
© dpa/Marlize Lombard
Spitz, scharf und ungesund: Menschen jagten schon vor 60 000 Jahren mit Giftpfeilen
Im Süden Afrikas nutzten Menschen schon vor Zehntausenden Jahren Inhaltsstoffe einer Giftknolle zur Jagd. Und sie hören bis in die Neuzeit nicht damit auf.
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Es ist wohl der mit Abstand früheste Beleg für die Nutzung von Giftpfeilen: Schon vor 60 000 Jahren bestrichen Menschen im südlichen Afrika steinerne Pfeilspitzen mit Pflanzengift. Die nachgewiesenen Giftstoffe stammen wahrscheinlich von der Fächerlilie Boophone disticha, deren Inhaltsstoffe in Südafrika bis heute als Pfeilgift, aber auch als Heilmittel genutzt werden.
„Nach unserem Kenntnisstand präsentieren wir den ersten direkten Beleg für die Verwendung dieses pflanzlichen Giftes auf den Spitzen von Jagdwaffen“, schreibt ein Forschungsteam um Sven Isaksson von der Universität Stockholm im Fachjournal „Science Advances“. Die Entdeckung unterstreiche die Komplexität der Überlebensstrategien und der geistigen Fähigkeiten schon zur damaligen Zeit.
„Planung, Abstraktion, kausales Denken“
Zur zeitlichen Einordnung: Vor etwa 60 000 Jahren verließ der Homo sapiens Afrika. Mitteleuropa erreichte er nach derzeitigem Wissen erst 10 000 Jahre später. Der bislang früheste direkte Beleg für die Nutzung von Giftpfeilen ist den Forschern zufolge nur gut 4.000 Jahre alt und stammt aus einem altägyptischen Grab.
Die nun vorgestellten kleinen Pfeilspitzen aus Quarzgestein stammen von dem Felsüberhang Umhlatuzana Rock Shelter in der Provinz KwaZulu-Natal im Osten der Republik Südafrika. Die Erdschicht, in der die Klingen gefunden wurden, ist demnach etwa 60.000 Jahre alt. Auf fünf der insgesamt zehn kleinen Spitzen fand das Team Spuren von Giftstoffen, insbesondere des Hauptwirkstoffs der Pflanze, Buphandrin.
Für Menschen nicht tödlich
Den Forschenden zufolge töteten die durch die Pfeile zugefügten Wunden insbesondere größere Tiere zwar nicht unbedingt direkt, aber das Gift schwächte sie und machte die Beute somit leichter erlegbar. Für ein solches Vorgehen mussten die Menschen das Verhalten der Tiere genau kennen und gleichzeitig über ein gutes Wissen der heimischen Pflanzenwelt verfügen, heißt es.
Sie verfügten also über ein Wissenssystem, das es ihnen ermöglichte, giftige Pflanzenextrakte effektiv zu identifizieren, zu extrahieren und anzuwenden.
Sven Isaksson und sein Team von der Universität Stockholm in der aktuellen Veröffentlichung
„Da Gift chemisch wirkt, mussten die Jäger auf vorausschauende Planung, Abstraktion und kausales Denken zurückgreifen“, schreibt die Gruppe. „Sie verfügten also über ein Wissenssystem, das es ihnen ermöglichte, giftige Pflanzenextrakte effektiv zu identifizieren, zu extrahieren und anzuwenden.“
Zubereitung und Dosierung entscheidend
Die wahrscheinlichste Quelle der Giftstoffe sei, so das Team, der milchige Saft aus der Zwiebel von Boophone disticha. Das Amaryllisgewächs ist lokal auch als „Giftknolle“ (auf Afrikaans: Gifbol) bekannt. Die milchige Absonderung der Zwiebel trocknet demnach in der Sonne zu einer gummiartigen Konsistenz und ist dann gebrauchsfertig.
Bei Nagetieren könne das Gift selbst in kleineren Mengen innerhalb von 20 bis 30 Minuten zum Tod führen und auch beim Menschen Symptome wie etwa Übelkeit, Muskelerschlaffung und Atemlähmung verursachen. „Seine Wirksamkeit als Jagdgift hängt von der Zubereitung und Dosierung ab“, unterstreicht die Gruppe.
Andere historische Quellen, etwa aus dem 18. Jahrhundert von dem schwedischen Naturforscher Carl Peter Thunberg, beschreiben die damalige Nutzung des Giftes für die Jagd auf Springböcke. Bemerkenswert ist die chemische Stabilität der Substanzen: Sie sorgt dafür, dass die Giftstoffe noch nach zehntausenden von Jahren auf den Steinspitzen nachweisbar sind. (dpa)
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