Auf dem Land in Brandenburg : Was #Dorfkinder wirklich brauchen

Kleine ostdeutsche Orte hatten es nach dem Mauerfall schwer. Jetzt mahnt Ministerin Klöckner zu positivem Denken. Was sagen Bewohner dazu? Ein Besuch in Garrey.

Joana Nietfeld
Siegfried Frenzel und rechts Bernd Menkenhagen mit Demo-Schildern.
Siegfried Frenzel und rechts Bernd Menkenhagen mit Demo-Schildern.Foto: Joana Nietfeld

Auf der Bühne steht noch ein Tannenbaum mit silbernem Lametta. An der Wand hängt eine alte DDR-Flagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Urbane Hipster tummeln sich zwischen den Dorfbewohnern an einer langen Tafel. Gleich soll es ein Gespräch geben, zwischen drei Forscherinnen und den Bewohnern von Garrey über die Erfahrungen der Menschen nach dem Mauerfall 1989.

Garrey liegt in Brandenburg im Landkreis Potsdam-Mittelmark - 90 Kilometer vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln braucht man etwa drei Stunden. Die Autofahrt dauert 90 Minuten und führt über ruckelige Straßen in die 300-Einwohner Ortschaft mit zwei Kirchen und einem Funkloch.

Die Wissenschaftler des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam untersuchen schon seit vier Jahren „Die lange Geschichte der ,Wende'" Sie bewerten die Zeit vor, während und nach dem Mauerfall und wollen die Lebensrealitäten der Menschen in Ostdeutschland wissenschaftlich erkunden. Nun treffen sie auf ihren Untersuchungsgegenstand: die Menschen, die den Umbruch erlebt haben.

Das Dilemma der Dorfkind-Debatte von Julia Klöckners Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft lässt sich anhand dieser kleinen Veranstaltung in Garrey gut erzählen. Klöckners Ministerium hatte zu Beginn der Woche Fotos veröffentlicht, die „positive Beispiele und innovative Ansätze der ländlichen Entwicklung“ zeigen sollen. In den sozialen Netzwerken gab es dafür viel Spott und Kritik.

Langer Vortrag statt eingehender Diskussion

Nun, beim Treffen der Wissenschaftler und Einwohner in Garrey, soll der Fokus auch mal weg von den urbanen Zentren, hin zu ländlichen Regionen gerichtet werden.

Das angekündigte Gespräch mündet allerdings in einem langen Vortrag: Die Forscherinnen und der Forscher berichten von „Archivalien”, Forschungsmethoden und Verfahrensweisen. Im Oktober soll ein Buch über ihre Ergebnisse erscheinen. Sie freuen sich, dass Wissenschaft in dieser Form „ihren heißgeliebten Elfenbeinturm verlässt” und stellen Fragen, wie zum Beispiel: „Ist die ,Wende' eigentlich schon vorbei?"

Die Antworten der etwa zwölf Anwohner und Anwohnerinnen, die aus der Region zu der Veranstaltung gekommen sind, holen sie aber erstmal nicht ein, sondern referieren weiter. Die, die das wovon die Forscherinnen und der Forscher da berichten, eigens erlebt haben, hören höflich zu.

„Wende“ ist nicht der richtige Begriff

Dabei ist es gar nicht so, dass die Anwohner nicht selbst etwas zu sagen hätten. Aber richtig zu Wort kommen sie erst nach mehr als einer Stunde in den anschließenden Gesprächsrunden bei Bock- und Knackwurst. Und dabei wird klar: „Wende“, so wie die Forscherinnen und der Forscher den Fall der Mauer und die Zeit danach genannt haben, ist hier nicht der bevorzugte Begriff.

Denn der stammt von Egon Krenz; der DDR-Funktionär nutzte den Begriff bei seiner Wahl zum SED-Generalsekretär 1989. Zwar hat sich Wende eingebürgert, für die Einwohner von Garrey fühlt sich der Begriff aber unangemessen passiv Begriff an. „Wenn wir von der friedlichen Revolution sprechen, sehen wir Gesichter vor uns: die Menschen auf den Montagsdemos. Da steckt eine Aktivität dahinter“, sagt Gabi Eisenberger, in deren Pension die Veranstaltung stattfindet.

Das wichtigste Thema, das hier alle bewegt, ist sowieso ein anderes: die Apotheke. Die hat vor wenigen Wochen im Nachbarort Niemegk dicht gemacht, weil die Betreiberin keine Nachfolge finden konnte. Die nächste Apotheke ist nun 20 Kilometer entfernt, in Bad Belzig. Die Anwohnerinnen haben dagegen demonstriert. Die Schilder stehen noch in einem Hinterzimmer von Gabi Eisenbergers Pension. Da steht zum Beispiel „Gesucht: Doc + DocMorris“, denn ein Arzt fehlt in der Region ebenfalls.

Die Diskussion in der Pension "Zum weißen Raben".
Die Diskussion in der Pension "Zum weißen Raben".Foto: Joana Nietfeld

Rosemarie Bergholz erzählt, dass mit Auflösung der LPG, der Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, 1990 viele Arbeitsplätze weggefallen seien. Seitdem seien die Strukturen in der Region kontinuierlich abgebaut worden.

Bergholz hat eine kleine Orts-Chronik über die Zeit nach 1989 geschrieben und interessiert sich deshalb für die Veranstaltung der Forscher. Mittlerweile beobachtet Bergholz, dass die ersten Kinder von Nachbarn zurückkehren, um im Ort Familien zu gründen.

Vergeudete Zeit im Schulbus

Der Bürgermeister Siegfried Frenzel von der Gemeinde Rabenstein/Fläming, zu der auch Garrey gehört, sagt: „Wir haben hier wenige Einwohner, aber riesige Flächen, die müssen wir alle vorhalten. Die finanzielle Zuweisung pro Kopf ist dafür viel zu gering“.

Anke Frenzel wünscht sich dringend eine Dorfschule. Für einen Schulweg von sieben Kilometern müsse ihr Sohn pro Strecke 45 Minuten im Schulbus sitzen, weil alle Dörfer der Reihe nach abgeklappert werden. Das sei vergeudete Zeit für ein Dorfkind.

Eine Kritik an der Dorfkinder-Kampagne ist auch hier vor Ort, dass sie die Verantwortlichkeiten verkehrt. Nicht die Menschen vor Ort müssten sich kreative Lösungen für fehlende Infrastruktur oder eine unzureichende medizinische Versorgung einfallen lassen – sondern die Politik müsse ordentliche Strukturmaßnahmen in ländlichen Regionen fördern.

Während diese Diskussionen am Abend noch in vollem Gang sind, tagt 90 Kilometer entfernt das Zukunftsforum von Landwirtschaftsministerin Klöckner, eine Konferenz zur ländlichen Entwicklung - laut Ministerium ist es größte nationale Forum für die ländlichen Räume.

Maßnahmen zur Entwicklung und gezielten Stärkung von Dörfern sollen erarbeitet werden. Die Konferenz findet auf dem Messegelände in Berlin statt, bei der Grünen Woche. Dabei wäre das Forum wohl besser bei den Menschen vor Ort aufgehoben – im Dialog in Garrey.

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