• Ärztevertreter kritisiert Gesundheitssenatorin: „Von der Corona-Ampel haben wir aus der Presse erfahren“

Ärztevertreter kritisiert Gesundheitssenatorin : „Von der Corona-Ampel haben wir aus der Presse erfahren“

Burkhard Ruppert von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) beklagt, Senatorin Dilek Kalayci beziehe die Mediziner in ihre Entscheidungen kaum ein.

Die Corona-Ampel soll die Berliner rechtzeitig vor einer neuen Infektionswelle warnen.
Die Corona-Ampel soll die Berliner rechtzeitig vor einer neuen Infektionswelle warnen.Foto: Carsten Rehder/dpa

Burkhard Ruppert ist Mediziner und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV).

Herr Ruppert, in einem offenen Brief haben die Amtsärzte aller Berliner Bezirke Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) mangelnde Einbindung vorgeworfen. Sie kritisieren das Konzept der Corona-Ampel. Zu Recht?
Ich will zwar kein Öl ins Feuer gießen, aber auch wir sind mit der momentanen Situation nicht glücklich. Zusammen sind wir dazu verpflichtet, die besten Lösungen zu erarbeiten. Dazu muss man aber erstens miteinander sprechen und zweitens dürfen die Gespräche keine Einbahnstraße sein. Beide Punkte sind aus meiner Sicht verbesserungswürdig.

Wie sieht die Kommunikation zwischen Ihnen und der Gesundheitsverwaltung aus?
Es gibt derzeit drei Telefonkonferenzen die Woche, Frau Kalayci ist regelmäßig Teil der Runde. Neben uns gehören die Ärztekammer sowie die Krankenhausgesellschaft dazu. Aus meiner Sicht geben wir in diesen Runden viel Informationen, kriegen aber wenig zurück.

Zuletzt stritten Sie sich mit der Senatorin Ende März, damals ging es um fehlende Sicherheitsausrüstung für Ärzte und medizinisches Personal. Hat sich die Kommunikation seitdem verbessert?
Grundsätzlich hat sich die Kommunikation verbessert und wir haben gut kooperiert. Mit Blick auf die aktuelle Situation jedoch muss ich sagen: Es kann nicht sein, dass eine derart wichtige Entscheidung wie die Einführung der Corona-Ampel getroffen wird und wir – genau wie die Amtsärzte – vorher nicht eingebunden oder doch wenigstens darüber informiert wurden.

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Zumal man sich bei der Sache sicher die Zeit hätte nehmen können, die aktuelle Lage lässt das glücklicherweise zu. Am Ende ist und bleibt es natürlich eine Entscheidung des Senats.

Wann haben Sie denn von der am Dienstag im Senat beschlossenen Corona-Ampel erfahren?
Am Mittwoch, aus der Presse. Selbst in der am selben Tag veranstalteten Telefonkonferenz hat die Ampel keine Rolle gespielt, genau wie am Montag vor der Senatssitzung. Das Vorhaben war kein Gesprächsthema zwischen uns und der Gesundheitsverwaltung.

Wenn auch die Amtsärzte nicht einbezogen waren, frage ich mich, welchen wissenschaftlichen Input diese Ampel bekommen hat. Darüber muss man doch mit den Fachleuten sprechen. Einzig und allein mit Schlagwörtern wie der auch aus anderen Bereichen bekannten Ampel zu arbeiten, hat aus meiner Sicht wenig Sinn. Für parteipolitische Manöver ist das Thema zu wichtig.

Das heißt, Sie lehnen das Konzept ab?
Nein. Es ist völlig richtig, von den starren Grenzen der auf Bundesebene vereinbarten Regelung wegzugehen und auf flexible Lösungen zu setzen. Was uns fehlt, ist die Einbindung bei der Entwicklung solcher Konzepte und Antworten auf Fragen zum wissenschaftlichen Modell.

Bislang werde ich weder aus der Auswahl noch aus der Zusammenstellung der einzelnen Parameter wirklich schlau. Uns fehlen Angaben zur wissenschaftlichen Basis, da sind wir voll und ganz auf der Linie der Amtsärzte, die das schließlich überwachen müssen.

Es ist entscheidend, dass wir als Kassenärztliche Vereinigung und damit der gesamte ambulante Sektor über Konsequenzen einer solchen Maßnahme informiert werden. Das sind schließlich keine rein politischen Entscheidungen, sondern sie betreffen den medizinischen Bereich in seiner Gänze.

Aber noch mal: Halten Sie die Corona-Ampel für ein sinnvolles Konzept?
Grundsätzlich ist eine Ampel ein geeignetes Instrument, uns fehlt dabei der flexible und kleinteilige Aspekt dabei. Wo verändert sich etwas und was ist der Grund dafür? Die Konzentration auf Hotspots, wie es der Club Trompete zu Beginn der Krise war, das ist wichtig.

Entscheidend ist: Was passiert, wenn tatsächlich zwei der drei Indikatoren auf Gelb springen? Werden lokal begrenzte Maßnahmen ergriffen oder Maßnahmen für ganz Berlin? Wer entscheidet darüber? All das wissen wir derzeit nicht genau und Frau Kalayci hat es am Donnerstag im Abgeordnetenhaus ebenfalls offengelassen.

Sie wollen einzelne Infektionsherde in den Blick nehmen. Welche?
Das betrifft in erster Linie Altenheime und Krankenhäuser, aber auch Schulen und Kitas, vielleicht auch Restaurants. Nach den jetzt in Kraft tretenden Lockerungen kann es gut sein, dass wir in diesen Bereichen in der kommenden Zeit einiges erleben werden. Dann schnell zu sein und einen erneuten „Fall Trompete“ zu vermeiden, wird entscheidend sein.

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