Wiarda will’s wissen : Redet mehr über Weiterbildung!

Das heute erworbene berufliche Wissen ist in wenigen Jahren nur noch die Hälfte wert. Der digitale und gesellschaftlich-wirtschaftliche Wandel erfordern neue Qualitätsstandards in der Weiterbildung, meint unser Kolumnist.

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Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.Foto: Privat

Wie es mit der beruflichen Bildung weitergeht, gilt als bildungspolitische Kernfrage angesichts von Digitalisierung und einer sich wandelnden Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur. Die Unternehmen klagen schon jetzt über einen ausgeprägten Nachwuchsmangel. Der dualen Ausbildung einen höheren Stellenwert einzuräumen, liege ihr „besonders am Herzen“, sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Doch sind ihre praktischen Möglichkeiten an der Stelle begrenzt.

Mehr Azubis erhalten die Betriebe nicht durch wohlwollende politische Rhetorik, sondern indem sie potenziellen Bewerbern bessere Arbeitsbedingungen bieten, mehr Gehalt und – ja, auch das – indem sie aufhören, in vielen Branchen fast ausschließlich auf Abiturienten zu schielen.

Karliczek sollte vorrangig über die Weiterbildung reden

Dass sie die berufliche Bildung zu einem ihrer Leitthemen gekürt hat, kann sich für Karliczek dennoch als politischer Glücksfall erweisen – wenn sie in der Angelegenheit ganzheitlich denkt. Vor einigen Tagen hat der Ökonom Thomas Straubhaar in der „Welt“ eine bemerkenswerte Rechnung aufgestellt: Gut 90 Prozent aller Bildungsausgaben würden in die ersten 25 Lebensjahre gesteckt. Bleiben weniger als zehn Prozent für die übrigen sechs Jahrzehnte Lebenserwartung, und das inklusive der betrieblichen Weiterbildung. Das ist die Realität in Sachen „lebenslanges Lernen“. Dabei gilt bei einer Ausbildung viel stärker als bei einem Studium: Das heute erworbene Anwendungswissen ist in wenigen Jahren nur noch die Hälfte wert.

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Wenn Anja Karliczek will, dass die berufliche Bildung in ihrer dualen, nicht-akademischen Prägung eine Zukunft hat, ja sogar gegen Studienangebote aller Art konkurrieren kann, sollte sie deshalb vorrangig über die Weiterbildung reden. Ihr SPD-Kollege im Arbeitsministerium, Hubertus Heil, hat aktionistisch eine „Qualifizierungsoffensive“ vor allem für Beschäftigte kleiner und mittlerer Betriebe angekündigt, finanziert aus Überschüssen der Arbeitslosenversicherung.

International verbildlich? Ein weiter Weg

Doch es geht um Grundsätzlicheres: um notwendige Qualitätsstandards der Weiterbildungsangebote vor allem, um die passgenaue Beratung für Menschen jeden Alters und in jeder Lebenslage unabhängig von ihrem konkreten Job. Und - nicht weniger zentral – um ein inhaltlich stimmiges Zusammenspiel von Schulen, Volkshochschulen, Hochschulen und privaten Anbietern. Zweifellos das richtige Betätigungsfeld für diese Bundesbildungsministerin. Der schwarz-rote Koalitionsvertrag verspricht bereits eine „Nationale Weiterbildungsstrategie“, doch selbst die, warnen einige, werde nicht reichen. Die Gewerkschaften fordern ein Bundesgesetz.

Die Welt beneide Deutschland um sein duales Ausbildungssystem, lautet eine häufig intonierte Selbstgewissheit. Ob sie stimmt oder angesichts der Systemkrise noch gerechtfertigt ist, sei dahingestellt. Fest steht: Über Deutschlands Weiterbildungsangebote sagt so einen Satz bislang niemand. Zeit, dass sich das ändert.

Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.

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