Ungenutzt und unerforscht : Die Qualle, das unbekannte Nutztier

Forschende beobachten eine Quallenvermehrung in der Ostsee – und arbeiten an Ideen die Tiere zu nutzen, zum Beispiel als Snack.

Ohrenquallen (Aurelia aurita) sich in diesem Jahr in großen Mengen viel früher als sonst in der Ostsee ausgebreitet und sie sind besonders groß.
Ohrenquallen (Aurelia aurita) sich in diesem Jahr in großen Mengen viel früher als sonst in der Ostsee ausgebreitet und sie sind...Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

Quallen haben sich in diesem Jahr in großen Mengen und viel früher als sonst in der Ostsee ausgebreitet. Die Tiere werden auch besonders groß. „Dies ist ein sehr gutes Quallenjahr“, sagte die biologische Ozeanographin Cornelia Jaspers der Deutschen Presse-Agentur.

Anfang Juli wurde in der Eckernförder Bucht ein sehr dichtes Aufkommen von Ohrenquallen, vereinzelten Feuerquallen und eingeschleppten Rippenquallen beobachtet. Letztere tauchten hier normalerweise im Spätsommer auf, in diesem Jahr aber schon im Mai.

„Im Winter ist sehr viel salzreiches Wasser aus der Nordsee und dem Kattegat in die südwestliche Ostsee geströmt“, erläuterte Jaspers, die am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und an der Technischen Universität in Kopenhagen forscht.

Neue Vorkommen

Das sind gute Vermehrungsbedingungen für die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi, die 2006 erstmals in diesen Regionen beobachtet worden war. Das im Deutschen als „Meerwalnuss“ bezeichnete Tier ist für Menschen ungefährlich, aber ein Nahrungskonkurrent für viele Fische.

Eine Qualle mit bunt leuchtenden, namengebenden Rippen
Die Meerwalnuss Mnemiopsis leidyi wurde wahrscheinlich mit Ballastwasser von Schiffen in die Ostsee eingeschleppt.Foto: Cornelia Jaspers/GEOMAR, DTU Aqua

Der warme Winter habe auch den Bestand der heimischen Ohrenquallen gefördert, sagte Jaspers. Und auch die Qualle Blackfordia virginica, die 2014 erstmals im Nord-Ostsee-Kanal gesichtet wurde, ist derzeit früher als sonst und zahlreich dort anzutreffen.

Quallen leben seit mehr als 500 Millionen Jahren in allen Weltmeeren. Sie haben kein Hirn oder Herz, bestehen nur zu einem Zwanzigstel aus Proteinen, Nerven und Muskeln. Der Rest ist Wasser. Die Tiere gelten als Gewinner des Klimawandels und der Überfischung.

Biologen beginnen erst, Quallen und ihre Lebensweise genauer zu erforschen, auch mögliche Verwendungen. Sie könnten beispielsweise helfen, Mikroplastik aus Abwasser zu holen. So würden Quallenblüten, wie massenhafte Vermehrungen bezeichnet werden, auch noch zu etwas nütze sein, außer Badegäste zu verschrecken, Fischnetze zu zerreißen oder Kühlwassereingänge von Kraftwerken zu verstopfen.

Kaum untersuchte Rolle im Ökosystem

Doch nimmt die Zahl der Quallen wirklich zu? „Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen“, sagt Ina Stoltenberg, die an der Universität Süddänemark in Odense und der Universität Hamburg forscht. Mit der Ozeanversauerung durch den steigenden Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre könnten Quallen besser zurechtkommen als Fische.

Studien am Benguelastrom zeigten zudem, dass Quallen die ökologische Nische von Fischen übernehmen können, deren Bestände überfischt wurden. „Sie fressen kleine Krebstiere und deren Larven“, berichtet Stoltenberg.

Auch Algenblüten, wie sie auch in der Ostsee wegen Nährstoffverschmutzung auftreten, sind für andere Meeresbewohner problematischer. Quallen überstehen Sauerstoffmangel und finden auch in trübem Wasser Nahrung. „Als taktile Räuber sind ihnen die Sichtbedingungen egal, Fische hingegen sind optische Räuber und suchen saubere Gewässer“, sagt Stoltenberg.

Eine weitere Veränderung des Meeres durch den Menschen kommt Quallen zugute: In frühen Entwicklungsstadien leben sie nicht als schwimmende pilzförmige Medusen, sondern als festsitzende Polypen. Auf sandigem Meeresgrund können sie sich nicht gut ansiedeln, aber schon schwimmende Plastikstücke bieten genug Halt.

Dennoch wäre es voreilig, von einer „Jellyfication“, einer „Verquallung“, zu sprechen, sagt Stoltenberg. „Bei der Versauerung etwa stützen wir uns auf Ohrenquallen, von denen wir wissen, dass sie besser damit zurechtkommen“, sagt die Forscherin. Ob das bei allen anderen Arten auch so ist, ist unklar.

„Für gesicherte Aussagen benötigen wir mehr Daten, ein umfassendes Monitoring“, sagt Stoltenberg. Fraglich ist etwa, ob Quallen ausreichend Nahrung finden, wenn sie sich stark vermehren. Die Beziehungen in den Ökosystemen sind bisher kaum untersucht. „In bestimmten Meeresregionen kann es eine Zunahme geben, aber eine globale Aussage zur Zahl der Quallen zu machen, ist fahrlässig“, sagt Stoltenberg.

Filter, Quallensalat und Chips

„Die Quallenforschung reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, doch sie ist überhaupt nicht mit dem vergleichbar, was man über Fische weiß“, sagt Jamileh Javidpour von der Universität Süddänemark (SDU) Odense. Die Tiere galten als nutzlos, also gab es kaum ein Budget für die Wissenschaft. Das EU-Forschungsprojekt „GoJelly“ hat das geändert. Unter Leitung von Javidpour werden verschiedene Nutzungsmöglichkeiten untersucht.

Nach Ansicht der Forscher ist das gallertartige Material geeignet, um Mikroplastik zu filtern. Bei Stress produzieren Quallen Schleim, den die Forscher in Klärwerken in Kiel, Norwegen, Slowenien und Israel eingesetzt haben, um Abwasser zu reinigen.

„Insbesondere Nanoplastik, das kleiner als ein, zwei Mikrometer ist, wird von herkömmlichen Kläranlagen nicht effektiv herausgefiltert, aber unser Prototyp hat das geschafft“, sagt Javidpour. Ein Patent auf den schleimbasierten Filter wurde bereits angemeldet. Er bewältigt bislang allerdings nur einige Liter und wird schnell von Bakterien zersetzt. Die Idee muss weiterentwickelt werden.

Die GoJelly-Forscher nutzen bisher nur angespülte Tiere und Beifang von Fischkuttern. Grundsätzlich sollte aber auch eine „Quallenernte“ mit Netzen möglich sein, falls es zu einer Blüte kommt.

Als weitere Verwendungsmöglichkeiten erforscht werden Dünger für die Landwirtschaft sowie Futter für Aquakulturen. Derzeit werden Zuchtfische meist mit gefangenem Wildfisch gefüttert, was zur Überfischung beiträgt.

Es gibt etliche Tiere, die Quallen fressen. Dazu gehören Meeresschildkröten, Mondfische, Pinguine und Heringe. „Der Nährstoffgehalt ist zwar gering,“, sagt Ina Stoltenberg, „doch sie sind leichter zu fangen und zu verdauen.“

In Asien werden sie seit langem auch von Menschen gegessen, etwa in Form von Quallensalat. Auch Europäer könnten ihren Speiseplan erweitern. Aktuell entsteht in Italien ein Kochbuch mit Rezepten, die auch für westliche Ernährungsgewohnheiten attraktiv sein sollen.

Mathias Porsmose Clausen, Biotechnologe an der SDU, hat mit seinen Kollegen ein Verfahren entwickelt, Quallenchips herzustellen. Sie werden in Alkohol eingelegt, der das Wasser herauszieht und anschließend getrocknet. Noch sei das Verfahren teuer, berichtet der Forscher, doch einige Spitzenrestaurants seien interessiert.

„Die Chips schmecken ein bisschen salzig und haben eine einzigartige Konsistenz“, sagt er. Sie seien knusprig, doch weil sie so dünn sind, lösten sie sich alsbald im Mund auf. „Ich mag sie und ich habe noch niemanden getroffen, dem das nicht ebenso geht.“ (mit dpa)

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