Wissenschaftlicher Nachwuchs : Die abnehmende Zufriedenheit der Doktoranden

Aufschlussreiche Umfrage: Unklare Jobperspektiven führen dazu, dass 43 Prozent der Doktoranden der Leibniz-Gemeinschaft schon einmal aufgeben wollten.

Eine Nachwuchsforscherin und ein Kollege untersuchen Proben in einem Labor.
Im Labor. Ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit der Nachwuchsforschenden ist die Qualität der Betreuung am Institut.Foto: Getty Images/iStockphoto

Vier von zehn Promovierenden in den Instituten und Museen der Leibniz-Gemeinschaft haben schon erwogen, die Arbeit an ihrer Dissertation abzubrechen. Als zentrale Gründe dafür nennen 66 Prozent „unklare Karriereaussichten“, 31 Prozent geben an, dass der wissenschaftliche Ertrag ihrer bisherigen Arbeit nicht ausreiche, und 29 Prozent erklären ihre Abbruchgedanken mit finanziellen Unsicherheiten. Das ist ein Ergebnis einer jetzt veröffentlichten Umfrage unter Doktorandinnen und Doktoranden der Wissenschaftsorganisation.

Die Initiatoren der umfassenden Studie zur Zufriedenheit der Promovierenden kommen aus deren eigenen Reihen, verantwortlich zeichnet das Leibniz PhD Network, die unabhängige Interessenvertretung von mehr als 3800 in der Leibniz-Gemeinschaft betreuten Doktoranden. Sie arbeiten in 93 Instituten und acht Forschungsmuseen. An der Umfrage beteiligt haben sich mehr als 1000 Promovierende. Die Untersuchung gibt aktuelle Einblicke in die Arbeits- und Einkommenssituation sowie in die Befindlichkeiten wissenschaftlicher Mitarbeiter in Deutschland.

Mit der Dauer der Promotion kommt Unzufriedenheit auf

Mit ihrer allgemeinen Situation als Leibniz-Doktoranden sehr zufrieden oder zufrieden sind immerhin 65 Prozent der Befragten – und zwar unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen, um deutsche oder internationale Promovierende handelt. Fast ebenso viele (63 Prozent) bewerten die Betreuung ihrer Promotionsvorhaben positiv. Am höchsten sei die Zufriedenheit allerdings im ersten Jahr der Beschäftigung in einer Leibniz-Einrichtung, hebt das Autoren-Team hervor: „Mit der Dauer der Promotion kommt Unzufriedenheit auf.“

Woran liegt das? Mit ausschlaggebend für die Arbeitszufriedenheit sind zweifellos die Art der Beschäftigung und das Einkommen an den Leibniz-Einrichtungen. 79 Prozent der Promovierenden haben einen Arbeitsvertrag mit ihren Instituten, aber nur zehn Prozent verfügen über eine Zweidrittel- oder eine volle Stelle nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD). Jeder Dritte arbeitet auf einer halben TVöD-Stelle, weitere 36 Prozent auf bis zu 65-Prozent-Stellen. Und 18 Prozent kommen mit einem Stipendium eines externen Geldgebers, fünf Prozent erhalten Stipendien ihrer eigenen Institute.

Entsprechend verdienen zehn Prozent mehr als 2000 Euro brutto und sieben Prozent 1851 bis 2000 Euro – das ist das obere Ende der Einkommensskala. Die große Mehrheit (78 Prozent) verdient zwischen 1250 und 1700 Euro. Am unteren Ende sind es drei Prozent, die weniger als 950 Euro monatlich bekommen und damit der Analyse zufolge von „relativer Armut“ betroffen sind.

20 Prozent haben Ein-Jahres-Verträge

Die mit der Promotionsdauer abnehmende Zufriedenheit kann auch mit der Vertragslaufzeit zusammenhängen. Hier zeigt sich allerdings, dass die Leibniz-Doktoranden bessergestellt sind als die Gesamtheit der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Universitäten und außeruniversitären Instituten, wo die Hälfte der Verträge eine Laufzeit von weniger als einem Jahr hat. Bei der Leibniz-Gemeinschaft haben neun Prozent der Befragten eine Vertragslaufzeit von bis zu sechs Monaten und 20 Prozent eine Laufzeit von einem Jahr. Bei immerhin 43 Prozent sind es bis zu 36 Monate, bei 14 Prozent bis zu zwei Jahre. Dass eine kurze Vertragsdauer beziehungsweise jährlich neu auszuhandelnde Verträge zu zunehmender Unzufriedenheit beitragen, liegt auf der Hand.

Anfangs hoch, dann aber abnehmend ist die Zufriedenheit auch bei der Betreuungssituation, wo sich über alle Jahrgänge 23 Prozent als sehr zufrieden und 40 Prozent als zufrieden bezeichnen. Faktoren sind hierbei unter anderem die Erreichbarkeit der Betreuerinnen und Betreuer und ihr Interesse am Stand der individuellen Forschungsarbeit – ausgedrückt etwa über die Häufigkeit der persönlichen Kontakte und Gespräche darüber. Wird mindestens einmal monatlich kommuniziert, steigt die Zufriedenheit, ist es seltener, sinkt sie.

Kind und wissenschaftliche Karriere - viele zweifeln

Kritisch sehen viele die Work-Life-Balance als wissenschaftlich Mitarbeitende. Zwar meinen nur acht Prozent, dass eine Forscherkarriere mit einer Partnerschaft nicht kompatibel sei. Aber 35 Prozent sehen sie mit einer aktiven Rolle in der Erziehung von Kindern unvereinbar und 76 Prozent kritisieren die „finanzielle Unsicherheit" einer solchen Laufbahn. Doch immerhin zwei Drittel der Befragten wollen ihre Karriere in der Wissenschaft fortsetzen. Unter den deutschlandweit Promovierenden sind es dem Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs zufolge nur 50 Prozent.

Die Ergebnisse der Leibniz-Umfrage sollen im Präsidium der Wissenschaftsorganisation diskutiert werden, verspricht Präsident Matthias Kleiner laut Pressemitteilung. Sie könnten „wichtige Impulse für die weitere Entwicklung eines attraktiven Arbeitsumfeldes“ liefern. Die Befragung solle fortgesetzt werden.

Die Originalstudie des Leibniz PhD Network finden Sie hier.

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