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Das Monster im Leihwagen: Von einer Familie, die auszog und das Fürchten lernte
Wer verreist, sollte sich vorher ein bisschen informieren. Zum Beispiel über wilde, vielleicht gefährliche Tiere, die einem selbst – oder den Kindern – begegnen könnten.
Stand:
Familienferien. Wir sind in Japan. Zu Besuch beim Schwager und seiner Familie.
In der Nähe von Yamagata, weit nordöstlich von Tokio, haben wir gerade eine kleine Wanderung zu ein paar Tempeln und Grotten hinter uns. Es ist heiß. Am Waldrand haben wir kurz gerastet, die Rucksäcke abgestellt, etwas getrunken.
Nun sind wir wieder im geliehenen Van unterwegs. Unsere Kinder sitzen auf der Mittelbank, meine Frau und ich auf der hinteren. Der Onkel fährt, die Tante sitzt daneben. Ich bin dabei, wegzudösen. Da beginnt mein elfjähriger Sohn zu schreien.
Schnell, schlängelnd, und im Wortsinne hautnah
Eine halbe Sekunde später stimmt meine Frau in das Kreischen ein. Es sind Töne, die ich kaum je gehört habe, höchstens in Horrorfilmen.
Ich beuge mich schräg nach vorn. Was ich auf dem rechten Oberschenkel meines Sohnes sehe, dann auf dem linken, dann wieder gar nicht mehr, ist die Art von Naturbeobachtung, auf die man gerne verzichtet. Es ist groß, lang, hat einen dunklen Körper, viele gelbe Beine. Es ist in schneller Schlängelbewegung unterwegs und erinnert an das Alien aus dem gleichnamigen Film.
Mein Sohn beginnt nun, zum Geschrei noch wild zu strampeln.
Jetzt schreie auch ich.
Japan, das Land der uralten Kultur, das Land der Samurai, der Mangas, der Megastädte, der Technologie, das Land der Roboter. Dabei vergisst man leicht, dass diese Inseln auch nach wie vor voller wilder Tiere sind. Bären haben in diesem Jahr bereits sieben Personen getötet, die Zahl der gemeldeten nahen Begegnungen, oft mit verletzten Menschen als Folge, geht in die Hunderte. Hochgiftige Schlangen gibt es auch. Humorlose Wildschweine. Aggressive Hornissen. Giftige Quallen etc.
Aber das Tier, das den meisten Schrecken verbreitet, ist ein anderes. Es lässt Japaner und Zugereiste auch gerne mal eine Nacht wachend im Bett mit der Eisspraydose in der Hand verbringen, weil man es laut Youtube-Weisheit nur durch Blitzabkühlung immobilisieren kann.
Das Tier heißt „Mukade“. Es ist ein Hundertfüßer. Ein Gliedertier. Seine Bewegungen und seine Färbung erinnern an eine Schlange. Oder einen Drachen: „Ōmukade“, den riesigen menschenfressenden Yokai-Dämon aus der japanischen Mythologie.

© Imago/Depositphotos
Ich schreie also. Schreie, dass die anderen mit ihrem Geschrei aufhören sollen. Und dem Gezappel. In diesen Sekundenbruchteilen habe ich keine Ahnung, was sich da gerade geschlängelt hat. Nur, dass es sich da nicht weiter schlängeln sollte, ist mir instinktiv klar.
Auf den Kopf unseres als einzigem vollkommen ruhigen jüngeren Sohnes hatte meine Frau kurz zuvor zu Kühlungszwecken einen feuchten Waschlappen gelegt. Ich greife danach. Das Schlängeltier taucht wieder auf dem Schoß des Großen auf. „Stillhalten!“ Es ist der letzte Schrei, den ich von mir gebe.
Schlangen, Skorpione, Nilpferde … Scolopendra!
Keine Ahnung, wie es bei anderen ist. Ich jedenfalls habe mich bei Reisen in fremde Länder früher immer auch gut über das dortige Wildlife informiert. Das half in Südafrika etwa bei Begegnungen mit Puffottern, Schwarzen Mambas und Flusspferden oder bei Skorpionen in Südamerika. Auf den Familientrip nach Japan hatte ich mich auch vorbereitet, selbst ein paar Wörter hatte ich gelernt. Aber wilde Tiere – weder, was sie tun, noch wie sie heißen – waren nicht Teil der Präparation.
„Mukade“ wurde aber letztlich das japanische Wort, das sich mir am tiefsten eingeprägt hat. Es steht für eine Reihe von Hundertfüßerarten, meist für Scolopendra subspinipes.
Zu Deutsch: Riesenläufer. Der Name ist Programm.
Das Tier ist jetzt wieder weg, hat sich vor lauter Gezappel und Geschrei versteckt, irgendwo zwischen Mensch und Sitzbezug.
Das ist in so einer Situation gar nicht gut, sagt Carsten Müller, Hundertfüßer-Fachmann von der Uni Greifswald, mit dem ich nach der Reise spreche. Die Tiere seien eigentlich gegenüber Menschen „überhaupt nicht beißfreudig“. Man müsse sie dafür schon einengen, quetschen. Zum Beispiel zwischen Kinderpopo und Sitzbank.

© Denise Becker
Viele der Bisse, die in Japan, aber auch vielen anderen Ländern jedes Jahr bekannt werden, ereignen sich im Schlaf. Der Riesenläufer hat sich unbemerkt Zutritt zum Haus verschafft und macht sich komplett blind und nachtaktiv auf Beutezug, geleitet von seinen Riech- und Hörorganen. Dabei suchen die Tiere eben auch dort, wo der Mensch in seinem Bett raschelt. Dreht der sich um und liegt dann plötzlich auf der Mukade, setzt das Tier das ein, was Müller eine „richtige Waffe“ nennt: ein Paar in der Evolution zu „Giftklauen“ umfunktionierte Beine.
Man sollte die Tiere auf keinen Fall zu greifen und festzuhalten versuchen, sie sind extrem wendig und beißen dann auf jeden Fall.
Carsten Müller, Hundertfüßer-Fachmann von der Uni Greifswald
Mit denen wird ein Substanzgemisch verabreicht, das extrem schmerzhaft wirkt, Muskeln krampfen lässt, Gewebe zum Absterben bringt. Tödliche Folgen sind aber selten. Sie sind meist auf Infektionen mit Mikroorganismen, die die oft unterirdisch lebenden Tiere mitschleppen „und beim Biss sehr tief ins Fleisch geraten können“, zurückzuführen. Vor ein paar Jahren starb laut Müller in der Türkei, wo der Riesenläufer mittlerweile auch schon vorkommt, ein Mann trotz Intensivbehandlung im Krankenhaus an einer solchen Infektion.
„Man sollte die Tiere auf keinen Fall zu greifen und festzuhalten versuchen, sie sind extrem wendig und beißen dann auf jeden Fall.“ Diese Worte des Greifswalder Experten kannte ich im japanischen Sommer aber eben noch nicht, so wenig wie die Mukade selbst. Abgeschnallt bei 90 km/h, diagonal über die mittlere Sitzbank hängend, den nassen Waschlappen in der Hand, muss ich mich in Millisekundenschnelle entscheiden, als das Tier zum Glück wieder auftaucht und kurz auf dem Oberschenkel des Nachwuchses Halt macht.
Giftmischer des Tierreichs
Hundertfüßer sind wahrscheinlich die einzige Tierklasse, bei der wirklich alle Arten – 3700 etwa sind bekannt – giftig sind. Die ursprünglicheren Untergruppen, etwa die Ordnung der Spinnenläufer, haben noch vergleichsweise einfache Gifte. Die am weitesten vom Urvorfahren entfernten Hundertfüßer, zu denen eben auch jene Riesenläufer gehören, produzieren dagegen hochkomplexe Cocktails. Bei manchen von ihnen unterscheiden sich die Gifte sogar zwischen Männchen und Weibchen deutlich. Warum das so ist? „Keine Ahnung“, sagt Müller.
Dazu kommen bislang weitgehend unerforschte Drüsen für Substanzen, mit denen diese Boden- und Erdbewohner sich vor den unzähligen Mikroben in ihrer feuchtdunklen Umwelt schützen. Es sind antibiotische Stoffe. Nach Meinung nicht weniger der weltweit ohnehin laut Müller nur etwa 100 Fachleute für die Tiere könnten es die Antibiotika der Zukunft sein.

© Imago/Panthermedia/Kirisa99
Sie zu finden, biochemisch genau zu analysieren und dann für Therapien zu nutzen, ist allerdings ein langer Weg mit vielen Hürden. Von den zahllosen einst Hoffnung machenden Tiergiften hätten es, sagt der Evolutionsbiologe und Hundertfüßergift-Fachmann Björn von Reumont vom Naturkundemuseum in Karlsruhe, „bisher vielleicht 20 geschafft, zu Medikamenten zu werden“. Künstliche Intelligenz helfe aber zumindest in frühen Forschungsphasen schon jetzt, den Prozess zu beschleunigen und effektiver zu machen.
Antibiotika, Kleber, Sprintrekorde
Außer antibiotischen Substanzen und den Angriffsgiften, die für den Beutefang genutzt werden, produzieren die Tiere auch noch andere Abwehrstoffe. Meist nutzten sie dafür am hinteren Ende zu Drüsen umfunktionierte Beinpaare. Oft sind auch diese Substanzen Gifte, aber manchmal auch Sekundenkleber, die den Feind bewegungsunfähig machen.
Die auch in Deutschland heimischen Steinläufer, die jetzt im Herbst auch gerne mal eine Überwinterung in Häusern versuchen, versprühen bei Bedrohung einen solchen. Ihr Gift ist auch nicht ohne. Aber sie sind zumindest nicht so groß, beißen nicht so tief – und Menschen ohnehin nur in absoluter Bedrängnis. So wie die japanischen Riesenläufer.
Bis zu etwa 19 Zentimeter sollen die angeblich lang werden. Der, der auf dem Bein meines Sohnes gerade kurz haltgemacht hat, misst mindestens 21. Zumindest in meiner Erinnerung.
Der Hundertfüßer in der Hand...
Ich fasse zu. Zwischen Tier und menschlicher Haut auf der einen Seite das dünne Hosenbein einer Baggy-Shorts und jener nasse Waschlappen auf der anderen.
Spinnenläufer sind echte ,escape artists’.
Iulia Barutia, Biologin von der Uni Jena
Wir haben Glück. Der Riesenläufer nicht. Ich bekomme ihn zu fassen, instinktiv greife ich um den Kopf herum, sodass er diesen eben nicht blitzschnell wenden und zuschlagen kann, wie Müller es beschreibt. In den Zipfel des Waschlappens schlage ich schnell den Schwanz des Tieres. Denn ich habe ja keine Ahnung, auf welcher Seite die Viecher gefährlich sind. Ich drücke zu. Es sind unschöne Geräusche. Ob „Es“ noch lebt? Ich muss leider noch mehr zudrücken.
Hat es vom ersten hysterischen Schrei bis hierher fünf Sekunden gedauert? Oder eine Minute? Niemand von uns weiß das heute zu sagen.
Wir werden das Tier nie wiedersehen. Ob es Scolopendra subspinipes war oder vielleicht Scolopendra japonica oder mutilans, werden wir auch nie wissen.
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Der Onkel hält links am Straßenrand, denn in Japan ist ja Linksverkehr. Jetzt mache ich mich auch noch strafbar, denn den Lappen als Müll im Straßengraben zu entsorgen, mit oder ohne Mukade, ist natürlich verboten. Ein paar Liter Adrenalin kippen wir gleich mit hinterher.
Verlorene Beine, neu geborene Beine
Dass Hundertfüßer aufregend sind, finden auch alle, die zu ihnen forschen. In Jena etwa beschäftigt sich die Biologin Iulia Barutia mit dem Spinnenläufer (Scutigera coleoptrata). Der hat ein Extra-Nervenzentrum, fast wie ein kleines Zusatzgehirn, am Körperende und ist relativ zur Größe nicht nur eines der schnellsten laufenden Tiere der Welt, sondern auch eines derjenigen, die am schnellsten Körperteile regenerieren können. Beide Fähigkeiten machen die sonst ziemlich schutzlosen, fast gar nicht gepanzerten Tiere zu echten „escape artists“, sagt Barutia.
Die Tiere werfen auf der superschnellen Flucht bei Feindkontakt ein paar ihrer 30 Beine weg, lassen diese aber auch superschnell wieder nachwachsen. „Im Gegensatz zu anderen Gliedertieren, wo das nach und nach geschieht und die Gliedmaßen oft nie wieder ihre volle ursprüngliche Funktion erreichen, bilden sie vollständig neue Beine schon innerhalb eines einzigen Häutungszyklus“, sagt Barutia. Sie und ihr Kollege Andy Sombke von der Medizinischen Universität Wien haben das 2024 in einem Fachartikel erstmals detailliert beschrieben und „explosive Regeneration“ genannt.
Wie funktioniert das? Lassen sich die zugrunde liegenden Prozesse vielleicht sogar medizinisch nutzen? Wie schaffen es die Tiere, mit ihren langen Beinen solche Geschwindigkeiten zu erreichen, ohne je zu stolpern? All das will Barutia nun weiter erforschen.
Man sollte die Tiere auf keinen Fall dämonisieren.
Carsten Müller, Hunderfüßer-Experte von der Uni Greifswald
Aus unserer Sicht schnell genug unterwegs war auch der unglückliche Riesenläufer, der nun bei Yamagata im Straßengraben liegt. Wir hätten uns den Schrecken und dem Tier seinen wahrscheinlichen Tod ersparen können, wenn wir nicht so unvorbereitet gewesen wären. Man stellt, wenn man in Japan am Waldrand Rast macht, eben die Ruck- und sonstigen Säcke nicht auf den Boden. Schuhe auch nicht. Denn die Mukade mag solche Zufluchtsorte sehr. Der ganze Horror war selbst verschuldet, der vermiedene Biss mehr Glück als Verstand.
Ein Urahn der Landbewohner
Schon der Urahn aller Japantouristen, der Schriftsteller Lafcadio Hearn, wusste es besser: Sehe man den Hundertfüßer etwa abends vor dem Haus, dann müsse man „ihn mit einer Feuerzange fassen und draußen in die Dunkelheit werfen“ schreibt er in seinem Essay „In einem japanischen Garten“ von 1892.
„Man sollte die Tiere aufgrund solcher Geschichten auf keinen Fall dämonisieren“, kommentiert Carsten Müller unser Erlebnis. Allein die Zeit, die Wesen wie sie bereits auf der Erde sind, sollte Ehrfurcht einflößen: Fossilien aus dem „Oberen Silur“, mehr als 400 Millionen Jahre alt, zeigen bereits einen dem heutiger Hundertfüßer sehr ähnlichen Körperbau und gehören zu den frühesten Nachweisen tierischen Lebens an Land.
Und es sind ja die über jene Hunderte Millionen von Jahren Evolution weiterentwickelten biochemischen Fabriken für Enzyme, Gifte und Abwehrstoffe, die der Tiergruppe ein so langes Überleben mitten im Dreck zwischen allen möglichen Bakterien, Pilzen und Parasiten ermöglicht haben.
Warum sollten es nicht sie sein, die irgendwann tatsächlich neue, weniger für Resistenzen anfällige Antibiotika liefern? Oder vielleicht kommt aus ihren Drüsen, mit denen sie Milben bekämpfen, ja ein Mittel gegen Zecken. Oder aus ihren Kleberorganen zumindest ein neuer Superkleber.
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