Abrechnung mit Berlin : „In dieser Stadt gibt es die Diktatur der Schreihälse“

Ist die Debatte um das Gedicht „avenidas“ symptomatisch für den Zustand Berlins? Ein offener Brief aus Hellersdorf zeigt, wie der Streit bis heute nachwirkt.

So sieht die Fassade bei Tageslicht aus – mit "avenidas" im spanischen Original und in einer deutschen Übertragung.
So sieht die Fassade bei Tageslicht aus – mit "avenidas" im spanischen Original und in einer deutschen Übertragung.Foto: Maria-Mercedes Hering

Selten hat eine Hauswand so die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt wie die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Hellersdorf. Wochenlang stritt das halbe Land vor einem Jahr über die Entscheidung, das Gedicht „avenidas“ zu übermalen. Das Feuilleton debattierte, in sozialen Medien machten Werk und Wut die Runde, selbst CDU-Politiker Jens Spahn twitterte Eugen Gomringers Verse.

Jetzt hat die Wohnungsgenossenschaft Grüne Mitte das Gedicht wieder an einer Hauswand in der Nähe der ASH angebracht. Es solle dadurch einen „würdigen Rahmen“ erhalten und „untrennbar“ mit Hellersdorf verbunden bleiben, erklärt Vorstand Andrej Eckhardt die Motivation der Genossenschaft.

Untrennbar gehört die neue Installation auch zu ihrer Nachbarschaft: Nach Angaben der Grüne Mitte ist das Werk „an sieben Tagen die Woche 24 Stunden lang“ lesbar, weil die Buchstaben nachts von hinten beleuchtet werden. „Wir finden, dass das Gedicht [...] auch in Deutsch und Spanisch eine Leichtigkeit widerspiegelt und ein Gefühl der Lebensfreude vermittelt“, schreibt Eckhardt.

Ein offener Brief des Vorstands zeigt, wie tief die Abneigung gegen die „avenidas“-Kritiker bis heute ist. Eckhardt spricht von „absurden sexistischen Vorwürfen von Studentinnen“, denen Gomringers Werk „geopfert“ worden sei. „Wie werden sich die wahren Sexismus-Opfer (Gewalt, Missbrauch) dabei gefühlt haben, angesichts dieser Debatte?“

Für Eckhardt ist der Fall symptomatisch, sein Schreiben auch eine Generalabrechnung mit den Berliner Verhältnissen, wie er sie sieht. „In dieser Stadt gibt es die Diktatur der Schreihälse, Politik und Bildung haben Angst vor diesen“, schreibt er. Wer Wohnungen baue, gelte als gierig, wer Arbeitsplätze schaffe, werde vertrieben. „Nicht die Aktiven, die diese Stadt gestalten wollen, werden unterstützt, sondern die, die gegen alles sind“, meint Eckhardt. „Dass es solche Menschen gibt, ist normal. Aber schlimm ist, dass wir nicht die Argumente austauschen und ihnen die Grenzen aufzeigen.“

Die Hochschule nahm die Nachricht vom „avenidas“-Comeback in der Nachbarschaft gelassen auf. Sie freue sich, wenn Werke von Trägern des Alice-Salomon-Poetikpreises im öffentlichen Raum sichtbar seien, teilte eine Sprecherin mit. Bei der Wohnungsgenossenschaft bedanke man sich „herzlich“.

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