Syriens Kulturerbe : Blicke ins Bienenkorbdorf und in die Aleppiner Häuser

Vor den Zerstörungen: Die umfangreiche Fotosammlung des Syrian Heritage Archive Project ist für die Öffentlichkeit freigeschaltet worden.

Lehmkuppelhäuser des Dorfes Kafr Halab südwestlich von Aleppo, 1963. Sie sind typisch für den Norden Syriens.
Lehmkuppelhäuser des Dorfes Kafr Halab südwestlich von Aleppo, 1963. Sie sind typisch für den Norden Syriens.Foto: SHAP, Sammlung Eugen Wirth 

Seit neun Jahren tobt nun der Krieg in Syrien, fast 400 000 Menschen haben ihr Leben verloren, zwölf Millionen Syrer sind auf der Flucht. Aber nicht nur den Menschen wurde unsagbares Leid zugefügt, auch viele Städte und Kulturdenkmäler wurden zerstört, darunter Weltkulturerbestätten.

Aus der anfänglichen Schockstarre heraus, wie es einmal Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst, bezeichnet hat, entstand am Museum für Islamische Kunst 2013 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) das Syrian Heritage Archive Project (SHAP). Die Syrienaktivitäten wurden von Anfang an vom Auswärtigen Amt, der Gerda Henkel Stiftung und später auch von der Andrew M. Mellon Foundation unterstützt.

Ziel ist es, alle Bestände zu Syrien – im Museum und aus der Feldarbeit des DAI – zu digitalisieren, um den Syrern die so gewonnenen Daten für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile ist aus dieser Idee das größte Archiv außerhalb Syriens zu den Altertümern und zur Architektur entstanden.

Nun hat das SHAP in einem nächsten Schritt eine Website (www.syrian-heritage.org) für das breite Publikum freigeschaltet, die als Plattform dient, um das syrische Kulturerbe zu erkunden. Eine Galerie mit über 5000 Fotos lädt dazu ein, ein längst vergangenes Syrien jenseits der aktuellen Zerstörungen zu entdecken.

Leider muss man die Bilder einzeln anklicken, öffnen und wieder schließen, ein Modus zum Durchklicken wäre eine sinnvolle Verbesserung.

Aber dennoch finden sich hier beeindruckende Fotosammlungen aus dem Vorkriegs-Syrien von Michael Meinecke (1941-1995), dem ehemaligen Direktor des Museums für Islamische Kunst, und von Stefan Weber. Julia Gonnella, heute Direktorin des Museums für Islamische Kunst in Doha, hat ihre umfangreiche Fotosammlung zu Aleppo zur Verfügung gestellt.

Ein vielen unbekanntes Bild Syriens vermitteln die Fotos der Bauhistorikerin und Mitbegründerin des SHAP, Karin Pütt, die sich den typischen Bienenkorbdörfern im Norden Syriens verschrieben hat. Deren charakteristische Architektur ist vom Aussterben bedroht, da kaum noch ein Handwerker die Technik beherrscht. Landschaften und Städte Syriens hat der Geograf Eugen Wirth (1925–2012) seit 1953 in Fotos zusammengetragen.

Ruine einer Basilika aus dem 5. Jahrhundert.
Qalb Lawza, eine Basilika aus dem 5. Jahrhundert. Die dreischiffige Säulenbasilika befindet sich in den sogenannten "Toten...Foto: SHAP, Sammlung Eugen Wirth

Der aus Aleppo stammende Archäologe Rami Alafandi steuert aus seinem Forschungsgebiet beeindruckende Fotos zu den typischen Wand- und Deckenvertäfelungen (Ajami) aus Aleppiner Häusern während der Osmanenzeit bei. Aufgenommen wurde auch die Sammlung des Fotografen Marwan Musalmani (1935–2013), der von 1958 bis 1995 die Fotoabteilung der syrischen Antikenverwaltung DGAM geleitet und bedeutende Ausgrabungen in Syrien dokumentiert hat.

Wichtig war von Anfang an, dass an dem Projekt, das vom Verein Freunde des Museums für Islamische Kunst getragen wird, auch Syrer mitarbeiten. Ihre Expertise hilft auch bei dem zweiten Segment der Website, der interaktiven Karte. Hier kann man sich seine Lieblingsorte aussuchen und Näheres dazu erfahren. Für manche Orte befindet sich die Website noch im Aufbau.

Bedeutend ist das dritte Segment mit den Geschichten. Hier sind Forscher, Reisende sowie Syrerinnen und Syrer eingeladen, zu bestimmten Themen ihre Geschichte zu erzählen und mit Fotos auszugestalten. Hier finden sich Beiträge zu einzelnen Bauwerken, zur Ajami-Technik der Wandvertäfelungen, Berichte über Dörfer, Erinnerungen an das Haus der Großeltern oder die Herstellung von Aleppo-Seife. Dieses Segment wird ständig erweitert und Leser können sich mit ihren Vorschlägen beim Projekt melden.

Syrisches Lehmziegelhaus.
Typisches Lehmziegelhaus in Tell Bdiri im Norden Syriens mit großem Wohnraum und angebauter Küche, 1990.Foto: SHAP, Sammlung Karin Pütt

Im Laufe der Zeit haben sich aus der Arbeit am syrischen Kulturerbe weitere Unterprojekte entwickelt wie etwa Multaka, das syrische Geflüchtete zu Museumsführern ausbildet, oder das Projekt „Crossroads Aleppo“, das sich direkt an Aleppiner richtet, um sie für ihr kulturelles Erbe zu sensibilisieren. Inzwischen ist auch die Schadenskartierung „Built Heritage Documentation“ vorangeschritten, wobei die Dokumentation der Zerstörungen an der Khusrawiyya Moschee am Fuße der Zitadelle von Aleppo im Zentrum steht.

Nachzulesen ist dies auf der Website L.I.S.A. der Gerda Henkel Stiftung. Bei jedem Objekt werden Empfehlungen gegeben, was man zur Rettung des Bauwerks tun sollte.

Die Website des SHAP ist auf Deutsch, Englisch und Arabisch verfasst und bietet reichlich Querverweise auf das vielfältige syrische Kulturerbe, das so schwer verletzt ist. Bei aller Trauer um die Verluste an Kulturgütern ist es ermutigend zu sehen, wie Syrer und Deutsche gemeinsam daran arbeiten, eine optimale Dokumentation des syrischen Kulturerbes als Grundlage für einen möglichen Wiederaufbau zu erstellen.

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