanadischen Kinder nutzten für ihre ausgeschriebene Schrift zu diesem Zeitpunkt übrigens kaum Elemente der standardisierten verbundenen Schrift – die sie, wie die meisten deutschen Kinder heute, als zweite gelernt hatten. „Das wirft die Frage nach der Relevanz dieses zusätzlichen Lernstoffs in der Grundschule auf“, sagen die Autorinnen. Lernt man zuerst eine verbundene Schreibschrift, dann besteht dagegen wohl dauerhaft die Chance auf ein regelmäßigeres Schriftbild, wie eine zweite Studie von Bara und Morin nahelegt.

Etwas anderes zeichnet sich umso deutlicher ab: Dass es für das Lernen wichtig ist, überhaupt mit der Hand zu schreiben. Der Kognitionswissenschaftler Jean-Luc Velay (Marseille) und Marieke Longcamp (Toulouse) haben Kindergartenkinder Buchstaben auf dem Papier nachfahren oder auf einer Spezial-Tastatur tippen lassen. An die selbst geschriebenen Buchstaben erinnerten sie sich deutlich besser. Velay und Longcamp sprechen von der „plurimodalen Speicherung“ der Buchstaben im Gehirn und von „sensomotorischen Erinnerungen“. Sie konnten zeigen, dass es selbst bei Erwachsenen, die längst schreiben können, einen Unterschied macht, ob sie ein Zeichen aus einer ihnen fremden Schrift mit dem Stift auf ein Blatt Papier bannen oder ob sie es auf einer Tastatur eingeben. Jedenfalls, wenn es darum geht, die Schriftzeichen später auf einem Bildschirm zu identifizieren.

Die Hand hilft dem Kopf beim Merken, Schreiben ist gut fürs Lernen, so viel steht also fest. Ob ABC-Schützen dafür besser nur eine unverbundene oder auch eine standardisierte verbundene Schrift lernen sollten, darüber sind die Bücher dagegen noch nicht geschlossen.

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