Al-Quds-Demo und Frauenmarsch : Hass bei Hitze in Berlin

Gegen und für Israel, gegen und für Einwanderer – am Sonnabend wurde in Berlin viel demonstriert. Doch die Teilnehmerzahl war geringer als erwartet.

René Garzke Lea Diehl
Demonstranten tragen Isreal-feindliche Banner beim jährlichen Al-Quds-Marsch in Berlin.
Demonstranten tragen Isreal-feindliche Banner beim jährlichen Al-Quds-Marsch in Berlin.Foto: AFP PHOTO / Tobias SCHWARZ

Ob’s an den sommerlichen Temperaturen lag? Zu sämtlichen angemeldeten Demonstrationen kamen am Sonnabend jedenfalls weniger Teilnehmer als angemeldet. Zum alljährlichen Al-Quds-Marsch der Israel-Hasser versammelte sich um 14.30 Uhr am Adenauerplatz laut Polizei statt der angemeldeten 2000 Demonstranten nur etwa die Hälfte. Und als sich eine halbe Stunde später der gegen die Asylpolitik der Bundesregierung sowie gegen Flüchtlinge gerichtete „Frauenmarsch“ vom Halleschen Tor aus in Bewegung setzte, hatten sich bei dieser von AfD-Referentin Leyla Bilge angemeldeten Demonstration statt der angekündigten 800 Teilnehmer ebenfalls etwas weniger als halb so viele Menschen eingefunden. Ein erster Marsch dieser Gruppe war im Februar vorzeitig abgebrochen worden, nachdem Gegendemonstranten die Strecke blockiert hatten.

Israel- und Regenbogenfahnen bei den Gegendemos

Jeweils kurz vor Beginn der beiden Protestmärsche sammelten sich auch die Gegendemonstranten. So machte sich um kurz nach 14 Uhr eine bunte Truppe mit Israel- und Regenbogenfahnen zu poppiger Musik auf den Weg vom Nollendorfplatz zur Joachimsthaler Straße, um gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels zu demonstrieren.

Sie zeigen Antifa-Flaggen, die Israel-Fahne und Transparente mit Aufschriften wie „Kein Platz für Judenhass“. Es sind Anhänger von Gewerkschaften, Verbänden und Parteien, sie erklären Israel ihre volle Solidarität und gratulieren dem Staat zu seinem 70-jährigen Bestehen. Israel stehe für Demokratie und Freiheit. Danach setzt sich die Gruppe zu israelischer Popmusik in Bewegung und zieht über die Kleist- und Tauentzienstraße bis zur Joachimsthaler Straße. Ein Dutzend Menschen zeigt Flagge entlang der Route: „Lang lebe Israel!“

Verbale Zusammenstöße und Mittelfinger

Gegen 15 Uhr startet am Adenauerplatz der Demonstrationszug der Al- Quds-Demo stadteinwärts, auf der Islamisten und Antisemiten alljährlich ihren Hass auf Israel zu erkennen geben. Beim Marsch über die Lietzenburger Straße kommt der Zug auch an der Querung zur Joachimsthaler vorbei, wo die Israelfreunde ihre Abschlusskundgebung schon hinter sich haben und eigentlich nur auf den Al–Quds-Zug warten. Dieser passiert auch schließlich die Stelle, es gibt verbale Zusammenstöße und Beleidigungen wie gegenseitig gezeigte Mittelfinger, aber im Grunde bleibt es friedlich.
Die Polizei agiert hochprofessionell, unterbindet jede Abweichung sofort, stets sind auch Kommunikationsteams zur Stelle. Der Al-Quds-Zug wirkt weniger aggressiv als früher, es wurden vorher die Auflagen der Polizei verlesen, die meisten halten sich dran. Polizísten mit Kameras halten Verstöße fest, etwa wenn der Hitlergruß gezeigt wird. Beim Al-Quds-Marsch ist die Zahl der Teilnehmer um kurz nach 16 Uhr auf etwa 1400 angewachsen. Sie äußern sich zwar antiisraelisch, aber im Rahmen des rechtlich Zulässigen. Es werden nur die libanesische und die Palästinenser Fahne gezeigt, keine Hamas-Flagge.

An der Straßenecke lassen Gegendemonstranten Israelfahnen wehen. „Judenhass ist die Masche – unser Geld, ihre Tasche“ wird vom Wagen des Al-Quds-Demonstration gerufen, der Rufer weist aber darauf hin, dass dies nicht antisemitisch gemeint sei. An der Ecke Lietzenburger-/ Bleibtreustraße stehen welche mit Israelflaggen und brüllen: „Lang lebe Israel“, da versuchen einige, aus dem Al-Quds-Zug auszubrechen, es droht kurz ein Handgemenge, aber die Polizei unterbindet es sofort.

Einige hundert Menschen beim AfD-Marsch in Kreuzberg

In Kreuzberg protestierten bereits ab kurz nach 12 Uhr einige hundert Menschen gegen den hier angemeldeten AfD-Marsch. Die Gegendemo begann am Mehringplatz. Wer zur Gegendemonstration am Mehringplatz will, muss durch Polizeikontrollen. Die Kundgebung dort beginnt schließlich mit leiser Gitarrenmusik. Organisiert wurde sie insbesondere von der Anwohner-Initiative „Mehringplatz für Toleranz und Vielfalt“, die mit der Veranstaltung ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollte.

Die Grünenpolitikerin Canan Bayram ist unter den Demonstranten, außerdem Vertreter der SPD und Linkspartei. „Wir setzen uns für Frauenrechte ein, aber das, was die da drüben machen ist nur eine Fassade, die Diskriminierung gegen Muslime verdeckt“, sagt Sevgi Kalayci von der AG sozialdemokratischer Frauen (ASF), während sie auf dem Platz Trillerpfeifen verteilt. Wie viele andere der Demonstranten fordert sie einen antirassistischen Feminismus. „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“, rufen die Gegendemonstranten später über die Absperrungen, als sich der sogenannte Frauenmarsch in Bewegung setzt.

Frauenmarsch besteht aus mehr Männern als Frauen

Der „Frauenmarsch“ besteht aus mehr Männern als Frauen, vor allem älteren Männern, einer Menge Deutschlandflaggen und weißen Kreuzen. Letztere sollen für die Opfer „muslimischer Gewalttaten“ stehen, erklärt eine Frau, die ein solches in den Händen trägt und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Es kommen Barbaren mit völlig anderem Frauenbild in unser Land“, sagt sie. Gemeint seien damit Muslime, es drohe eine „Islamisierung des Landes“, fährt die Frau neben ihr fort.

Zu Beginn der Demonstration gibt es eine Gedenkminute für die 14-jährige Susanna F. „Es werden Mädchen ermordet, von Menschen, die nicht hier sein dürfen“, sagt die AfD-Referentin Leyla Bilge, die zu dem „Frauenmarsch“ aufgerufen hatte.

Die Fronten sind hart. In einer Bäckerei am Checkpoint Charlie werden junge Frauen von der Polizei daran gehindert, den Bäcker zu verlassen. „Nazis raus“, rufen sie. „Faules Pack, faules Pack“, schreit ihnen ein alter Mann entgegen.
Diesmal hat es der „Frauenmarsch“ schließlich bis vor das Bundeskanzleramt geschafft. Laut Polizei verlief die Demonstration ruhig. „Die Antifa sind die wirklichen Gesocks unseres Landes, lasst uns unser Land zurückholen“, ruft AfD-Politiker Marc Bernhard bei der Kundgebung am Kanzleramt. Gegendemonstranten, die sich trotz Absperrung unter den Marsch mischen, werden von der Polizei zurückgehalten. Fazit von Organisatorin Leyla Bilge: „Es war ein großer Erfolg.“ Die Polizei habe großartige Arbeit geleistet, "das lässt uns wieder ans System glauben.“

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