Wachstum der Weltbevölkerung : Die erstaunliche Entwicklung von Bangladesch

Eine UN-Konferenz will das Problem des Weltbevölkerungswachstums in Angriff nehmen. Die Rechte der Frauen stehen im Mittelpunkt. Einige Länder machen es vor.

Hinduistische Gläubige in Narayanganj. Vor 50 Jahren haben Frauen in Bangladesch noch durchschnittlich sieben Kinder zur Welt gebracht, heute sind es 2,1.
Hinduistische Gläubige in Narayanganj. Vor 50 Jahren haben Frauen in Bangladesch noch durchschnittlich sieben Kinder zur Welt...Foto: Str/XinHua/dpa

Von Bangladesch hören die Deutschen meist nur in Zusammenhang mit negativen Nachrichten, es gilt vielen als arm, elend, ohne Hoffnung. Das am dichtesten besiedelte Flächenland droht durch den steigenden Meeresspiegel in Folge des Klimawandels unterzugehen. Es hat eine Million Rohingya-Flüchtlinge aufgenommen, spricht aber auch davon, viele von ihnen auf eine von Überschwemmungen bedrohte Insel umzusiedeln.

Immer wieder machten Berichte über schlimme Bedingungen in Textilfabriken die Runde. Auch an der Politik der Premierministerin Sheik Hasina gibt es immer wieder heftige Kritik. Manche sagen, sie habe das Land zu einem „Einpersonenstaat“ umfunktioniert.

Kaum jemand in der breiten Öffentlichkeit hat registriert, dass die Vereinten Nationen Bangladesch nicht mehr in der Kategorie der am wenigsten entwickelten Länder (LDC) führen wollen, sondern in die Kategorie der Entwicklungsländer (DC, developing countries) hochstufen.

Und nun nennt der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) die Entwicklung des Landes mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung sogar „sensationell“. Vor 50 Jahren hätten Frauen dort noch durchschnittlich sieben Kinder zur Welt gebracht, heute seien es noch 2,1 wie in europäischen Ländern, sagte Müller anlässlich der UN-Konferenz in Nairobi am Dienstag im Deutschlandfunk – und verwies ausdrücklich auch auf die Frau an der Spitze des Landes.

Er nennt auch hier die Stichworte Selbstbestimmung der Frauen, Gleichberechtigung, voller Zugang zu Bildung bis zur Berufsausbildung und ein gutes Gesundheitssystem.

Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.Foto: Britta Pedersen/zb/dpa

Die Alphabetisierungsrate von Mädchen im vorwiegend muslimischen Bangladesch ist gestiegen, die Müttersterblichkeit gesunken. Weltbankzahlen zeigen, dass in dem asiatischen Land die Armut vom Beginn des Jahrhunderts bis 2018 von 48,9 auf 24,3 Prozent der Bevölkerung reduziert wurde, bei der sogenannten extremen Armut sank die Zahl von 33,7 auf 12,9 Prozent.

Vorzeige-Programm startete in den 1970er Jahren

Die Stiftung Weltbevölkerung führt diese Entwicklung unter anderem auf das sogenannte Matlab-Programm in Bangladesch zurück. Im Rahmen des Programms, das die Regierung in den späten 1970er Jahren gestartet habe, besuchten Gesundheitsmitarbeiter die Dörfer im Distrikt Matlab, boten verheirateten Frauen verschiedene Verhütungsmitteln an und zeigten ihnen, wie sie verwendet werden.

Innerhalb von zwei Jahrzehnten ging die Fruchtbarkeitsrate um zehn bis 15 Prozent zurück – und die Einkommen der Frauen stiegen um ein Drittel, erläutert eine Sprecherin der Stiftung die Effekte. Es überlebten mehr Kinder, es gingen mehr Kinder in die Schule und die Gesundheit der Mütter verbesserte sich. In den Dörfern, die am Programm teilnahmen, lag das durchschnittliche Haushaltsvermögen schließlich rund 25 Prozent über dem in vergleichbaren Dörfern ohne dieses Programm.

Afrika: Durchschnittsalter unter 25 Jahre

Ganz besonderes Augenmerk gilt aber Afrika – denn dort wird mit der Verdoppelung der sehr jungen Bevölkerung (Durchschnittsalter 20 - 25 Jahre) bis zum Jahr 2050 und der Vervierfachung bis zum Ende des Jahrhunderts gerechnet. Und viele fürchten, dass sich die Menschen auf den Weg nach Europa machen könnten, wenn sie in der Heimat weder Ausbildung noch Auskommen haben.

Malawi: Erfolg mit dem Verbot von Kinderehen

Doch auch hier gibt es nach Ansicht des Entwicklungsministeriums Erfolge zu verbuchen. Im kleinen Malawi, das seine Einwohnerzahl seit den 1960er Jahren von vier auf jetzt 19 Millionen quasi verfünffacht habe, sei die Geburtenrate innerhalb von fünf Jahren von 5,7 Kinder pro Frau auf 4,4 Kinder gesunken, wie ein Ministeriumssprecher dem Tagesspiegel sagte. Dort habe sich die Regierung dieses Thema auf die Fahnen geschrieben und beispielsweise Kinderehen verboten und kostenlose Mutter-Kind-Angebote gemacht.

Äthiopien: Hoffnung auf Premier Ahmed

Auch im sehr viel größeren Äthiopien würden Frauen heute nicht mehr acht Kinder, wie vor 25 Jahren, sondern nur noch 4,5 Kinder zur Welt bringen. „Die Tendenz zeigt eindeutig nach unten“, betont der Sprecher – und ist zuversichtlich, dass dies mithilfe deutscher Entwicklungshilfe so weitergeht.

In Äthiopien investiert man stark in berufliche Ausbildung. Gemeinsam wollen man an Gleichberechtigung, Bildung und Gesundheitsversorgung arbeiten. Eine Prognose für 2050 will der Sprecher allerdings nicht abgeben. Deutschland setzt seine Hoffnung stark in den neuen Regierungschef, den Friedensnobelpreisträger 2019, Abiy Ahmed. Der steht derzeit allerdings innenpolitisch mächtig unter Druck und fiel kürzlich damit auf, dass er politische Gegner als „Unkraut“ verunglimpfte, das er „ausreißen“ werde.

In Addis Geburtenraten wie in Europa

Im Übrigen, sagt der Ministeriums-Sprecher, in der Hauptstadt Addis Abeba liege die Rate schon heute bei nur zwei bis drei Kindern je Frau. Man sehe dort, was möglich sei. Allerdings wünscht sich niemand, dass alle Menschen aus dem riesigen Land in der Mitte Afrikas in die Hauptstadt ziehen. Im Moment leben rund 84 Prozent der etwa 110 Millionen Äthiopier auf dem Land.

Auch die Sprecherin der Stiftung Weltbevölkerung verweist auf weiterhin „große Unterschiede zwischen Land- und Stadtbewohnerinnen“. Sie nennt weitere Zahlen für Äthiopien aus dem Weltbevölkerungsbericht 2019. So sei dort die Zahl der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren, die Verhütungsmittel nehmen, von nur drei Prozent im Jahr 1994 auf 40 Prozent in diesem Jahr gestiegen. Die Müttersterblichkeitsrate pro 100.000 Lebendgeburten sei in dieser Zeit von 1130 auf 353 gesunken.

Zu großen Enthusiasmus will die Sprecherin nicht verbreiten. Denn: „Natürlich ist das alles noch nicht ausreichend“, erklärt sie. Und: Von einem afrikanischen Land, „in dem die positive Entwicklung bereits so wie zum Beispiel in Südkorea verlaufen ist, wüsste ich nicht“, schließt die Sprecherin der Stiftung.

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