Streit um teure Fachjournale : Unis machen auch mit Springer Nature einen "Deal"

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen einigt sich auch mit Springer Nature auf Nationallizenzen und Open Access - für "fast alle" Inhalte.

Blick in den Computer-Arbeitsraum der Grimm-Bibliothek der Humboldt Universität zu Berlin.
Bibliotheken beklagen „exorbitante Kosten“ für Zeitschriften-Abos. Doch für solche, die zu sehr forschungsaktiven Unis gehören,...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die deutschen Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen sind einen großen Schritt weiter bei ihrem „DEAL“ mit den Wissenschaftsverlagen. Nachdem man sich im Januar mit dem Verlagsriesen Wiley auf einen bundesweiten Lizenzvertrag für elektronische Angebote geeinigt hatte, soll ein solcher Vertrag jetzt auch mit Springer Nature geschlossen werden. Das vereinbarten die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen und die federführende Hochschulrektorenkonferenz (HRK) für rund 700 wissenschaftliche Einrichtungen am Donnerstag in Berlin in einem Memorandum of Understanding. Der eigentliche Vertrag solle noch in diesem Jahr abgeschlossen werden, hieß es bei einer Pressekonferenz.

Die Problematik, die Bibliotheken mit einem wissenschaftlichen Angebot sowie Forschungseinrichtungen finanziell in die Enge treibt: Fachjournale mussten sie bislang über ein Subskriptionsmodell direkt bei den Verlagen bestellen, die drei größten sind Elsevier, Springer Nature und Wiley. Die Preise für diese Journale stiegen Jahr um Jahr, was zu „exorbitanten Kosten“ führte, wie die Bibliotheken klagen. Deshalb entschied sich die Allianz der Wissenschaftsorganisationen 2016 zum teilweisen Boykott. Hunderte Institutionen kündigten seitdem ihre Abo-Verträge mit dem besonders kritisierten Wissenschaftsverlag Elsevier.

Künftig soll das Copyright bei den Autoren bleiben

Im damals gestarteten Projekt DEAL (das Wort steht für den angestrebten Vertragsabschluss) geht es der Allianz darum, für akademische Einrichtungen von der Regionalbibliothek bis zur Exzellenzuniversität nationale Lizenzen „für das gesamte Portfolio an elektronischen Zeitschriften großer akademischer Verlage“ auszuhandeln. Dabei sollen die Verlage nicht wie bisher das Copyright an den Artikeln erhalten und die Inhalte weiterverkaufen können; es soll bei den Autorinnen und Autoren bleiben. So obliegt ihnen dann auch die Entscheidung, ob sie ihr Paper mit oder nach der Erstveröffentlichung im Verlagsjournal öffentlich kostenfrei zugänglich machen, also den von den allermeisten Wissenschaftlern favorisierten Open Access ermöglichen.

Das soll nach dem Wiley-DEAL auch mit Springer Nature gelingen. Deren Marktanteile an wissenschaftlichen Publikationen in Deutschland beziffert Gerard Meijer, Direktor am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft und Mitglied der DEAL-Verhandlungsgruppe, mit 15 Prozent für Springer Nature und 13 Prozent für Wiley. Mit Elsevier, wo rund 25 Prozent der in Deutschland publizierten wissenschaftlichen Artikel erscheinen, steht eine Einigung noch aus.

"Größte Open-Access-Vereinbarung weltweit"

„Dies ist die größte Open-Access-Vereinbarung, die weltweit jemals abgeschlossen wurde“, sagte Springer-Nature-CEO Daniel Ropers am Donnerstag. Millionen Studierende und Forschende erhielten ab 1. Januar 2020 Zugang zu „fast allen“ Publikationen seines Hauses – zu den aktuellen und den seit 1997 erschienenen. Die Vereinbarung umfasse 2500 hybride und reine Open-Access-Zeitschriften. Hybride Journale sind solche, die es ermöglichen, einzelne Artikel auf Wunsch der Autoren frei zugänglich zu machen. Ausgenommen vom Open Access wird das Flagschiff des Verlages, das „Nature“-Magazin, „das diese Option noch nicht hat“, wie Ropers sagte.

Worin nun besteht der Vorteil der Nationallizenz? Zum einen im Preis, erklärt Max-Planck-Vertreter Gerard Meijer. Bislang mussten Bibliotheken weltweit im Schnitt 3800 Euro pro elektronisch publiziertem Aufsatz zahlen. Mit Wiley und Springer Nature hat man sich jetzt auf 2750 Euro als Publikations- und Lesegebühr geeinigt. Diese wird nicht mehr über die Abos von den Bibliotheken eingetrieben, sondern pro Paper von den wissenschaftlichen Institutionen, an denen sie entstanden sind.

Abgewickelt wird dieses Bezahlmodell über die eigens gegründete Service GmbH der Max Planck Digital Library, die die Rechnung an eine der 700 beteiligten Einrichtungen weiterreicht. Für die Bibliotheken großer Forschungsuniversitäten, die viel publizieren, würde das am Ende sogar höhere Kosten bedeuten, sagt Meijer. Ausgleichen müsse das künftig ein entsprechender Publikationsanteil in der Projektförderung etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Da tut sich also ein neues Verhandlungsfeld für die Allianz auf.

Auch mit Elsevier soll wieder gesprochen werden

Wie sich der DEAL für die Verlage rechnen soll, die ja pro Paper im internationalen Durchschnitt weniger Geld erhalten, erklärte Meijer so: Wenn sich aufgrund der erweiterten Open-Access-Regelung mehr Wissenschaftler dafür entscheiden, bei Springer Nature zu publizieren, ergebe das durchaus einen Profit. Daniel Ropers nickte dazu. Dass das Open-Access-Portfolio von Nature Science in jüngerer Zeit gewachsen sei, habe nicht den Wert des Abonnements-Portfolios geschmälert. Das gelte auch für vermehrte Hybrid-Optionen.

Rückt jetzt auch eine Einigung mit Elsevier näher? Trotz der offiziell ruhenden Verhandlungen sei demnächst ein Treffen mit der Verlagsspitze geplant, sagt Horst Hippler, ehemaliger Präsident der HRK und Verhandlungsführer für die Allianz. „Aber durch den zweiten Vertrag mit Springer Nature haben sich die Bedingungen verändert.“ Elsevier-Vize Gemma Hersh erklärte am Mittwoch in einem Gastbeitrag für „Times Higher Education“, dass sie die festgefahrene Situation „sehr bedauere“, diese aber „mit Kreativität, Flexibilität, Engagement und Pragmatismus“ zu lösen sei.

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