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Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston war bis 2019 Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.
© Johan Wahlgren
Tagesspiegel Plus

Fakten in der Corona-Krise: „Wenn der Minimalkonsens fehlt, wird es für Demokratien gefährlich“

Die Berliner Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston spricht im Interview über die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten und über Forschung, die mit einem scheinbaren Chaos aus allen möglichen Hypothesen anfängt - lange vor der Coronakrise.

In der Pandemie wird die Bedeutung von Wissen und Wissenschaft für die Gesellschaft und politische Entscheidungen besonders deutlich. Doch wie kommt man zu wissenschaftlich fundierten, belastbaren Erkenntnissen und wie unterscheiden sie sich von den scheinbar einfachen Wahrheiten, nach denen sich viele sehnen? Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston, bis vor einem Jahr Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Frau Daston, als Wissenschaftshistorikerin haben Sie unter anderem die Entwicklung des wissenschaftlichen Ideals methodischer Objektivität untersucht. Was unterscheidet das Wissen der Wissenschaft von anderen Formen des Wissens?
Jede Gesellschaft in der Weltgeschichte kultiviert verschiedenste Formen des Wissens. Das vorwissenschaftliche Wissen ist aber meistens praktischer Natur – man benutzt es, um erwünschte Ergebnisse hervorzubringen.

In der Wissenschaft hingegen geht es um eine permanente Überprüfung der eigenen Wissensmethoden. Und darum, nicht nur Vorhersagen zu treffen, sondern diese auch umfassend erklären zu können. Es gibt Wissensformen, die lediglich erklären und keine praktischen Ergebnisse hervorbringen. Noch häufiger gibt es das Gegenteil, Ergebnisse ohne Erklärung. Die Wissenschaft aber muss beides verbinden.

Aktuell ringt die Gesellschaft im Zuge der medizinischen Forschung zum Coronavirus damit, dass unser vermeintlich objektives Wissen oftmals bloß vorläufig ist. Die Studie von heute kann morgen schon von gestern sein. Wie können wir lernen, damit umzugehen, dass Erkenntnisse auf tönernen Füßen stehen?
In der Wissenschaft geht es wohlgemerkt um das Ideal einer Verfahrensobjektivität. Nicht darum, zeitlose Wahrheiten zu produzieren. Objektivität ist gleichsam eine Prozedur zur Eliminierung von Fehlerquellen – die Subjektivität der Forschenden soll, wo es möglich ist, ausgeblendet werden.

Würde die Wissenschaft ewige Wahrheiten aufbieten, gäbe es keinerlei Fortschritt mehr

Lorraine Daston, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (bis 2019)

Das Wissen, das Wissenschaft produziert, ist indes niemals absolut, immer vorläufig und prinzipiell revidierbar. Es geht eher um Wahrscheinlichkeiten als um eherne Wahrheiten. Das muss man sich vor Augen führen, wenn man mit wissenschaftlichem Wissen konfrontiert ist. Der Begriff der Wahrheit stammt aus einem anderen epistemischen Universum. Wahrheit ist eine platonische Vorstellung, geeignet eher für die Theologie, nicht für die moderne Wissenschaft. Würde die Wissenschaft ewige Wahrheiten aufbieten, gäbe es keinerlei Fortschritt mehr.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat den Sonnenaufgang von morgen als bloße Hypothese bezeichnet. Ab wann kann etwas als Tatsache gelten?
Nun, wir leben, mit John Locke gesprochen, immer im Tal der Wahrscheinlichkeiten. Was Wittgenstein meinte, ist, dass es eine verschwindend geringe Möglichkeit gibt, dass die Sonne morgen doch nicht erscheint. Unser Leben ist ein einziges langes Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten, im Alltag kommen wir damit ziemlich gut zurecht.

Forscher weltweit, wie hier in einem Labor in Frankreich, sind auf der Suche nach der - komplexen - Wahrheit über den neuen Erreger Sars-CoV-2.
Forscher weltweit, wie hier in einem Labor in Frankreich, sind auf der Suche nach der - komplexen - Wahrheit über den neuen Erreger Sars-CoV-2.
© Jean-Francois Monier/AFP

Brauchen wir einen mehrdimensionalen Wahrheitsbegriff, der einerseits der historischen Entwicklung und kulturellen Einbettung unserer Methoden und Erkenntnisse Rechnung trägt und andererseits nicht gleich jede Form von bewährtem Wissen reflexartig relativiert?
Eine Diskussion darüber wäre sehr begrüßenswert. Die Philosophie hat bis jetzt nur wenig Interesse daran gezeigt, unseren uralten Wahrheitsbegriff in einer Weise zu renovieren, die der modernen Wissenschaft gerecht wird.

Was wir brauchen, ist in der Tat ein dynamisches Wahrheitsmodell. Wir erleben aktuell eine ähnliche Situation wie vor dem 17. Jahrhundert, wo man fast ausschließlich zwischen wahr und falsch unterschied. In der empirischen Wirklichkeit gibt es aber keine Polarität, sondern ein Spektrum von Wahrscheinlichkeiten.

Für einige scheint es enttäuschend zu sein, dass viele Fragen nicht für immer und ewig geklärt werden können. Doch die Wissenschaft ist keine Ersatztheologie.

Ist die Sehnsucht nach harten Fakten, nach handlungsorientierenden Erkenntnissen heute besonders stark ausgeprägt
Sicher ist das der Fall. Im Moment ist jede Person mit potenziell folgenreichen Entscheidungen konfrontiert. Soll ich mit der Bahn fahren? Gefährde ich damit vielleicht andere und mich selbst? Vermeintlich unbedingtes Wissen gibt uns Halt.

Die verstärkte Sehnsucht nach gesicherter Erkenntnis hat aber auch mit der zeitgenössischen Medienrevolution und dem bunten Strauß an „Wahrheiten“ im Internet zu tun. Auch vor Beginn der Pandemie lebten wir bereits in einer Zeit, in der nicht wenige Menschen beinahe sämtliche Fakten infrage gestellt haben.

Wenn ein Minimalkonsens fehlt, wird es für Demokratien gefährlich

Lorraine Daston, Gerda-Henkel-Preisträgerin

Auch wenn die Debatte einen zentralen demokratischen Wert darstellt – Gesellschaften brauchen einen Konsens über Kernfakten. Auch wenn diese Fakten, wie schon gesagt, keine zeitlosen, allgültigen Wahrheiten sind. Ausgehend davon kann gestritten werden. Wenn dieser Minimalkonsens fehlt, wird es für Demokratien gefährlich.

Unlängst sind 20 000 Menschen durch Berlin marschiert, von denen viele das Coronavirus leugnen. Verschwörungsideologien haben stark Konjunktur. Archaische Erzählungen vom Guten und Bösen scheinen einigen Menschen mentale Sicherheit zu geben. Teilen Sie die einst vom Kulturphilosophen Ernst Cassirer beschriebene Sorge, dass Gesellschaften in unsicheren Zeiten oft Zuflucht in mythischen Denkformen suchen?
Ich weiß nicht, ob ich Cassirers Begriff vom Mythos verwenden würde. Doch das Bedürfnis nach simplen Narrativen wächst in Zeiten unerhörter Neuigkeiten. Menschen stützen sich verstärkt auf sinnstiftende Erzählungen, die jede Kontingenz beseitigen helfen. Verschwörungsideologien sind demnach uralt. Kennzeichnend ist, dass die Bösen stets als erstaunlich kompetent imaginiert werden.

Das Kausalitätsprinzip wird hier völlig übertrieben. Bei den Bösen geht niemals etwas schief, und Zufälle scheint es nicht zu geben. Wenn das eine mythische Denkform ist, würde ich die Frage bejahen.

Sie waren 24 Jahre Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Welchen Beitrag kann die Wissenschaftsgeschichte im aktuellen Corona-Diskurs leisten?
Die Medizingeschichte zum Beispiel untersucht nicht nur, wie andere Pandemien verlaufen sind, sondern auch wie die Menschen früherer Gesellschaften mit ähnlichen Bedrohungen umgegangen sind.

Das ist insofern wichtig, als es ja sein kann, dass wir mit der Corona-Pandemie noch eine ganze Weile werden leben müssen. Eine andere Frage, die die Wissenschaftsgeschichte klären kann, ist die, wie sich die Wissenschaften mit einem völlig neuen Phänomen befassen. Wir erleben momentan ja die Phase einer Art Ground-Zero-Empirie. Natürlich bringen Virologen und Epidemiologen ein allgemeines Wissen zur Funktionsweise von Viren mit.

Trotzdem befinden wir uns in einer Situation, in der alle möglichen Hypothesen erst einmal ausgetestet werden. Zunächst entsteht der Eindruck eines heillosen Chaos. Es ist aber sicher wichtig, zu erkennen, dass alle Wissenschaft so angefangen hat.

Demnach ist es essenziell für die Erkenntnisproduktion, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fortlaufend widersprechen. Ist es auch richtig, dass sie ihren Dissens und ihre Unsicherheiten in die Öffentlichkeit tragen?
Ja, denn das kann einen wertvollen Lernprozess bedingen. Oft tendieren Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten dazu, nur relativ sichere Ergebnisse zu publizieren. Das vermittelt der Öffentlichkeit den Eindruck einer immer schon fertigen Wissenschaft.

Was wir momentan erleben können, ist die Wissenschaft im Werden. Das ist mit Blick auf das Virus natürlich erst einmal beunruhigend, weil wir von der Forschung stabile Ergebnisse erwarten. Ich finde es aber erstaunlich und erfreulich, wie stark die Öffentlichkeit aktuell am wissenschaftlichen Diskurs partizipiert, wie sie lernt, sich interessiert. Dabei setzt sich die Gesellschaft nicht nur explizit mit den Inhalten der Wissenschaft auseinander, sie sieht eben auch, wie diese selbst funktioniert.

Lebendige Berliner Wissenschaftsgeschichte. Historischer Hörsaal im Robert-Koch-Forum, benannt nach dem Mikrobiologen Robert Koch.
Lebendige Berliner Wissenschaftsgeschichte. Historischer Hörsaal im Robert-Koch-Forum, benannt nach dem Mikrobiologen Robert Koch.
© Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die auf den Philosophen Wilhelm Dilthey zurückgehende Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat sich bis heute erhalten. Ist diese Trennung historisch kontingent – und wird die Wissenschaftslandschaft von morgen womöglich anders kartiert werden?
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die Landkarte der Wissenschaften im Zeitalter von Big Data bald anders aussehen könnte. Etwa, dass nicht nach Forschungsobjekten – Pflanzen, Sternen, Sanskrit –, sondern nach Praktiken – Beobachten, Klassifizieren, Modellieren – sortiert wird.

Berlin ist für die Wissenschaftsgeschichte eine Schatzkammer

Lorraine Daston

Viele Forschungskonzepte verlaufen quer zu den klassischen Trennungen von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Ich sehe also durchaus Bewegung – nicht zuletzt was die Kooperation von wissenschaftlichen Disziplinen angeht, die bisher wenig miteinander zu tun hatten. Etwa Literatur- und Computerwissenschaften oder Klimaforschung und Geschichtswissenschaft.

Eine Forscherin ist immer in einer bestimmten Forschungskultur verwurzelt, bringt in ihre Arbeit regionale Perspektiven ein. In welcher Hinsicht hat das als bunt, pluralistisch und weltoffen geltende Berlin Einfluss auf Ihre Forschung genommen? Und inwiefern sind Sie als Forschende selbst in Ihrer Forschung „präsent“?
Berlin hat in vielerlei Hinsicht Einfluss auf meine Forschung genommen. Zunächst zieht der eigentümliche Magnetismus der Stadt Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt zuverlässig nach Berlin. Das ist keineswegs selbstverständlich und eröffnet ein breites Spektrum an Perspektiven.

Zudem ist die Geschichte Berlins für die Wissenschaftsgeschichte eine Schatzkammer. Es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die so reich ist an Materie für die Wissenschaftsgeschichte.

Sie sind kürzlich emeritiert, nun werden Sie mit dem diesjährigen Gerda-Henkel-Preis ausgezeichnet. Was plant Lorraine Daston für die Zukunft?
Schreiben, schreiben, schreiben. Ich habe mehrere halbfertige Bücher, die ich nun gerne vollenden würde. In einem geht es um die Geschichte von Regeln aller Art. Das zweite handelt von der Internationalisierung des Wissens im 19. Jahrhundert. Und das dritte Buch versucht die Frage zu klären, was Wissenschaft mit Modernität zu tun hat.

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