• Steigende Zahlen bei Diabetes mellitus : Immer mehr haben „Zucker“, immer weniger bekommen Hilfe

Steigende Zahlen bei Diabetes mellitus : Immer mehr haben „Zucker“, immer weniger bekommen Hilfe

Die Zahl der Diabetesfälle im Kindesalter nimmt stetig zu. Doch die Versorgungsmöglichkeiten für junge Patienten werden derweil sogar abgebaut.

Stefanie Uhrig
Unter die Haut: Insulin wird mittels sogenannter „Pens“ (Stifte) verabreicht.
Unter die Haut: Insulin wird mittels sogenannter „Pens“ (Stifte) verabreicht.Foto: Jens Kalaene/dpa/picture alliance

Jedes Jahr bekommen mehr Kinder die Diagnose. Und niemand weiß, woran das liegt. Die Häufigkeit des Diabetes mellitus vom Typ 1, jener Form der „Zuckerkrankheit“, die normalerweise in jungen Jahren ausbricht, nimmt um drei bis vier Prozent jährlich zu. Das gilt für Deutschland und weltweit.

Das Immunsystem greift Zellen der Bauchspeicheldrüse an, die Insulin produzieren. Dadurch können Patienten Kohlenhydrate nicht mehr verarbeiten. Es kommt zu gefährlichen Glukosekonzentrationen im Blut. Insulin muss dann zugeführt werden. Das bedeutet, dass es in die Haut gespritzt wird – an Alternativen, etwa Sprays, wird bislang nur geforscht.

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Behandeln kann man den Typ-1-Diabetes also. Vor 100 Jahren waren Betroffene noch todgeweiht. Eine Therapie, die diese Autoimmunerkrankung heilen kann, gibt es aber nach wie vor nicht, eine Erklärung, warum die Neuerkrankungen zunehmen, ebenso wenig, erklärt Andreas Neu. Er ist Vizepräsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. Es gebe zwar Hypothesen, viele ließen sich aber schnell entkräften.

Denkbar sei, dass veränderte Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Ob der Typ 1 auch bei Erwachsenen zunimmt, ist unklar, es gibt zumindest in Deutschland keine aussagekräftigen Register. Grundsätzlich sind Neuerkrankungen aber, wie bei allen Autoimmunleiden, in jedem Lebensalter möglich.

Zu wenige Einrichtungen für die Betreuung von Zuckerkranken

Für die Kinder und Jugendlichen ist es wichtig, schnell und gut versorgt zu werden. Dazu sind sowohl ambulante als auch stationäre Einrichtungen nötig. Beispielsweise werden die jungen Patienten stationär auf die Insulintherapie eingestellt, wenn die Krankheit ausbricht. Wenn der Stoffwechsel durcheinandergerät oder für Therapieumstellungen verbringen die Kinder und Jugendlichen ebenfalls ein paar Tage auf der Station. Die regelmäßige Kontrolle danach erfolgt ambulant.

Für beide Formen der Betreuung müsste es mehr Einrichtungen geben, fordert Andreas Neu. „Unsere Zielvorstellung wäre ein flächendeckendes Netz von gut ausgestatteten Schwerpunkteinrichtungen.“ Wichtig sei dabei die wohnortnahe Versorgung. „Erfahrungsgemäß schätzen die Patienten einfache und kurze Wege.“ Wenige große Zentren, die in anderen Medizinbereichen wie etwa der Krebstherapie als sehr sinnvoll gelten, seien hier nicht der optimale Ansatz.

Louisa van den Boom, Oberärztin der Kinder- und Jugenddiabetologie am Clementine Kinderhospital Frankfurt/Main, spürt in ihrer Ambulanz den steigenden Bedarf: „Ich bin, was die Patientenzahl angeht, am Anschlag, wir haben eine Warteliste, können den Bedarf also eigentlich gar nicht decken.“ Sie muss Prioritäten setzen. Kinder, die noch keinen Diabetologen haben, nimmt sie vorrangig an.

Ihre Patienten kommen zum Großteil aus dem Großraum Frankfurt, allerdings versorgt sie auch Kinder und Jugendliche aus Gegenden südlich von Stuttgart. „Um uns herum schließen leider einige Kinderdiabetologen oder haben schon geschlossen“, sagt Louisa van den Boom.

„Eine Pause vom Diabetes gibt es nicht“

Genaue Zahlen gibt es dazu zwar nicht, zu wenige diabetologische Ambulanzen seien es aber definitiv, berichtet die Deutsche Diabetes Gesellschaft. Sie hat ihre Landesverbände aufgerufen, eine Petition gegen das Krankenhaussterben auf dem Land zu unterstützen. In dieser geht es zwar nicht gezielt um ihre Fachrichtung, doch auch Diabetes-Patienten würden von einer flächendeckenderen Krankenhausversorgung profitieren.

In einer diabetologischen Krankenhausabteilung oder Ambulanz genügen zudem nicht einfach zwei oder drei Ärzte. Teams bestehen vielmehr idealerweise aus Ärzten, Diabetesberatern, Psychologen, Ernährungsberatern und Physiotherapeuten. Denn die Patienten wirklich gut zu versorgen beinhaltet deutlich mehr, als nur auf Insulin einzustellen und es die Eltern – oder die älteren Kinder selbst – dann spritzen zu lassen. „Diabetes ist eine Erkrankung, die jeden Tag rund um die Uhr präsent ist“, betont van den Boom, „eine Pause vom Diabetes gibt es nicht.“

Die Teams versorgen Patienten dabei nicht nur mit den richtigen Medikamenten. Auch Schulungen sind wichtig, bei denen die Familienmitglieder einbezogen werden. Dazu kommen Besuche in Kindertagesstätten, Kindergärten oder Schulen. Das Personal dort muss ebenfalls wissen, wie man mit Diabetes umgeht und Probleme erkennt.

Schulungen sind umfassend, da die Krankheit praktisch jeden Aspekt des Lebens betrifft: Essen, Sport, Aufregung, Stress und vieles mehr beeinflussen, wie viel Insulin man benötigt. Für Patienten und Eltern sei auch ein gutes und persönliches Verhältnis zu den Ärzten mitentscheidend, um gut mit der Krankheit leben zu können, so van den Boom. Lange Wege für Patienten und Zeitnot aufseiten der Mediziner seien da natürlich kontraproduktiv.

„Trotzdem weiter Spaß am Leben haben“

Entscheidend ist insgesamt der richtige Umgang mit der Krankheit. Prinzipiell soll aber jedes Kind das tun können, was gesunde Kinder auch machen. Das sei auch möglich, solange man gut geschult ist, sagt Louisa van den Boom. Sie versucht, Familien zu ermutigen: „Lassen Sie sich vom Diabetes nicht unterkriegen, haben Sie trotzdem weiter Spaß am Leben“, sind Sätze, die sie ihnen mitgibt. Die Krankheit soll Patient undFamilie nicht beherrschen, sondern umgekehrt.

Vorbeugen kann man dem Typ-1-Diabetes nicht. „Niemand hat Schuld daran!“, betont Andreas Neu. Darin unterscheidet er sich vom Typ 2, der meist im Erwachsenenalter ausbricht und oft durch Übergewicht und Bewegungsmangel entsteht. Auch er und seine Vorstufen werden inzwischen bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger beobachtet, was das Versorgungsproblem noch verschärft.

Für Eltern, die sich fragen, wie sie den Beginn einer Diabetes-Typ-1-Erkrankung bei ihrem Kind erkennen können, gibt es einige gut sichtbare Zeichen. Dazu gehören vermehrtes Trinken und auffällig häufiges Wasserlassen sowie Gewichtsabnahme. Dann ist eine Urin- oder Blutkontrolle beim Kinderarzt ratsam. Zeigt sie einen erhöhten Blutzuckerspiegel an, übernehmen die Diabetologen.

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