Studie aus den USA und Kanada : Nicht so smart wegen Smartphone

Mehr als zwei Stunden Daddeln am Handy oder am Computer pro Tag lässt Kinder schlechter lernen. Eine Studie plädiert daher für eine begrenzte Nutzung.

Jugendlicher bei einer Lieblingsbeschäftigung
Jugendlicher bei einer LieblingsbeschäftigungFoto: dpa/picture alliance

Wie viel Zeit darf mein Kind mit dem Smartphone herumspielen, wie viel Sport sollte es machen, wann gehört es spätestens ins Bett? Jeden Tag aufs Neue stellen sich Eltern diese Fragen – spätestens, wenn der Junior das Handballtraining geschmissen hat und stattdessen bis in die Puppen am Handy daddelt. 2016 haben kanadische Experten anhand der bis dato vorliegenden Forschungsergebnisse Richtlinien eben dafür erlassen: mindestens eine Stunde körperliche Bewegung täglich, nicht mehr als zwei Stunden vor einem Bildschirm und zwischen neun und elf Stunden Schlaf.

Schlaf, Bewegung, wenig "Screentime"

Väter und Mütter werden es ahnen: Kaum ein Kind erfüllt heutzutage diese Normen. In den USA hat das jetzt auch eine von der dortigen Gesundheitsforschungsinstitution NIH finanzierte Studie ergeben. Von 4520 untersuchten Kindern im Alter von acht bis elf Jahren aus 20 Orten der USA erfüllte fast ein Drittel (1330) keine einzige der drei Maßgaben, und 41 Prozent (1845) nur eine davon. Ein paar Eltern immerhin schafften es, ihre Kinder zu überreden, zu motivieren oder wie auch immer dazu zu bringen, die Kriterien zu erreichen – zum eindeutig messbaren Vorteil ihres Nachwuchses: Diese fünf Prozent (216) schnitten in Tests, die etwa die Lernfähigkeit, den sprachlichen Entwicklungsstand und das Kurzeitgedächtnis prüften, am besten ab.

Viel Bildschirm, schlecht im Lerntest

Das Gegenteil war der Fall, wenn die Kinder den Empfehlungen nicht genügten. Verbrachten sie mehr als zwei Stunden ihrer Freizeit pro Tag am Bildschirm (der Durchschnitt liegt in den USA bei 3,6 Stunden), dann schnitten sie bei Lerntests schlechter ab als Gleichaltrige, die weniger fernsehen oder auf Smartphone- oder Computerbildschirme starren. Das betont das Forscherteam um Jeremy Walsh vom Children's Hospital of Eastern Ontario, Kanada, im Fachblatt „Lancet Child & Adolescent Health“. Zwar sei noch mehr Forschung nötig, um den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Denkfähigkeit besser zu verstehen – etwa ob sich Unterhaltungs- und Lehrsendungen diesbezüglich unterscheiden. Aber schon jetzt sollten Kinderärzte, Eltern, Erzieher und Politiker sich dafür einsetzen, die Bildschirmzeit zu begrenzen und gesunde Schlafgewohnheiten im Kindes- und Jugendalter zur Priorität zu machen, sagt Walsh. Nur die Hälfte der Kinder bekomme der Studie zufolge die für ihr Alter empfohlene Menge Schlaf.

Spitzer: Weniger Digitalisierung für Kinder

Dass Kinder, die auf mehr als eine Stunde Sport pro Tag kommen, dann auch mehr Playstation spielen dürften – diese Rechnung geht übrigens möglicherweise nicht auf: Mit Sport allein, so ein weiteres Ergebnis, ließ sich die Gedächtnisleistung nicht messbar steigern.
Der Ulmer Psychiatrie-Professor, Manfred Spitzer sagte dem Tagesspiegel, die Studie zeige klar, dass Kinder und Jugendliche „im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Denkfähigkeit durch zu viel Bildschirmzeit leiden“. Spitzer zufolge, bekannt etwa durch sein Buch „Digitale Demenz“, werde es „höchste Zeit, dass die Politik damit aufhört, den Alltag unserer Kinder noch mehr digitalisieren zu wollen, als dies jetzt schon der Fall ist“.

Smartphone-Beschränkung in Smarthone-Land

In den vergangenen Jahren hatten schon andere Studien gezeigt, dass ausufernder Konsum elektronischer Medien – aber auch wenig Bewegung und Schlaf sowie ungünstige Ernährung – die Entwicklung und Gesundheit im Jugendalter und danach negativ beeinflussen können. In Deutschland gibt es bislang keine offiziellen Richtlinien bezüglich Mediennutzung, Schlaf sowie Bewegung bei Kindern und Jugendlichen. In anderen Ländern – etwa Südkorea, dem weltweit größten Smartphone-Produzenten – ist das anders. Hier ist per Gesetz festgelegt, dass Personen unter 19 Jahren nur Smartphones erwerben dürfen, auf denen Pornografie und Gewalt per Software geblockt sind. Eltern werden zudem ab einer bestimmten Zeit der Bildschirmnutzung ihrer Kinder automatisch benachrichtigt. Auch Spiele-Server werden dort um Mitternacht abgeschaltet. In Taiwan, einem anderen führenden Hersteller von Computern und Smartphones, müssen Eltern seit 2015 mit Strafzahlungen rechnen, wenn ihre Kinder besonders viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen.

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