Schwarzer Tod : Pest in Madagaskar - Chronik einer Epidemie

So viele Opfer hat der „Schwarze Tod“ in Madagaskar noch nie gefordert. Irgendwann musste es dazu kommen.

Hermann Feldmeier
In Antananarivo der Hauptstadt Madagaskars, sollen Desinfektionskampagnen das Risiko einer Infektion über Rattenflöhe reduzieren.
In Antananarivo der Hauptstadt Madagaskars, sollen Desinfektionskampagnen das Risiko einer Infektion über Rattenflöhe reduzieren.Foto: Laetitia Bezain/dpa

Seit zwei Tagen fühlt sich der Mann nicht wohl: Starke Kopfschmerzen, Fieber, Erbrechen. Dennoch macht sich der 31-Jährige aus dem Städtchen Ankazobe im zentralen Hochland von Madagaskar am 27. August auf die Reise. Er will über Antananarivo, die Hauptstadt der Insel, an die Ostküste nach Tamatave.

Trotzdem ihn die ganze Nacht hindurch ein Husten quält, steigt er im Morgengrauen in das „taxi brousse“, einen verbeulten und verrosteten, zum Minibus umgebaute Kastenwagen, der jeden Tag in Richtung Hauptstadt fährt. Als er sein Gepäck auf das Dach des Buschtaxis hochreicht, bekommt er Luftnot und hustet rot gesprenkelten Schleim ins Taschentuch. Während der Fahrt wird der Husten des Mannes nicht besser. Der Fahrtwind bläst den Staub der Straße durch die offenen Fenster und verwirbelt ihn mit der Atemluft der 24 dicht an dicht sitzenden Passagiere.

15 Stunden später endet die Fahrt in einer Katastrophe. Der junge Mann aus Ankazobe stirbt an einer massiven Blutung aus den Atemwegen. Der Tote wird in das nächst gelegene Krankenhaus gebracht, dann setzt das Buschtaxi seine Fahrt fort. Einige Passagiere steigen aus, andere besetzen die leeren Plätze. Bis der Minibus in Tamatave ankommt, haben mehrere Dutzend Passagiere auf engstem Raum zusammengesessen. Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiß: Der unbekannte Fahrgast starb an Lungenpest.

Die Weltöffentlichkeit erfährt von dem Vorfall erst am 11. September, als in einem Krankenhaus in Antananarivo eine 47 jährige Patientin an einem akuten Lungenversagen stirbt – wie sich herausstellt, verursacht durch eine Lungenpest.

In aufwendiger epidemiologischer Detektivarbeit gelingt es, die Infektionskette bis zu dem Passagier der fatalen Busreise zurückzuverfolgen. Oft gelingt es den Gesundheitsbehörden, die Kontaktpersonen zu isolieren und eine Ausbreitung der ansteckenden Krankheit zu verhindern. Doch diesmal kommen sie zu spät. Seit jenem 27. August sind in Madagaskar 57 Menschen in Madagaskar an der Pest gestorben, 561 haben sich infiziert. Damit tobt in dem Inselstaat die größte Pestepidemie, die je in Afrika registriert wurde. Und sie ist noch lange nicht überstanden.

Die Pest kommt in Madagaskar seit Ende des 19. Jahrhunderts vor. Vermutlich wurde der Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, über infizierte Ratten von Handelsschiffen aus Indien eingeschleppt. Seitdem gibt es vor allem in der trockenen Jahreszeit zwischen Juli und Dezember immer wieder Ausbrüche mit einigen Toten – allerdings meist auf dem Land, nicht in den größeren Städten.

Die Erreger gelangen aus infizierten Ratten über Flohbisse in den menschlichen Körper, wo sie drei verschiedene Krankheitsformen auslösen. Im Falle der Pestblutvergiftung zirkulieren die Bakterien im Blut und töten den Patient meist nach wenigen Tagen. Bei der häufigsten und eher langsamen Krankheitsform, der Beulenpest, schwellen die Lymphdrüsen zu tennisballgroßen Knoten an.

Dort ist der Erreger zumindest vorübergehend vom Rest des Körpers isoliert. Ansteckend wird der Patient erst, wenn sich die Beulen öffnen und das Sekret Haut und Kleidung kontaminiert.

Die Lungenpest hingegen entsteht durch eine Tröpfcheninfektion (Aerosole), typischerweise durch Bakterien, die von einem Patienten mit Lungenpest ausgehustet werden. Je dichter und je länger man mit einem solchen Patienten Kontakt hat, desto größer ist das Infektionsrisiko. Im Falle des Buschtaxis waren durch die Luftverwirbelung vermutlich alle Mitreisenden gefährdet. Diese Krankheitsform führt unbehandelt innerhalb weniger Tage zum Tod.

Die Pest hat die Hauptstadt erreicht

In Madagaskar bricht die Pest vor allem in Siedlungen weitab von städtischen Versorgungszentren aus. Dort wohnen die Menschen in erbärmlichen, aus Ästen oder Lehmfachwerk erbauten Behausungen, die keinen Schutz gegen die infizierten Ratten bieten. Meist schlafen alle Bewohner auf dem Fußboden, die Körper dicht an dicht. Die medizinische Infrastruktur besteht bestenfalls aus einer Dorfgesundheitshelferin und einer traditionellen Hebamme. Medikamente gibt es nicht, und das nächste Gesundheitszentrum ist oft eine Tagesreise entfernt.

Im Fall eines Beulenpestausbruchs hat die Dorfgesundheitshelferin die zuständige Behörde zu informieren. Gibt es für ein Handy kein Netz oder reicht das Guthaben auf dem Handy nicht für ein Gespräch – was eher die Regel als die Ausnahme ist – macht sich die Dorfgesundheitshelferin per taxi brousse auf den Weg in die nächste Stadt.

Bis die Nachricht über den vermuteten Fall von Pest bei der „Direction de la Vielle Sanitaire et de la Surveillance Épidémiologique“ (DVSSE) in der Hauptstadt ankommt, vergeht viel Zeit. Da die Behörde weder über die technische Infrastruktur noch über die personellen Ressourcen verfügt, um einen Ausbruch in einem entlegenen Landesteil zu bekämpfen, bittet sie das Pasteur-Institut in Antananarivo um „Amtshilfe“.

Bis die Spezialisten vor Ort eintreffen, hat sich die Seuche oft genug bereits ausgebreitet – die Straßen sind so schlecht, dass selbst Geländewagen nicht weiterkommen und die Seuchenbekämpfer ihre Ausrüstung mitunter über Dutzende von Kilometern schultern müssen. Sobald die Ärzte angekommen sind, werden Patienten und Kontaktpersonen mit Antibiotika behandelt und Rattenfallen aufgestellt. Mittel, um Flöhe abzuwehren, stehen nicht zur Verfügung.

Welche fatale Folgen die lange Reaktionszeit der madegassischen Behörden hat, zeigt der aktuelle Pestausbruch. Denn eigentlich wussten die Gesundheitsämter bereits am 17. August davon – 10 Tage vor der verhängnisvollen Fahrt des Überlandbusses. Der Distrikt Moramanga auf der Ostseite der Insel hatte innerhalb weniger Tage 14 Personen mit der eher seltenen, aber hoch infektiösen Lungenpest gemeldet.

Da dies auf eine besonders aggressive Erregervariante hindeutet, hätte dieser Ausbruch mit höchster Priorität und möglichst schnell behandelt werden müssen. Aber da die DVSSE sich auch um andere Infektionskrankheiten kümmern muss, die Personaldecke chronisch dünn ist und das Budget vorne und hinten nicht reicht, legte man die Epidemie in Moramanga erst einmal beiseite.

Als das madagassische Gesundheitsministerium am 11. September die Epidemie endlich offiziell bestätigte, hatte die Pest bereits die Hauptstadt erreicht. Auch aus anderen großen Städten entlang der Nationalstraße 2, die der Überlandbus gefahren war, wurden Pesterkrankungen bekannt. Damit hat Yersinia pestis in Madagaskar erstmalig das Hinterland verlassen und sich in Städten festgesetzt. Auch in Bezug auf die Zahl der Erkrankungen ist der Ausbruch beispiellos.

Erinnert an die Ebola-Epidemie

In einem Akt der Verzweiflung versucht die madagassische Regierung nun der Lage Herr zu werden. Kundgebungen und Versammlungen wurden per Dekret verboten und Bekämpfungsmaßnahmen in den betroffenen Städten und ländlichen Regionen verstärkt. An Halteplätzen für Busse und Buschtaxis würden geeignete Maßnahmen getroffen, heißt es in einem Bulletin und „man würde genau beobachten, wie sich der Kampf gegen die Krankheit weiterentwickelt.“

Offensichtlich enthält die Rhetorik nicht viel Substanz. Besonders abends quillt die etwa zwei Millionen Einwohner zählende Hauptstadt von Fußgängern über, die an Straßenecken und Plätzen auf Transportmittel warten. Menschenmassen drängen sich über die schmalen Bürgersteige oder schieben sich an Verkaufsbuden und Auslagen vorbei, die fliegende Händler am Straßenrand aufgestellt haben. Wer genau hinsieht, erkannt die Schatten von Ratten, die an den Häuserwänden entlang huschen.

Der Vergleich mit der Situation zu Beginn der Ebola-Epidemie in Westafrika im Jahr 2015 liegt nahe. Auch in Madagaskar sind die Ursachen des Übels – insbesondere marode Gesundheitssysteme – seit langem bekannt. Auch hier hat es an Vorwarnungen nicht gefehlt.

Umgesetzt wurden die Versprechen europäischer Politiker nach dem Ende der Ebola-Epidemie, die Gesundheitsversorgung in den betroffenen Ländern umgehend mit internationaler Hilfe zu unterstützen und krisenfest zu machen, allerdings bislang nicht. In Madagaskar zeigen sich nun die Folgen dieser Politik.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

0 Kommentare

Neuester Kommentar