Semesterstart : „Erstsemester, lasst euch beraten“

João Fidalgo, Studierendenvertreter an der Humboldt-Universität, über Studienanfänger, Studieren in Berlin und Unipolitik

Spannend und groß. Trotz der Wohnungsnot und mancher voller Seminare empfiehlt der Student João Fidalgo das Studium in Berlin. Von der Exzellenzinitiative hält der Studierendenvertreter nicht viel.
Spannend und groß. Trotz der Wohnungsnot und mancher voller Seminare empfiehlt der Student João Fidalgo das Studium in Berlin. Von...Foto: imago/JOKER/Hadyx Khandani

Herr Fidalgo, heute beginnt das neue Semester. Freuen Sie sich darauf?

Ja, natürlich, ich freue mich auf jedes neue Semester! Im Wintersemester kommen außerdem immer die ganzen neuen Studierenden. Die Erstis müssen sich erst an die Uni gewöhnen, wir machen für sie Einführungsveranstaltungen. Das ist immer etwas Besonderes. Auf mein eigenes Studium freue ich mich auch. Ich bereite in diesem Semester meinen Master-Abschluss vor.

Über 25000 Erstsemester fangen in diesem Herbst ihr Studium in Berlin an. Viele kommen von auswärts und suchen auf dem angespannten Wohnungsmarkt eine Wohnung. Was erwartet die Studierendenvertretung von den Hochschulen und vom Berliner Senat?

Die Hochschulen können da nicht besonders viel machen, außer Leute beraten. Manche Hochschulen in Deutschland öffnen ihre Turnhallen als Notunterkünfte für Studierende. Aber die Humboldt-Universität hat ja sowieso zu wenig Turnhallen. Da sehe ich keine Spielräume. Vielleicht kann die FU ja ihre leerstehenden Villen für Wohnungslose öffnen. Der Berliner Senat müsste sein Versprechen, 5000 Wohnungen für Studierende zu schaffen, schnell umsetzen. Aber das Versprechen kam ja sowieso schon viel zu spät.

An manchen Hochschulorten, gerade im Osten, ist die Lage entspannter. Sollten sich Studierende überlegen, ob es überhaupt Berlin sein muss?

Berlin ist besser als Chemnitz. Dorthin würde ich zum Beispiel nicht gehen. Für Berlin gibt es viele gute Gründe. Es ist eine spannende große Stadt, in der es zig verschiedene Communities gibt. Außerdem gibt es hier drei große Unis und eine große medizinische Fakultät. So ein Angebot gibt es an wenigen Orten. Vielleicht noch in München, aber da ist es ja noch teurer als in Berlin.

Manche Studiengänge an den Berliner Unis sind besonders voll. Von wo hören Sie an der HU besonders häufig Klagen?

Besonders in der Lehrkräftebildung ist es voll, am vollsten in der Grundschulpädagogik. Dorthin kommt zwar zusätzliches Personal – aber so schnell geht es nicht. Angespannt ist die Lage auch in der Sportwissenschaft. Es gibt zu wenig Personal und zu wenig Sportstätten.

Was müsste geschehen?

Der Mythos, dass die Zahl der Studierenden in Berlin mittelfristig auch wieder zurückgeht, muss aufgegeben werden. Es müssen jetzt Dauerstellen geschaffen werden, und nötige Baumaßnahmen müssen endlich eingeleitet werden. Das Studierendenparlament hat eine Koordinationsstelle für die Lehrkräftebildung geschaffen. Da geht es darum, Studierende zu beraten, aber auch Positionen zu entwickeln und sie in den öffentlichen Raum zu tragen. Bisher hört man zum Thema Lehrkräfte viel von Eltern, Lehrenden und aus der Politik, aber wenig von Lehramtsstudierenden.

João Fidalgo, Studierendenvertreter an der Humboldt-Universität.
João Fidalgo, Studierendenvertreter an der Humboldt-Universität.Foto: privat

Welche Themen stehen im kommenden Semester noch auf der Agenda der Studierendenvertretung der Humboldt-Uni?

Die Rahmenstudien- und prüfungsordnung wird novelliert. Da wird es hoffentlich keine riesigen Konflikte geben wie vor sechs Jahren. Aber es stehen bereits Vorschläge im Raum, die mit uns nicht machbar sind, zum Beispiel die Forderung nach einer Zwangsberatung von Studierenden.

Die Studierendenzeitung „Unaufgefordert“ der HU hat kritisiert, die Studierendenvertretung der HU, der Referent_innenrat (Refrat), wirke nicht gerade so, als wünsche er sich eine breite Beteiligung von Studierenden. Wollen Sie etwas unternehmen, um einladender zu wirken?

Wir haben damals mit einem langen Text auf unserer Homepage auf diese und andere Kritik reagiert. Der Eindruck, wir wollten keine breite Beteiligung, ist falsch. Bei den wenigen, die viel Zeit investieren, kann sich nach einer Weile jedoch Zynismus breitmachen. Dann aktualisiert man vielleicht auch die Termine auf der Website nicht so häufig, weil man denkt, das lesen eh nicht so viele. Nicht mal die „Unaufgefordert“! Wir wollen uns aber keineswegs verstecken und mehr für die Öffentlichkeitsarbeit tun. Im Stupa gibt es jetzt eine AG Partizipation, die Vorschläge erarbeitet, wie wir mehr Leute erreichen. Die neuen Diskussionen mit der Unileitung sind aber nicht hilfreich, um dieses Ziel zu erreichen.

Sie engagieren sich seit langem in der Studierendenvertretung. Warum lohnt sich das?

Ich arbeite seit sechs Jahren bei der Studierendenvertretung mit. Es lohnt sich, weil es Spaß macht. Die Studierenden in Berlin, anders als etwa in Bayern, haben wirklich die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Vor sechs Jahren hat die Studierendenvertretung der HU zum Beispiel die Zwangsberatung an der HU abschaffen können. Wir haben auch erreicht, dass an der Humboldt-Universität das Amt des Kanzlers verhindert wird. Und wir konnten bewirken, dass die Fakultätsreform nicht so schlimm geworden ist, wie sie hätte sein können. Außerdem trägt die Studierendenvertretung zum sozialen Leben an der Uni bei, durch ihre kulturellen und wissenschaftlichen Veranstaltungen und durch die Fachschaftspartys.

Der Berliner Senat hat eine AG Demokratische Hochschulen eingesetzt. Die akademische Selbstverwaltung soll gestärkt werden. Wie undemokratisch sind denn die Berliner Hochschulen?

Die Unis sind unterschiedlich demokratisch. Die FU ist ja bekannt dafür, dass die Gremien nur noch dazu da sind, Entscheidungen der Leitung durchzuwinken. An allen Unis werden Entscheidungen aber zunehmend als Angelegenheiten des Management betrachtet, für die die Leitung und nicht die Gremien zuständig sind. Das wird noch schlimmer, wenn die drei Berliner Unis zusammen mit der Charité in der Exzellenzstrategie einen Verbund bilden. Ein übergeordnetes, nicht demokratisch legitimiertes Gremium wird dann über die Vergabe der Mittel entscheiden. Die anderen Gremien werden darauf keinen Einfluss mehr nehmen können. Leider haben sich die Professoren damit sowieso schon abgefunden. Man will das Präsidium ja auch nicht vor den Kopf stoßen, wenn es über immer mehr Geld verfügen kann.

Die Humboldt-Universität und die Freie Universität sind vor sechs Jahren im bundesweiten Wettbewerb zu „Exzellenzunis“ gekürt worden. Profitieren davon auch Studierende?

Nein, die neu berufenen Professorinnen und Professoren geben ja fast keine Lehrveranstaltungen, sie sind ständig am Forschen. Nur in ganz kleinen Programmen können einige Masterstudierende profitieren. Das ist ja auch die Idee der Exzellenzförderung. Allerdings werden diese interessanten kleinen Projekte immer wichtiger für die Uni. Immer mehr Geld fließt darin, sie zu managen. So hat die Uni-Verwaltung weniger Zeit, sich um die Studierenden zu kümmern. Im Westflügel des Hauptgebäudes wurden Seminarräume zu Räumen fürs Fundraising umgewidmet. Es ist eine Spirale: Um die dringend nötigen Drittmittel einzuwerben, muss die Uni immer mehr Ressourcen in die Akquise und Verwaltung von Drittmitteln stecken, das man dann nicht für andere Dinge ausgeben kann.

Die Studienbedingungen sind nicht ideal. Was können gerade Erstsemester machen, um trotzdem gut ins Studium zu starten?

Ich kann ihnen nur sagen: Bevor ihr anfangt zu studieren, lasst euch von der Fachschaft in eurem Studiengang beraten. Das sind Leute, die das Fach schon länger studieren und wissen, wie man einen Studienplan macht. Die von den Studiengängen empfohlenen Studienverlaufspläne sind ja nicht fest. Bevor man sich davon überfordert fühlt, sollte man sich realistisch einschätzen und seinen eigenen Rhythmus finden. Ein Studium ist kein Sprint. Wer die Regelstudienzeit überzieht, hat unter bestimmten Voraussetzungen trotzdem Anspruch aufs Bafög, etwa, wenn man bei der Studierendenvertretung mitgewirkt hat.

Manche Seminare sind so, dass die Studierenden sie gerne schwänzen. Was können Studierende und Lehrende beitragen, damit ein Seminar gelingt?

Wenn 60 Leute in einem Seminar sitzen, ist das schwierig. Aber man sollte an der Materie ein gewisses Interesse haben. Ist das gar nicht vorhanden, sollte man von seinen Wahlmöglichkeiten Gebrauch machen. Lehrende sollten im Kopf behalten, dass nicht alle Studierenden sofort alles mitbringen. Sie beherrschen unterschiedliche Dinge unterschiedlich gut. Und eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist in einer anderen Situation als Leute, die sich nur ums Studium kümmern können. Die Lehrenden sollten das realistisch sehen und den Studierenden entgegenkommen.
Die Fragen stellte Anja Kühne. - João Fidalgo (30) studiert im 9. Semester Philosophie an der Humboldt-Universität (HU) und ist dort in der Studierendenvertretung, dem Referent_innenrat, Finanzreferent.

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