Schools of Tomorrow-Wettbewerb : Visionäre Schüler erfinden die Schule der Zukunft

Mit Virtual-Reality-Klasse und Wischmopp: Jugendliche präsentieren in Berlin ihre Ideen, wie der Unterricht in der Schule von morgen aussehen könnte.

Miriam Lenz
Ein Schulkind probiert im Klassenraum eine Virtual-Reality-Brille aus.
Blick in die Zukunft. So stellt sich eine Klasse neuen Unterricht vor.Foto: Promo/Laura Fiorio

Was bedeutet selbstbestimmtes Lernen? Wie können digitale Technologien den Unterricht verbessern? In welcher Beziehung stehen Schulen zu ihrer Nachbarschaft? Mit diesen und vielen weiteren Fragen setzten sich im Rahmen des Projekts „Schools of Tomorrow“ ein Jahr lang mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler an über 200 Schulen in Deutschland, Österreich und 25 weiteren Ländern auseinander. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch und Donnerstag im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) im Rahmen von Workshops, Diskussionen und experimentellem Unterricht präsentiert.

Das HKW hatte im Jahr 2017 Schulprojekte und einen Ideenwettbewerb zur Schule von morgen ins Leben gerufen. Bei den 19 Schulprojekten erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Lehrkräften, Künstlerinnen und Künstlern Konzepte der Schule der Zukunft und setzten diese konkret um. Zwei Tage lang konnten nun rund 400 Schülerinnen und Schüler im HKW an einem experimentellen Stundenplan teilnehmen, der auf diesen Schulprojekten basierte (zur Projekt-Homepage geht es hier).

Unterricht im Freien an der mobilen Werkbank

Mit dabei waren auch 13 Berliner Projekte. Eines davon ist „Beweg dich“ der Schule an der Jungfernheide in Zusammenarbeit mit dem Büro Eta Boeklund für ästhetische Bildung. „Wie wollen wir in unserem Stadtteil Siemensstadt zusammenleben? Und was können wir dafür tun? Das waren die zentralen Fragen, die wir uns mit den Jugendlichen gestellt haben“, sagt Angela Dreßler vom Büro Eta Boeklund. Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse erforschten ihre Nachbarschaft und Möglichkeiten der Veränderung, führten Interviews, nahmen an einem Erzählcafé mit Seniorinnen und Senioren teil, erstellten Karten und dokumentierten ihre Arbeit auf einem Blog.

Ihr Projekt präsentierten sie jetzt im HKW, indem sie gemeinsam mit Teilnehmenden anderer Schulen „Samenbomben“ aus Erde, Lehm und Pflanzensamen bauten, mit deren Hilfe die Stadt grüner werden soll. Andere Schulen boten einen Virtual-Reality-Workshop oder das Ausprobieren einer selbst entwickelten mobilen Werkbank an, mit der Unterricht im Freien möglich ist. Gemeinsam ist den Projekten ein emanzipatives und partizipatives Verständnis von Bildung, bei dem die Schülerinnen und Schüler sich selbst Themen und Inhalte erarbeiten.

Erster Platz für Berliner "Ode an die Zukunft der Schule"

Der parallel laufende Ideenwettbewerb „Unsere Schule!“, der vom HKW mit der Zeit-Verlagsgruppe ausgerichtet wurde, suchte in abstrakterer Form nach der Schule von morgen. Schüler konnten ihre Ideen in Form von Bildern, Collagen, Modellen oder Videos einreichen. Die Gewinner wurden am Donnerstag in Anwesenheit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgezeichnet. Unter den Siegern ist auch eine Berliner Schule: In der Altersklasse von zehn bis 14 Jahren belegte das Manfred-von-Ardenne-Gymnasium mit seiner „Ode an die Zukunft der Schule“ den ersten Platz.

Die Schülerinnen und Schüler produzierten ein eigenes Musikvideo mit professioneller Choreografie. Zur Melodie eines Britney-Spears-Songs fordern sie mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten und frühere Spezialisierungen in der Schule sowie eine bessere Ausstattung mit Smartboards, Tablets und Klimaanlagen. Sie wünschen sich ein generelles Umdenken: „Schule braucht Farbe. Das Auge lernt mit. Schule braucht Seele. Für den gemeinsamen Spirit.“

Schüler haben immer den Arbeitsmarkt im Hinterkopf

Dem HKW zufolge war für die Bewertung der Projekte unter anderem entscheidend, wie utopisch und visionär eine Idee sei und inwiefern Kritik am Bestehenden geübt werde. „An vielen Einsendungen kann man erkennen, wie hierarchisch das deutsche Schulsystem ist und wie die Machtverhältnisse sind“, sagt der Erziehungswissenschaftler Robert Pfützner, der „Schools of Tomorrow“ wissenschaftlich begleitete. Schülerinnen und Schüler hätten einerseits das Bewusstsein dafür, dass die Gesellschaft und das Bildungssystem so nicht funktioniere, und zugleich den Wunsch, die Anforderungen der Schule und des Arbeitsmarktes zu erfüllen. Das äußere sich in Forderungen nach Ruheorten in Schulen, um den Leistungsdruck ausgleichen zu können.

„Bei allen Diskussionen um die Schule der Zukunft und ihre räumliche Ausgestaltung dürfen wir nicht den Aspekt der Zeit vergessen“, fordert Catherine Burke. Die Historikerin aus Cambridge, die sich mit der Geschichte der Erziehung beschäftigt, organisierte 2001 und 2011 ähnliche Projekte in Großbritannien. Kinder und Jugendliche bräuchten auch mehr Zeit, um sich frei entwickeln und kritisches Denken und Reflektieren einüben zu können.

Das legt auch der Beitrag von Schülern aus Thüringen nahe. Sie reichten aus Protest einen Wischmopp ein, an dem ein Schild mit folgendem Kommentar hing: „Der Fehler in unserem Schulalltag ist, dass wir zu viele Hausaufgaben haben, um etwas anderes als diesen Wischmopp zustande zu bringen.“

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