Streit um den Preis von Wissenschaftsjournalen : Gesperrte Lektüre

Im Kampf zwischen Unis und Verlagen um die Preise von Wissenschaftsjournalen scheint eine Lösung ferner denn je. Bröckelt die Blockadehaltung von Forschern?

Bei den Verhandlungen zwischen den Hochschulen und dem Elsevier-Verlag geht es um niedrigere Journalpreise – und um mehr.
Bei den Verhandlungen zwischen den Hochschulen und dem Elsevier-Verlag geht es um niedrigere Journalpreise – und um mehr.Foto: Mike Wolff/Tsp

Zwei Jahre zähes Ringen, keine Einigung, aktuell Sendepause. Das ist, kurz gesagt, der Stand beim Thema DEAL und Elsevier. Worum ging es noch mal? Laute Klagen über exorbitant teure Fachjournale hörte man aus den Forschungseinrichtungen und Universitätsbibliotheken schon lange. 2016 entschied sich die deutsche Wissenschaftslandschaft deshalb zum radikalen Boykott. Knapp 200 Institutionen haben seitdem ihre Abo-Verträge mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier gekündigt.

Parallel dazu nahm die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, vertreten durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Verhandlungen für ein bundesweites Paket auf – Projekt DEAL. Doch nach zahlreichen Gesprächsrunden gibt es noch immer keinen Durchbruch. Im Juli erklärte die HRK die Verhandlungen für unterbrochen: Grund seien die „überhöhten Forderungen“ des Verlags, sagte Verhandlungsführer Horst Hippler damals.

Wie soll es nun weitergehen? An politischem Rückenwind für DEAL mangelt es nicht; die Zeichen stehen sowohl auf EU- als auf Bundesebene grundsätzlich auf Open Science. Doch wie sieht es in der wissenschaftlichen Community aus – bröckelt dort mittlerweile die Unterstützung? Zuletzt hatten sich einzelne Forscher öffentlich zu Wort gemeldet und die Verhandlungsstrategie der HRK kritisiert. Hinzu kommt, dass Elsevier den Unis nun womöglich doch die Journal-Zugänge sperrt, die nach den Kündigungen bisher aus Kulanzgründen weiter gewährt wurden. Andeutungen in diese Richtung hat das Unternehmen gemacht. Werden dann erste Institutionen zu Einzelverträgen zurückkehren?

Die Berliner Unis bleiben beim Elsevier-Boykott

Nein – betonen zumindest die Berliner Universitäten. „Die TU Berlin unterstützt die DEAL-Verhandlungen auch weiterhin. Ein lokaler Vertrag der TU Berlin mit Elsevier wird deshalb bis auf Weiteres nicht verhandelt“, sagt TU-Pressesprecherin Stefanie Terp. Auch die Freie Universität stellt klar: „Die FU kehrt nicht zu einem Einzelvertrag mit Elsevier zurück.“ Die Lücke in der Informationsversorgung könne in den meisten Fällen über den Lieferdienst der Fernleihe geschlossen werden. Außerdem beraten an der FU sowohl die Universitätsbibliothek wie auch die Fachbibliotheken die Wissenschaftler bei der Beschaffung von notwendigen Elsevier-Artikeln. Dazu habe die Universitätsbibliothek eigens ein Team von Fachkräften zusammengestellt.

Seitens der HU heißt es, man hoffe, dass es „im Rahmen der DEAL-Verhandlungen bald zu einem Vertrag mit dem Elsevier-Verlag kommt“. Nur so könnten „bestehende Versorgungslücken tatsächlich ausgeräumt werden“, sagt Andreas Degkwitz, Direktor der HU-Universitätsbibliothek.

Von wachsender Ungeduld unter den Forschenden haben die Universitäten noch nichts bemerkt. Auch HRK-Verhandlungsführer Hippler betont: „Der Rückhalt aus der wissenschaftlichen Community ist sehr hoch.“ Außerdem sei in Zeiten des Internets ohnehin niemand von wissenschaftlicher Isolation bedroht. „Viele Wissenschaftler sind weltweit vernetzt, man schickt sich gegenseitig Vorabdrucke und Publikationen.“

Es geht auch um Open Access

Das Problem bei den bisherigen Verhandlungen: Es geht nicht nur um niedrigere Journalpreise. Die Projektgruppe DEAL fordert einen grundlegenden Systemwechsel. Weg vom Prinzip: Wer lesen will, muss zahlen – hin zu Gold Open Access. Für alle Artikel, die von deutschen Wissenschaftlern publiziert werden, soll dann schon beim Erscheinen Geld an den Verlag fließen. Der anschließende Zugang für die Lesenden ist weltweit kostenfrei.

Nur funktioniert das Geschäftsmodell der Wissenschaftsverlage bisher hauptsächlich andersherum. Die Rechnung, die Elsevier daher aufmacht, geht so: Aktuell würden Artikel aus Deutschland rund sechs Prozent der Inhalte der Elsevier-Journals ausmachen. Von den übrigen 94 Prozent erscheine nur ein Teil ebenfalls als Gold Open Access, also frei zugänglich. Die meisten Artikel befinden sich weiterhin hinter hohen Paywalls – in Journalen, die die Bibliotheken über das Subskriptionsmodell bestellen müssen. Der Zugang zu diesen 94 Prozent soll an deutschen Forschungseinrichtungen natürlich ebenfalls zur Verfügung stehen. Nur: wie viel darf das Lesen noch kosten – wenn man auch fürs Publizieren schon Geld mitbringt?

Genau hier scheiden sich die Geister. Als Verhandlungsziel nennt das Projekt DEAL explizit die „angemessene Bepreisung“ nach einem Berechnungsmodell, „das sich am Publikationsaufkommen orientiert“ – und eben nicht wie bisher an den freigeschalteten Lese-Zugängen. Elsevier geht das offenbar zu schnell, denn nun bringt der Verlag die Green Open Access Variante plötzlich wieder ins Gespräch. Beim grünen Weg bleibt alles wie bisher; die Urheber dürfen ihre Artikel allerdings nach Ablauf einer Frist kostenlos im Internet verbreiten.

Die Unis wollen "den Druck hochhalten"

In den Monaten vor der Unterbrechung hatten die Verhandlungspartner trotz der Differenzen nach einer Übergangslösung gesucht. „Wir waren eigentlich auf einem guten Weg“, sagt Elsevier-Sprecher Hannfried von Hindenburg. Hippler bestätigt das. Eine Mischung aus flächendeckendem Gold Open Access für Forschungsinhalte aus Deutschland einerseits und Zugängen zu den kostenpflichtigen Journals andererseits – das sollte es werden. Einen Namen hat das Paket auch schon: „Publish & Read“. Von Hindenburg betont, man habe dafür Angebote vorlegt. Doch offenbar lagen die Vorstellungen noch weit voneinander entfernt. „Welche Dienstleistungen für welchen Preis, das ist der Kernkonflikt“, sagt von Hindenburg.

Horst Hippler sieht das ein wenig anders. Im Sommer hat er sein Amt als HRK-Präsident an Nachfolger Peter-André Alt übergeben, die Verhandlungen mit Elsevier führt er weiterhin. Am Ende sei vor allem der Zeitpunkt strittig gewesen. „Wir wollten über das Jahr 2019 reden“, Elsevier sei dazu nicht bereit gewesen – daher die „Denkpause“. Das Projekt DEAL fordert jetzt, dass für die Übergangsphase eine Strategie entwickelt wird. Denn münden soll Publish & Read in jedem Fall „in ein komplettes Open Access Modell“, betont Hippler. „Wie schnell das geht, liegt nicht allein in unserer Hand. Aber wenn es keine Vorreiter gibt, dauert es noch ewig, deshalb halten wir den Druck hoch.“

Noch haben die verhandelnden Parteien die Brücken nicht hinter sich abgebrochen. Es gäbe weiterhin informelle Gespräche, bestätigen beide Seiten. „Wir denken, dass wir wieder zusammenkommen“, sagt von Hindenburg. Hippler verweist derweil auf die Fortschritte bei der Konkurrenz. „Die Verlagswelt besteht ja nicht nur aus Elsevier.“ Parallel verhandelt das Projekt DEAL auch mit Wiley und Springer Nature. Hier wurden die Gespräche nicht ausgesetzt. „Und wir sind zuversichtlich, dass wir mit beiden Verlagen in naher Zukunft eine Lösung für ein Publish & Read Modell finden werden.“

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

0 Kommentare

Neuester Kommentar