Wiarda will's wissen : Entritualisiert die Niqab-Debatte!

Der Fall des Niqab-Verbots an der Uni Kiel zeigt: Das Thema muss endlich ehrlich, offen und vorurteilfrei diskutiert werden, meint unser Kolumnist.

Eine verschleierte Frau mit Nikab (Symbolbild).
Eine verschleierte Frau mit Nikab (Symbolbild).Foto: Charles Platiau/REUTERS

Es gibt Debatten, die sind wie Rituale. Die über das Tragen von Niqabs in öffentlichen Räumen zum Beispiel. Jeder hat dazu eine Meinung, jeder muss sie auch unbedingt äußern, und doch sind es fast immer pure Emotionen, die hinter den vermeintlichen Argumenten hervorlugen.

Der Niqab wird bei Wikipedia als „Gesichtsschleier“ beschrieben, der von einigen muslimischen Frauen getragen wird und je nach Form das gesamte Gesicht bedeckt oder den Teil unterhalb der Augenpartie.

Niqab-Trägerinnen an Unis - sehr selten

Niqab-Trägerinnen an deutschen Hochschulen sind äußerst selten, wahrscheinlich bewegt sich ihre Zahl im niedrigen zweistelligen Bereich – bundesweit. Doch könnte man derzeit einen anderen Eindruck bekommen, seit die Universität Kiel ein Niqab-Verbot erlassen hat. Nicht einfach so, sondern weil ein Professor sich durch eine Niqab-Trägerin so stark gestört fühlte, dass er von der Unileitung einen Schleier-Bann verlangte. Das Präsidium kam der Forderung nach, die Debatte schwappte in die Landespolitik über und von da direkt in die bundesweite Öffentlichkeit.

Landesministerin Karin Prien (CDU) begrüßte die Entscheidung der Uni. Sie plant schon länger ein Gesetz zum Sommer 2020, das das bestehende Verschleierungsverbot in den Schulen des Landes absichern soll. Und falls nötig, sagt sie, wolle sie auch das Kieler Verbot gesetzlich verankern.

Es dürften spannende Koalitionsgespräche in Kiel werden

In dem Punkt hat die Ministerin vollkommen Recht, denn es ist fraglich, ob eine Universität berechtigt ist, in Eigenregie die Grundrechte ihrer Studierenden einzuschränken. Die betroffene Studentin, die vor wenigen Jahren zum Islam konvertiert ist, hat bereits eine Klage angekündigt.

Die Grünen, der CDU-Koalitionspartner in Schleswig-Holstein, sind übrigens gegen das Kieler Verbot. Es dürften also spannende Koalitionsgespräche werden.

Ein Porträtbild von Jan-Martin Wiarda.
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.Foto: Privat

Eigentlich sollte uns die Geschichte peinlich berühren. Eine Uni-Leitung muss adhoc reagieren in einem politisch verminten Terrain, weil wir als Gesellschaft insgesamt bislang keine tragfähige Haltung zu der Frage Niqab/Burka entwickelt haben. Die einen sagen: Eine einzelne Studentin muss herhalten, um an ihr ein Exempel zu statuieren, für sie persönlich wird ein Verbot erlassen. Die anderen sagen: Die Studentin führe selbst eine Kampagne.

Der Fall zeigt, wie dringend wir die Debatte entritualisieren müssen. Trauen wir uns, das Thema ehrlich, offen und vorurteilsfrei zu diskutieren? Oder überlassen wir es den Rechten? Und gehen selbst nur dann daran, wenn es gar nicht mehr anders geht? Auch Priens Gesetzes-Plan kann eigentlich erst Schritt zwei sein. Nach der Diskussion.

Die entscheidenden Fragen werden nicht diskutiert

In der müssten folgende Aspekte enthalten sein: Ist ein Verbot verhältnismäßig wegen ein paar wenigen Trägerinnen? Ist der Verlust an Kommunikation, weil die Mimik unter dem Schleier verschwindet, Grund genug, die Religionsfreiheit empfindlich einzuschränken? Wie begründet ist die Annahme, viele der Frauen würden sich nicht freiwillig verschleiern? Gäbe es zum Verbot Alternativen? Und wenn nein: Wie wird es durchgesetzt werden.

Ich gebe zu: Mir ist nicht wohl, dass eine 21-Jährige jetzt nicht mehr die Uni besuchen kann, weil sie den Niqab aus Glaubensgründen nicht ablegen möchte.

Am unwohlsten fühle ich mich aber, weil alle schon eine Meinung dazu haben, pro oder contra, aber die entscheidenden Fragen nicht wirklich diskutiert werden.

Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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