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Am Mittwoch ist der Tag der Entscheidung : Welche Spielräume Berlin bei der Öffnung von Kitas und Schulen hat

Die Kanzlerin, die Länder, die Kultusminister - sie alle wollen sich auf eine gemeinsame Linie einigen. Auch bei den Abiturprüfungen.

Zurück in die Kita? Diese Frage muss jetzt beantwortet werden.
Zurück in die Kita? Diese Frage muss jetzt beantwortet werden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Noch sind Osterferien, die Schulen würden am Montag wieder öffnen. Bis dahin gilt die angeordnete Schließung der Schulen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Es zeichnet sich aber ab, dass die Schulen und Kindertagesstätten nicht sofort wieder den vollen Betrieb aufnehmen. Nun gibt es erste Überlegungen und Vorschläge der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina, die Schulen schrittweise wieder zu öffnen, die Kindertagesstätten aber kaum. Ein Überblick.

Warum sollen die Kitas bis zum Sommer geschlossen bleiben, aber nicht die Schulen?

Je kleiner die Kinder sind, desto weniger ist ihnen zu vermitteln, dass sie Abstand halten müssen. Daher kam die Leopoldina zu dem weitgehenden Vorschlag. Allerdings gibt es Einschränkungen. So sollen Fünf- bis Sechsjährige – in reduzierten Gruppengrößen von maximal fünf Kindern pro Raum – schon vorher in die Kitas zurückkehren, um sie auf den Übergang in die Grundschule vorzubereiten. Das ist notwendig, weil etwa 40 Prozent der Berliner Kinder sprachliche oder motorische Probleme haben, die den Schulstart erschweren. Für diese Kinder besteht normalerweise eine Kitapflicht.

Können Eltern ihre Kinder zurückstellen lassen, die im Sommer eingeschult werden?

Anträge auf Zurückstellungen sind möglich, sofern man einen Kitaplatz nachweisen kann. Man müsste also seiner Kita zunächst sagen, dass man den Kitaplatz behalten will. Die üblichen Vorschriften für Anträge auf Rückstellungen sind kaum umsetzbar, da die Schulärzte wegen der Pandemie keine Kapazitäten haben.

Einige Aufgaben der Gesundheitsämter haben die Schulpsychologischen Dienste in den Bezirken übernommen. Wenn sich die Leopoldina mit ihrer Empfehlung durchsetzt, Fünf- und Sechsjährige rasch in die Kitas zurückzuholen, könnte eine Zurückstellung unnötig sein.

Wie könnte man die Wiedereröffnung der Kitas beschleunigen?

Die Senatsjugendverwaltung bereitet „verschiedene Varianten für die Wiederöffnung der Kitas vor, insbesondere auch gestufte Vorgehensweisen“. Dazu sei sie mit den Kita-Trägern im Austausch und prüft „verschiedene Vorschläge“. Mehrere Träger sind bereit, die Betreuung schrittweise auszudehnen – etwa auf Kinder, deren beide Eltern berufstätig sind.

Um die Ansteckungsgefahr zu mindern, müssten die Gruppen halbiert werden, sodass die Kinder jeweils nur an zwei Tagen kämen, mittwochs wäre Desinfektionstag. Die Träger formulieren aber Bedingungen wie eine Maskenpflicht für Erzieherinnen, die Kitagruppen mit über Dreijährigen betreuen.

„Man kann nicht das Wirtschaftsleben starten ohne Kitabetrieb“ – so formuliert es der Kitareferent des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Torsten Wischnewski-Ruschin, angesichts von 160 000 Kitakindern in Berlin.

Wie könnte die schrittweise Öffnung der Schulen funktionieren?

Die Leopoldina hatte am Montag empfohlen, im Grundschulbereich in kleineren Gruppen zu beginnen, und zwar „für Eltern verlässlich“. Der Grundschulforscher Jörg Ramseger von der Freien Universität sagte am Dienstag, er fände die rasche Öffnung der Grundschulen „besonders schwierig, weil bei der Arbeit mit kleinen Kindern Nähe – auch körperliche Nähe – zwischen der Pädagogin und den Kindern üblich ist“.

In den Oberschulen sollen zunächst die Klassenstufen zurückgeholt werden, die vor zentralen Abschlussprüfungen stehen. In allen weiteren Jahrgängen wird ein gestuftes Vorgehen „mit reduzierter Stundenzahl und mit Konzentration auf die Kernfächer Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen“ angeraten. In einer weiteren Stunde pro Tag sollen Lehrer die Hausaufgaben überprüfen oder neue Arbeitsaufträge vergeben.

Nur in der gymnasialen Oberstufe könne länger auf direkten Unterricht verzichtet werden, da diese Schüler „selbstorganisiert“ lernen könnten. Die Senatsverwaltung für Bildung will sich noch nicht festlegen und verwies auf die Entscheidungen, die auf Bundesebene und in der Kultusministerkonferenz am Mittwoch getroffen werden sollen.

Die Klassen sind ohnehin viel zu voll – wie soll der Abstand gewährleistet werden?

Bedingt durch den Platzmangel in Berlins Schulen sind die Klassen extrem voll – mit 26 bis 32 Kindern je nach Schultyp. Sie müssten also halbiert werden. Ob die Schüler dann mit reduzierter Stundenzahl auf den Vor- und Nachmittag verteilt oder die Halbklassen tageweise unterrichtet würden, ist völlig offen. Tatsache ist nur, dass weder das Personal noch die Räume ausreichen, um die halbierten Klassen gleichzeitig zu betreuen.

Wie gehen andere Bundesländer in dieser Lage vor?

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) kündigte am Dienstag an, die Schulen nach den Osterferien schrittweise öffnen zu wollen – vor allem um Prüfungen und die Vergabe von Abschlüssen zu ermöglichen. Auch Baden-Württemberg und Hessen haben zunächst die Prüflinge in den weiterführenden Schulen im Blick.

„Es macht Sinn, dass wir beim Wiedereinstieg mit den Schülerinnen und Schülern beginnen, die ihre Abschlussprüfungen schreiben, weil es wichtig ist, dass diese vorher noch ausreichend Präsenzunterricht zur Vorbereitung haben“, sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). 

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Ähnlich äußerte sich Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Andere Länder hielten sich zurück, man wolle erst das Treffen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch abwarten. Aber auch dort war zu hören, man wolle erst mit den höheren Klassen beginnen, ebenso mit den vierten Klassen, um diese auf den Übergang auf weiterführende Schulen vorzubereiten.

Dass dagegen Kitas geschlossen bleiben und zugleich Kinder der ersten Klassen vor Ort beschult werden, halte man für einen Widerspruch, heißt es aus einem Ministerium: „Social Distancing ist in den ersten Klassenstufen nicht seriös durchzuführen.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lehnte am Dienstagabend im „heute-journal“ des ZDF eine zeitnahe Öffnung der Schulen nach den Osterferien ab. „Ich bin sehr zurückhaltend bei Schulen“, sagte der CSU-Chef. Skeptisch sehe er auch, dass Grundschulen als Erstes geöffnet werden sollen. „Da habe ich eine grundlegend andere Auffassung,“ wurde er von der Deutschen Presseagentur zitiert.

Generell sei die Politik hier gut beraten, auf die Warnungen der Pädagogen vor zu frühen Schulöffnungen zu hören. „Weniger Hektik, ein bisschen mehr Geduld und Besonnenheit könnte allen helfen,“ wurde Söder zitiert. Bayern hat die größte Zahl von Corona-Toten und der Virus verbreitet sich schneller als in den meisten anderen Bundesländern.

Wer entscheidet, ob Prüfungen überhaupt stattfinden?

Bei Prüfungen zum früheren Hauptschulabschluss, in Berlin Berufsbildungsreife genannt, kann jedes Land selbst entscheiden. Berlin hat diese Prüfungen bereits abgesagt. Auch beim Mittleren Schulabschluss (MSA) gibt es eine gewisse Flexibilität. Nicht alle Bundesländer haben diese Prüfungen am Ende der zehnten Klasse vorgeschrieben.

Mit einem Federstrich könnte Berlin die MSA-Prüfungen für Schüler absagen, die in die elfte Klasse wechseln, denn für sie ist der MSA nur in Berlin verbindlich. Anders verhält es sich mit Abiturprüfungen: Da sich die Abiturienten mit den Zeugnissen in ganz Deutschland um einen Studienplatz bewerben können, ist eine Abstimmung in der Kultusministerkonferenz notwendig.

Wie wahrscheinlich ist jetzt eine Absage von Prüfungen?

Die Leopoldina empfiehlt, „die Prüfungsmöglichkeiten auf allen Bildungsetappen aufrechtzuerhalten“, der DGB und die GEW haben hingegen am Dienstag die Absage aller Prüfungen für rund eine Million Schüler gefordert.

Dieser Aufruf wurde von etlichen Migrantenverbänden unterstützt, weil die Schüler mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich benachteiligt seien: Ihre Familien leben in der Regel beengter, sodass die Kinder weniger Ruhe zum Lernen haben. Zudem können sie ihre Kinder durch sprachliche Hemmnisse weniger unterstützen und sie sind im Schnitt schlechter mit digitalen Endgeräten ausgestattet. In Berlin kommt hinzu, dass der Landesschülerausschuss aufgrund von Schulvoten und die großen Schulleiterverbände die Absage der Prüfungen fordern.

Wie verhält sich Bayern zur Prüfungsfrage?

Dennoch kann kein Land im Alleingang die Prüfungen absagen, sondern braucht die Zustimmung der Kultusministerkonferenz. Dass sie sich darauf einlässt, dass einzelne Länder ihre Prüfungen absagen dürfen, gilt bisher als unwahrscheinlich, zumal am Dienstag etliche Bundesländer die Bedeutung der Prüfungen hervorhoben: „Bei den Abschlussprüfungen, glaube ich, kann man großzügig sein, denn die Schülerinnen und Schüler brauchen ja einen Abschluss auch für den weiteren Berufsweg“, sagte Markus Söder laut Deutscher Presseagentur in den ARD-„Tagesthemen" am Dienstagabend.

Hier ließen sich auch Schutzmaßnahmen deutlich besser organisieren, hob der bayerische Ministerpräsident hervor. Damit ist er auf der gleiche Linie wie Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

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