• Studiengänge und Graduiertenschulen gefordert: Deutsche Flüchtlingsforscher suchen eine Heimat

Studiengänge und Graduiertenschulen gefordert : Deutsche Flüchtlingsforscher suchen eine Heimat

Die Zahl der Fluchtforscher und ihrer Projekte wächst, doch geforscht wird fragmentiert und unsystematisch. Das ergibt eine vom Bund geförderte Studie.

Geflüchtete Kinder und Erwachsene in einem Lager im Irak.
Forschungspotenzial. Rund 85 Prozent der Flüchtlinge weltweit leben im Globalen Süden, im Bild ein Lager im Irak, bei Hasansham.Foto: imago/photothek/Florian Gaertner

Mit einer Verzehnfachung der Zahl der Forschungsprojekte seit 2011 ist die Flucht- und Flüchtlingsforschung zweifellos ein Boombereich der deutschen Wissenschaftslandschaft. 640 Vorhaben finden sich in einer Forschungsdatenbank, die jetzt für eine Bestandaufnahme des Forschungsfeldes angelegt wurde. Schon seit 2012/13 hätten die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Ankunft von Geflüchteten in Deutschland zu einer neuen wissenschaftlichen Aktualität des Themas geführt, heißt es in dem jetzt veröffentlichten Bericht. Daran habe sich eine Vielzahl von Disziplinen beteiligt.

Das Forschungsfeld habe ein großes Potenzial, gleichzeitig sei es aber „noch in hohem Maße fragmentiert, selten interdisziplinär orientiert und in relativ geringem Umfang durch kooperative Forschung sowie Vernetzung geprägt“, erklärt Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Uni Osnabrück, das an der Bestandsaufnahme beteiligt war. Erstellt wurde die vom Bundesforschungsministerium finanzierte Studie außerdem vom Internationalen Konversionszentrum Bonn (BICC).

Das 2017 gegründete Berliner Institut ist nicht die Lösung

Dass die Flüchtlings- und Migrationsforschung zu wenig vernetzt sei, ähnliche Themen häufig an mehreren Orten parallel erforscht würden und die Forschung insgesamt nicht nachhaltig abgesichert sei, wird seit Jahren beklagt. Eine Antwort darauf war vor zwei Jahren die Gründung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin. Aufgebaut wird es an der Humboldt-Universität mit Mitteln des Bundesfamilienministeriums und des Landes Berlin an der Humboldt-Universität. Bis 2020 sollten dafür 6,8 Millionen Euro vom Bund zur Verfügung stehen, durch eine institutionelle Förderung ist das Zentrum auch darüber hinaus abgesichert.

Eine Aufgabe des Berliner Zentrums ist es, in der „DeZIM-Gemeinschaft“ bestehende Institute zu vernetzen. Am DeZIM laufen auch zahlreiche Projekte zur Fluchtforschung, etwa über „Migrationsaspirationen syrischer Flüchtlinge in der Türkei“ oder „Fluchtbiographien, Familienstrukturen und Rückkehrpläne von Frauen mit Asylberechtigung und subsidiärem Schutz“. Dabei gehe es aber „um allgemeine Migrations- und Integrationsforschung“ mit Blick auf Deutschland, sagt Olaf Kleist, Projektkoordinator der Bestandsaufnahme, Flüchtlingsforscher an der Uni Osnabrück und Mitarbeiter am DeZIM. Rund 85 Prozent der Flüchtlinge jedoch lebten im Globalen Süden. Der in der Studie aufgezeigte Bedarf bei der Vernetzung und Verstetigung ziele denn auch mehr auf Analysen der transnationalen Fluchtmobilität und des Zusammenhangs von Gewalt und Migration. Hier habe die deutsche Forschung das Potenzial, international mitzureden, aber es gebe aber „grundsätzliche konzeptionelle, theoretische und erkenntnistheoretische Desiderate“, die behoben werden müssten.

"Langfristig institutionelle Strukturen" gefordert

„Wir brauchen kein zweites DeZim“, betont Kleist. Vielmehr sei Unterstützung gefragt, um Lehrangebote, Nachwuchsförderung und die Arbeit an Theorien und Methoden aufzubauen. Darüber sei man „im Gespräch mit dem BMBF“. In der Studie wird beklagt, dass bestehende Strukturen wie das Netzwerk Fluchtforschung und die Zeitschrift für Flüchtlingsforschung auf ehrenamtlicher Arbeit beruhen und daher „höchst fragil“ seien.

Andreas Pott vom IMIS wird in der Pressemitteilung zur Studie mit der Forderung zitiert, es brauche „langfristig institutionelle Strukturen“, damit Deutschland sich in den international mit eigenen Zentren etablierten Refugee and Forced Migrations Studies positionieren könne. Vorerst empfehlen die Autoren allerdings ein Bündel von Maßnahmen unterhalb eines eigenen Zentrums für Flucht- und Flüchtlingsforschung: Notwendig seien eine Anschubfinanzierung für Kooperationsprojekte, neue Graduiertenkollegs zur Ausbildung von Doktoranden und Reisemittel, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Globalen Süden in die Forschung einzubeziehen (die vollständige Bestandsaufnahme finden Sie hier). Bislang sei dies etwa in EU-finanzierten Programmen „nur in Ausnahmefällen und unter größtem Aufwand“ möglich. Demnach ist tatsächlich noch eine Menge zu tun in der Flucht- und Flüchtlingsforschung.

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