360-Grad-Panorama in Berlin : Eine Entdeckungsreise durch das antike Pergamon

Erst geht der Tag, dann glitzert das Mondlicht: Das neue Pergamon-Panorama lädt zur Zeitreise – mit beeindruckender Technik und Detailfreude.

Im Pergamon-Panorama, 30 Meter hoch, 104 Meter lang, gibt es eine scheinbar unendliche Fülle von Details zu entdecken.
Im Pergamon-Panorama, 30 Meter hoch, 104 Meter lang, gibt es eine scheinbar unendliche Fülle von Details zu entdecken.Foto: Tom Schulze

Wenn die Hunde kläffen, ist die Mitternachtsstunde gerade verstrichen. Wenn der Hahn kräht, irgendwo im Gewirr der noch düsteren Gassen, naht die Morgendämmerung. Nur vier Minuten braucht es im Zeitraffer von der Dunkelheit zum ersten fahlen Licht, doch Danai erlebt es wie eine kleine Ewigkeit. Allein in dieser kurzen Zeit sieht die 20-jährige Studentin am Samstagvormittag so unglaublich viel in der antiken griechischen Stadt Pergamon am Rande von Berlins Museumsinsel, dass es eigentlich für eine stundenlange Entdeckungsreise reicht.

Das Liebespaar, die Bettler, den Brunnen, in dem sich einige Frühaufsteher frisch machen. All das berührt sie, es erfüllt sie mit Stolz auf ihre antiken Vorfahren. Denn Danai ist Griechin, sie stammt aus Thessaloniki. Und hier, direkt an der Spree, gelingt nun ein kleines Wunder: Sie fühlt sich Hellas, der klassischen Antike, „noch näher“ als in ihrer Heimat.

Premiere am Kupfergraben in Mitte, in Höhe des Bodemuseums. Dort schieben sich am Samstag, punkt 10 Uhr, die ersten Besucher durch die Drehtüren eines neu geschaffenen, auf den ersten Blick skurril wirkenden temporären Gebäudeensembles: Vorne ein kastenförmiger, verglaster Pavillon, die sogenannte „Box“. Und dahinter ein dreißig Meter hoher riesiger Rundbau.

Pergamon-Panorama und Skulpturen
Hoch auf dem Felssporn. Inmitten der Rotunde verdeutlicht auch eine kleinere Bilderausstellung, wie Pergamon einmal aussah.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Doris Spiekermann-Klaas
18.11.2018 12:21Hoch auf dem Felssporn. Inmitten der Rotunde verdeutlicht auch eine kleinere Bilderausstellung, wie Pergamon einmal aussah.

Das 2011/2012 im Ehrenhof des Pergamonmuseums vom Künstler und Architekten Yadegar Asisi präsentierte Pergamonpanorama ist nach Berlin zurückgekehrt – diesmal noch gigantischer und detailreicher als damals. Mit noch besserer Technik für alle Sinne: Tag und Nacht werden simuliert, es gibt vielfältige Lichtstimmungen und Geräusche – nichts fehlt bei dieser Zeitreise ins Jahr 129 nach Christus.

Aber jetzt geht es nicht wie vor sechs Jahren gleich hinein in den antiken, im 360-Grad-Panorama rundherum dargestellten Alltag der einstmals bedeutenden hellenischen Stadt, deren Überreste im späten 19. Jahrhundert an der Nordwestküste der Türkei ausgegraben wurden. Weil der berühmte, von Carl Humann entdeckte Pergamonaltar im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel noch voraussichtlich bis 2023 restauriert wird, laden die Staatlichen Museen zu Berlin in der Box, gleich hinter den Drehtüren erstmal zu einer alternativen Annäherung ans klassische Altertum ein. Ein erfreulicher Ersatz.

Man spaziert durch eine Gesellschaft in weißem Marmor erstarrter Priesterinnen und Göttinnen, allesamt Bewohner des Pergamon-Heiligtums. Die Falten ihrer Gewänder kräuseln sich scheinbar im Spiel der Schatten, je nachdem, wie das Licht des beschleunigten Tagesverlaufs wechselt. Ein älteres Paar bewundert die Skulpturengalerie. Hildegard und Hermann Lang aus Stuttgart sind zu Besuch in Berlin. Und nun sind die beiden vom Kupfergraben aus sogar für zwei Stunden nochmal 2000 Kilometer weiter zur türkischen Ägäis gereist. Er legt seinen Arm um ihre Schulter. „Toll, wir fühlen uns schon hier , sozusagen im Foyer, wie ein Teil dieser alten Welt.“ Aber das Erlebnis wird noch intensiver. Einige Schritte weiter öffnet sich die Rotunde.

Hildegard und Hermann Lang sind aus Stuttgart zu Besuch.
Hildegard und Hermann Lang sind aus Stuttgart zu Besuch.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Rundgemälde, na gut, die gab es auch schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Beispielsweise das Riesenrundbild in Innsbruck von 1896. Es zeigt bis heute den Freiheitskampf der Österreicher gegen die napoleonischen Truppen am Berg Isel. Aber dieses kreisrunde Panorama, als digitales Puzzle aus Fotografien und Computersimulationen genial zusammengesetzt, ist gigantisch, 30 Meter hoch, 104 Meter lang – und verblüffend nah an der Wirklichkeit.

Besucher schauen erst mal zum zartblauen mediterranen Himmel und den Möwen hinauf. Und dann geht es um den stählernen Aussichtsturm in der Mitte der Rotunde herum, während die Stadt auf den vielen Terrassen am Berghang, mit ihren Festungsmauern, dem Palast und Pergamonaltar weitaus überzeugender als im Film vorbeizieht.

Imke und Helgrit Dally aus Steglitz, 17 und 20 Jahre alt, machen Selfies.
Imke und Helgrit Dally aus Steglitz, 17 und 20 Jahre alt, machen Selfies.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nächster Akt: Der Aufstieg im Turm zu drei Plattformen, von denen man das Panorama aus verschiedenen Höhen bewundern kann. Samstagvormittag sind noch nicht allzu viele Gäste auf den Treppen unterwegs. An der obersten Brüstung des Turms stehen Imke und Helgrit Dally aus Steglitz, 17 und 20 Jahre alt, und erinnern sich an die Wimmel-Bilderbücher ihrer Kindheit. „Du kannst hier stundenlang stehen“, sagt Imke, „und ständig Neues entdecken.“ Zum Beispiel die Bildhauerwerkstatt am Hang, mit Seilzügen werden Skulpturen aufgerichtet.

Links ist das Amphitheater schon gut besetzt, Menschen drängeln sich an der Eingangspforte, zwei junge Leute schmusen vor einem Mäuerchen, sie streicht ihrem Liebsten durchs Haar. Kinder spielen Fangeball, ein Hund hebt das Bein. Frisuren, Gewänder, Schuhwerk – alles authentisch, 1:1 gemäß neuester archäologischer Befunde.

Auf den Stufen zum Pergamonaltar fließt Blut. Schafe und ein Stier werden getötet – als Opfertiere. Aus dem Off ertönt Blöken und Brüllen. Der Stier dreht durch, er wird gebändigt. Männer weiden das Schaf aus, schleppen die Eingeweide zu Frauen und Männern in langen fließenden Trachten hinauf. Auf der höchsten Terrasse stehen die Priester vor einer Feuerschale, Flammen schlagen zum Himmel. Plötzlich, wie von Zauberhand, geht der Tag – Mondlicht glitzert. Es ist schon die dritte Nacht, die Imke und Helgrit hier binnen einer halben Stunde erleben. Es wird, ganz sicher, nicht ihre letzte sein.

Das Pergamon-Panorama, Am Kupfergraben 2, wird bis 2023 zu sehen sein, also bis zum Abschluss der Restaurierungsarbeiten am Pergamonalter.

Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch und Freitag bis Sonntag, 10-18 Uhr, Donnerstag 10-20 Uhr. Es gibt kein Einzelticket nur fürs Panorama und die Sonderausstellung, sondern nur ein Kombiticket fürs Panorama und Pergamonmuseum. Es kostet 19 Euro, ermäßigt 9.50 Euro; freier Eintritt bis zum 18. Lebensjahr. Hier geht's zur Panorama-Website.

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