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Mit Augenmaß. In wenigen Tagen entscheiden Experten in Bonn, welche Unis auf- oder absteigen.

© David Ausserhofer/FU Berlin

Sechs Thesen zur Exzellenzinitiative: So stehen Berlins Chancen im Elitewettbewerb

Im Exzellenzwettbewerb entscheidet sich am Freitag, welche Uni ab- und welche aufsteigt. Die Gerüchteküche brodelt.

Wer siegt am kommenden Freitag im prestigeträchtigen Exzellenzwettbewerb? Und wer wird aus dem Exzellenzolymp geworfen? Die Gerüchteküche brodelt. Zwar hat das „Zukunftskonzept“, mit dem sich jede Uni bewirbt, großes Gewicht bei der Auswahl. Doch eine Fülle von anderen Faktoren kommt hinzu. Wir dokumentieren die markantesten Theorien der Kaffeesatzleser.

These: Der Teufel macht auf den dicksten Haufen

Da, wo bereits viel Geld aus dem Elitewettbewerb hingeflossen ist, wird noch mehr hinfließen: So lautet eine beliebte Hypothese. Schließlich ist das Ziel des Wettbewerbs, dass die Eliteunis so stark werden, dass sie in der internationalen Spitzenliga mitspielen können.

Wenn die These stimmen sollte, müsste sich von den bestehenden Eliteunis vor allem Göttingen Sorgen machen. Göttingen hat von den neun Eliteunis im Elitewettbewerb am wenigsten Geld eingespielt. Die Niedersachsen bekommen in den drei Wettbewerbslinien zusammen etwa 14 Millionen Euro pro Jahr. Das ist deutlich weniger, als Spitzenreiter Aachen erhält (gut 39 Millionen Euro) – und auch die FU als fünftstärkste Uni (gut 27 Millionen Euro) liegt noch mit Abstand vor Göttingen.

Neben den schon eingeworbenen Exzellenzmitteln zeigt die Position einer Uni im DFG-Ranking, ob sie gute Chancen hat. Würde das stimmen, hätten die FU und die HU exzellente Karten: Die FU liegt bundesweit auf Platz drei (ohne Exzellenzmittel sogar auf Platz eins). Die HU liegt auf Platz acht, vor ihr sind nur noch Exzellenzunis. Und noch mehr: Berlin hat soeben als antragsstärkste Region München überholt. Macht der Teufel wirklich auf den dicksten Haufen, muss er Berlin reich bedenken.

Gegenthese: Der Teufel liebt die Breitenförderung – und denkt auch mal an den Osten

Doch die Auswahl der neuen Elitekandidatinnen für die Endrunde lässt daran zweifeln, dass der Teufel immer nur den Starken gibt. Denn dann hätten Frankfurt, Kiel und Erlangen die Schlussrunde erreichen müssen. Das sind die drei Unis ohne Elitesiegel, die bisher am meisten Geld für Cluster und Graduiertenschulen aus dem Exzellenzwettbewerb eingeworben haben. Frankfurt liegt wegen seiner starken Cluster mit etwa 14 Millionen Euro pro Jahr sogar dicht an der Göttinger Gesamtsumme, flog jedoch ebenso heraus wie Kiel und Erlangen. Stattdessen kamen Unis wie Mainz und Bochum weiter – die beide bisher nur einen Bruchteil dieser Summen bekommen, nämlich rund eine Million Euro.

Womöglich verfährt der Teufel ja also auch nach dem Prinzip: Wer nichts hat, dem wird gegeben. Keines der fünf ostdeutschen Länder hat bislang eine Exzellenzuni errungen. Die TU Dresden gilt schon lange als heiße Kandidatin.

Sollten die Juroren aus Wissenschaft und Politik die Exzellenzmittel breiter streuen, könnte das aber zulasten Berlins gehen. Die Entscheider könnten der Auffassung sein, Berlin habe schon dermaßen viele Drittmittel von der DFG eingeworben, dass nun Schluss ist.

These: Alle hassen Berlin

Es gibt viele Gründe, Berlin zu hassen: wegen seiner Schulden, wegen seiner oft roten Regierungen, wegen seiner Beliebtheit in aller Welt. Darum werden regelmäßig Anschläge auf Berlins Universitäten verübt, um sie im Exzellenzwettbewerb aus dem Rennen zu werfen.

In der ersten Runde des Wettbewerbs, im Jahr 2006, war Berlin aus Sicht bestimmter Personen im Wissenschaftsrat zu arm, um eine Exzellenzuni bekommen zu dürfen. Zwar hatten die wissenschaftlichen Juroren das Konzept der FU in ihrem vertraulichen Gutachten, das dem Tagesspiegel vorlag, immer wieder gelobt und sogar prognostiziert, die FU „kann zur Gruppe der europäischen Spitzenuniversitäten aufschließen“. Doch der Wissenschaftsrat hatte in einer internen Stellungnahme zum Gutachten mehrfach betont, bei der FU bestünden „besondere Risiken in der Unsicherheit langfristiger finanzieller Unterstützung durch das Land“. Ein Vorwurf, der gegen kein anderes Land, nicht einmal gegen Bremen, erhoben wurde. Berlins damaliger Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner schritt empört ein.

Nicht aus der Welt zu bekommen ist auch der falsche Vorwurf, die Freie Universität sei im Jahr 2007 mit der Brechstange von der Politik über die Ziellinie gewuchtet worden, weshalb die FU auch jetzt wieder eine „Wackelkandidatin“ sei. Richtig ist vielmehr, dass das Zukunftskonzept der FU von den Gutachtern damals als „förderungswürdig“ beurteilt worden war. Allerdings erfüllte die FU die Voraussetzungen für die Förderung nicht, weil keins ihrer Cluster durchgekommen war. Die Kommission hatte nämlich ausschließlich technische und naturwissenschaftliche Cluster durchgewinkt und dabei sämtliche Exzellenzmittel verplant. Erst als Politiker intervenierten, kamen durch finanzielle Umschichtungen auch geisteswissenschaftliche Projekte durch – allerdings nur solche, die vorher als förderungswürdig eingestuft worden waren. Davon profitierten mehrere Unis, auch die FU. Das Zukunftskonzept der HU war schon vorher ausgeschieden.

Was aus der Sicht von Wissenschaftlern und Politikern für Berlin spricht.

Gegenthese: Alle lieben Berlin

Auch die Gegenthese kursiert: Berlin ist nicht verhasst, sondern äußerst beliebt. Die Juroren aus dem Ausland sehen in Berlin das New York Europas und gönnen ihm eine starke Wissenschaft. Auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan liebt Berlin. Schließlich hat sie gerade ein großes Prestigeprojekt an der Charité angestoßen. Sie will Millionen für eine Fusion mit dem Max-Delbrück-Centrum in die Hauptstadt geben.

Politisch haben die Berliner Unis in der Schlussrunde auch sonst nichts zu befürchten, wird behauptet: Schließlich werde Berlin ja von einer Großen Koalition regiert – das bringe Sympathien von rechts und links.

These: Wer auf dünnen Beinen steht, der wackelt

In den Uniolymp zieht nur ein, wer auch in den anderen beiden Wettbewerbslinien erfolgreich ist, sprich: Mindestens ein Exzellenzcluster und eine Graduiertenschule gewinnt. So sind die Regeln. Auf wackligen Beinen stehen unter den bisherigen neun Eliteunis also vor allem Göttingen, Freiburg und Konstanz. Diese Unis haben bisher jeweils ein Cluster und eine Graduiertenschule. Sollten sie diese verlieren, wird es eng. Denn sie haben kaum neue Anträge im Rennen. Konstanz und Göttingen können nicht einmal mehr ein neues Cluster bekommen, Freiburg hat keine neue Graduiertenschule in der Hinterhand. Auch das Karlsruher KIT verfügt bisher nur über je ein Cluster und eine Graduiertenschule. Das KIT hat aber in beiden Wettbewerbslinien jeweils einen neuen Antrag am Start. Und wegen der schieren Größe seines Projekts – einer Hochzeit zwischen Uni und einem Helmholtz-Zentrum – gilt das KIT sowieso als gesetzt.

Von den neuen Elitekandidatinnen muss Bochum am meisten zittern. Die Ruhr-Uni hat bisher nur eine Graduiertenschule, die sie mangels neuer Anträge in dieser Kategorie auch verteidigen muss. Zudem muss sie ihren einzigen neuen Clusterantrag durchbringen, will sie Eliteuni werden. Wenig beruhigt dürften auch Mainz (bisher nur eine Graduiertenschule) und Tübingen (bisher nur ein Cluster) sein. Anders als Bochum haben beide Unis immerhin mehrere Neuanträge im Rennen und können darauf hoffen, zumindest einen davon durchzubringen.

Gut sieht es auf jeden Fall für FU und HU aus. Beide haben bereits jeweils mehrere Cluster und Graduiertenschulen gewonnen (für die FU zählen aus dem ersten Durchgang drei Cluster und vier Graduiertenschulen, für die HU zwei Cluster und drei Graduiertenschulen; manche Vorhaben zählen für beide Unis). Beide können auch mit neuen Anträgen nachlegen – vor allem die HU, die vier neue Graduiertenschulen und zwei Cluster (je ein Antrag gemeinsam mit der FU) im Rennen hat. Die FU hat zudem noch eine weitere neue Graduiertenschule am Start.

Gegenthese: Wer wackelt, dem wird geholfen

Die Geschichte des Wettbewerbs zeigt allerdings, dass manchen Unis auch helfende Hände gereicht werden, wenn sie die Kriterien aus eigener Kraft nicht erfüllen. Im Jahr 2006 wurden Karlsruhe und die TU München zu Exzellenzunis gekürt. Dabei wackelten sie in den anderen beiden Wettbewerbslinien, bei den Graduiertenschulen respektive bei den Clustern, die aber Voraussetzung für den Exzellenzstatus sind. So hievten Gutachter für die TU München die fehlende Graduiertenschule und für Karlsruhe das fehlende Cluster über die Ziellinie – zuungunsten anderer, im Vorfeld sogar besser bewerteter Anträge, darunter ein Chemiecluster der TU Berlin. Weil ein Teil der Gutachter das nicht zulassen wollte, kam es in der Jury zum Eklat. Über die Ziellinie geholfen wurde auch der LMU München, deren „Zukunftskonzept“ die Gutachter keineswegs als so herausragend beurteilten, wie der damalige DFG-Vorsitzende Ernst-Ludwig Winnacker glauben machen wollte.

Synthese: Der Ausgang des Exzellenzwettbewerbs ist völlig offen.

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