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Ein Selfie am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Andere nutzen die Stelen als Picknick-Platz.

© imago/epd

Tagesspiegel Plus

Tourismus an Orte des Schreckens: Was passiert, wenn der Massenmord zur Massenattraktion wird

Historiker untersuchen den „Dark Tourism“: Steht das Holocaust-Sightseeing echter historischer Aufklärung im Wege? Oder hat das Interesse an der grausamen Vergangenheit auch gute Seiten?

In den vergangenen Jahren haben immer mehr Personen die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht. Auch andere Orte des Erinnerns der Shoah meldeten in jüngster Zeit Besucherrekorde. Am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zum Beispiel fanden sich im Jahr 2019 fast eine halbe Million Menschen ein.

Immer häufiger aber werden die Stelen des Holocaustmahnmals dabei auch als Hintergrundkulisse für Selfies oder als Sitzgelegenheiten für den Verzehr von Bratwürsten missbraucht. Viele Gedenkstätten sind längst in den normalen touristischen Betrieb integriert. Wird der Massenmord von einst zur Massenattraktion? Und was wäre daran problematisch?

Für das Phänomen, dass diverse Orte, die in einem Zusammenhang mit Kriegen, Gewalt oder Völkermorden stehen, verstärkt zu beliebten Reise-Spots werden, hat die englischsprachige Forschung den Begriff „Dark Tourism“ geprägt. „Solche Reisen sind durch ein klassisches Leitmotiv des Tourismus motiviert, nämlich etwas erleben zu wollen und einen aufregenden Kontrapunkt zu den Routinen des Alltags zu setzen“, sagt Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ).

Wachsendes Bedürfnis nach authentischer Erfahrung

Zusammen mit Axel Drecoll, dem Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, und dem Glasgower Tourismusforscher John Lennon, gibt Bajohr nun einen Sammelband zu dem von der deutschsprachigen Forschung bislang kaum beachteten Thema heraus (Dark Tourism. Reisen zu Stätten von Krieg, Massengewalt und NS-Verfolgung. Metropol-Verlag 2020. 266 Seiten, 24 Euro).

Der Sammelband zum „Dark Tourism" ist soeben im Berliner Metropol-Verlag erschienen.
Der Sammelband zum „Dark Tourism" ist soeben im Berliner Metropol-Verlag erschienen.

© Foto: Metropol-Verlag

Der jüngere Trend des Holocaust-Sightseeings sei vor allem durch den Generationenwandel und das allmähliche Verschwinden der Zeitzeugen bewirkt worden, erklärt Bajohr im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Dadurch, dass die mündliche Überlieferung mehr und mehr zu versiegen droht, verschiebe sich der Fokus der Erinnerungskultur.

Das Fehlen der konkreten Erfahrung von Krieg und Massengewalt in den Gesellschaften des globalen Nordens fördere indes das Bedürfnis, eine „authentische Begegnung“ mit der gewaltförmigen Vergangenheit zu machen. Der Wunsch, echte Hinterlassenschaften des Genozids vorzufinden, verstärkt sich Bajohr zufolge also deshalb, weil das grausame Geschehen als solches mehr und mehr in die Vergangenheit rückt.

Zugleich jedoch sei die zeitliche Distanz noch nicht so stark ausgeprägt, dass die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust zu „ganz normaler Geschichte“ erstarrten. „Da das Thema in Erzählungen und Artefakten etlicher Familien nach wie vor präsent ist, haben auch die jüngeren Generationen noch einen Bezug dazu“, sagt Bajohr. 

Eine Schulklasse aus Deutschland besucht die KZ-Gedenkstätte Auschwitz.
Eine Schulklasse aus Deutschland besucht die KZ-Gedenkstätte Auschwitz.

© Foto: Eva Krafczyk/picture alliance/dpa

Aber ist der „Dark Tourism“ dann nicht zu begrüßen, da er den Gedenkstätten neue Besuchergruppen zuführt und die kollektive Praxis des Erinnerns befördert? Oder verstellt die Gier nach dem authentischen Erlebnis die Möglichkeit zu würdigem Gedenken und echter historischer Aufklärung?

Bajohr hält es für unangebracht, die Suche nach authentischen Vergangenheitssplittern als schnöde Sensationsgeilheit abzuwerten. Zudem habe die Besucherforschung gezeigt, dass Emotionen und Aufklärung keineswegs unvereinbar seien, sondern jene auch ein Humus für Lernprozesse sein kann.

Viele Schüler können zwischen eigenen Vorerwartungen und medial erzeugten Bildern unterscheiden

Holocaust-Forscher Frank Bajohr

„Viele Schülerinnen und Schüler sind in der Lage zwischen eigenen Vorerwartungen, medial erzeugten Bildern, dem historischen Ort Auschwitz und der heutigen Gedenkstätte zu differenzieren“, schreiben Bajohr und Drecoll in ihrem nach dem gleichnamigen Film benannten Aufsatz „Am Ende kommen Touristen“. Auch könnten sie über den Kontrast zwischen Erwartung und Enttäuschung in produktiver Weise reflektieren.

Also doch kein Problem mit Selfies in Auschwitz und Bratwurstverzehr am Holocaustmahnmal? Natürlich habe der Dark Tourism hochproblematische Aspekte – diese seien aber weniger in den gängigen touristischen Praktiken zu suchen als in der Verkürzung der Geschichte auf einprägsame „Holocaust-Icons“, meint Bajohr.

In der medialen, insbesondere in der filmischen Repräsentation der Shoah, werde diese fast ausschließlich mit dem Kosmos der Konzentrationslager in Verbindung gebracht. Demnach ist die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden im kollektiven Bewusstsein mit spezifischen Symbolen verlinkt – etwa den Baracken und Gaskammern, den Viehwaggons und dem Lager-Tor von Auschwitz.

Eine Reisegruppe vermisste die Gaskammern

Frank Bajohr und Axel Drecoll zufolge führt diese thematische Engführung bei vielen touristischen Besuchern zu einer bestimmten Erwartungshaltung. Die „Qualität“ eines Ortes werde daran bemessen, mit wie vielen Icons er aufwarten kann. „So hat sich zum Beispiel jüngst eine japanische Reisegruppe beschwert, dass man ihnen die Gaskammern vorenthalten habe – obwohl es diese bei weitem nicht in allen Lagern gegeben hat.“

Tatsächlich hat der weitaus größte Teil der im Holocaust ermordeten Menschen nie ein Konzentrationslager betreten. Die Massenexekutionen unzähliger überwiegend osteuropäischer Juden, der grausame Alltag in den drei Tötungsstätten der „Aktion Reinhardt“, Bezec, Treblinka und Sobibor, und die Menschen, die bei ihrer Ankunft in Auschwitz umgehend in den Gaskammern getötet wurden sind in der sich seit den 1990er-Jahren entwickelnden Erinnerungskultur nach wie vor unterrepräsentiert.

Die Vernichtungsfabriken der „Aktion Reinhardt“ zum Beispiel haben die Nazis – nachdem es ab Ende 1943 im sogenannten Generalgouvernement fast keine Juden mehr gab – zwecks Spurenverwischung eingeebnet. Die heutigen Orte können das Grauen von einst nicht mehr von sich aus bezeugen. Touristen aber bevorzugen Orte, an denen auch „etwas zu sehen ist“, meint Bajohr.

Archäologische Suche nach Spuren des Vernichtungslagers Sobibor im heutigen Polen.
Archäologische Suche nach Spuren des Vernichtungslagers Sobibor im heutigen Polen.

© Wojciech Pacewicz/picture alliance / dpa

„Das erklärt auch die Dominanz von ehemaligen Konzentrationslagern unter den Gedenkstätten und unter den besonders häufig von Touristen aufgesuchten Orten.“ Viele zentrale Tatorte der Judenvernichtung seien erinnerungskulturell bislang nur unzureichend erschlossen.

Da sich das touristische Publikum auf seiner Reise in die grausame Vergangenheit nicht mit mückenumschwirrten Wiesen begnüge, würden dabei vor allem in Osteuropa zunehmend „erinnerungskulturelle Kunstwelten“ geschaffen, erklären die Herausgeber des Buches „Dark Tourism“.

Es gibt stellenweise Tendenzen zu einem regelrechten Holocaust-Disneyland

Holocaust-Forscher Frank Bajohr

Um die Erwartungen der Besucher zu erfüllen, wurden in dem sich in der Nähe von Minsk befindlichen Gedenkort Malyj Trostenez – an dem Massenerschießungen und mobile Gaswagen die einschlägigen Mordmittel waren – ein Wachturm und zwei Viehwaggons aufgestellt, um visuelle Elemente gänzlich anders gearteter Lager zu imitieren. „Auch in anderen Regionen, etwa in Polen oder der Ukraine, erleben wir stellenweise Tendenzen zu einem regelrechten Holocaust-Disneyland“, sagt Bajohr.

Auch die Spuren des Vernichtungslagers Malyj Trostenez im heutigen Belarus wurden von der SS eingeebnet. In der Neugestaltung der Gedenkstätte von 2018 wird mit Gedenk-Objekten wie hier mit Koffern gearbeitet.
Auch die Spuren des Vernichtungslagers Malyj Trostenez im heutigen Belarus wurden von der SS eingeebnet. In der Neugestaltung der Gedenkstätte von 2018 wird mit Gedenk-Objekten wie hier mit Koffern gearbeitet.

© Jörg Carstensen-/picture alliance/dpa

In Deutschland hingegen würden viele Gedenkstätten den gleichsam umgekehrten Ansatz verfolgen und die Authentizitätserwartungen der Gäste mit Absicht unterlaufen. Hier würden dann bestimmte Artefakte nicht gezeigt, auch wenn man sie vorrätig habe. „Stattdessen finden die Geschichtsreisenden oftmals eine eher komplexe Mischung unterschiedlicher Ausstellungsinhalte vor, die meist bewusst anti-auratisch orientiert sind“, schreiben Bajohr und Drecoll.

Mit Ausstellungen etwa, die versuchen, vornehmlich mit textlichen Beschreibungen auszukommen, würde der Wille zum Erlebnis systematisch enttäuscht. Die hiesigen Gedenkstätten aber sollten sich besser auf das veränderte touristische Publikum einstellen, anstatt in den hergebrachten erinnerungspolitischen Routinen zu verharren.

„Was besondere Emotionen auslöst, sollte nicht bloß deshalb versteckt werden“, sagt Bajohr. Der erinnerungskulturelle Balanceakt besteht demzufolge darin, die emotionalen Vorerwartungen der Touristen produktiv aufzugreifen, ohne die komplexe Geschichte der Shoah holzschnittartig zu verkürzen.

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