• Ausbreitung der Covid-19-Pandemie in Berlin: Kliniken lockern Quarantäne-Regeln für Ärzte
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Ausbreitung der Covid-19-Pandemie in Berlin : Kliniken lockern Quarantäne-Regeln für Ärzte

Mehrere Kliniken lockern ihre Quarantäne-Empfehlungen, um die medizinische Versorgung weiter zu gewährleisten, wie eine Tagesspiegel-Umfrage zeigt.

Eine Charité-Mitarbeiterin führt einen Virustest durch.
Eine Charité-Mitarbeiterin führt einen Virustest durch.Foto: REUTERS/Axel Schmidt

In Berliner Kliniken sollen Mitarbeiter auch dann weiter Patienten versorgen können, wenn sie vorher Kontakt mit Menschen hatten, die mit dem Coronavirus infiziert sind. Unter dem zunehmenden Druck, ausreichend Personal bereitzuhaben, um dem erwarteten Patientenansturm gerecht zu werden, weichen Krankenhäuser von der Empfehlung des Robert-Koch-Institutes ab.

Bei ersten Symptomen erfolgt ein Test

Diese beinhalten eine 14-tägige Quarantäne für Personal, das ungeschützten Kontakt mit infizierten Patienten hatte. Das zeigt eine Umfrage des Tagesspiegels unter Kliniken der Stadt vom Freitag. So darf das Personal in den neun zum Vivantes-Konzern gehörenden Berliner Krankenhäusern nach einem Kontakt mit infizierten Patienten weiterarbeiten, solange sie keine Erkrankungssymptome zeigen.

„Allerdings nur mit entsprechender Schutzausrüstung und engem persönlichen Monitoring der eigenen Gesundheit“, sagt die Pressesprecherin des landeseigenen Konzerns, Kristina Tschenett. „Bei den ersten Krankheitssymptomen erfolgt ein Test in eigens für unsere Mitarbeiter eingerichteten Abstrichstellen, um Covid-19 auszuschließen.“ Sollte der Test positiv sein, folge eine 14-tägige Quarantäne.


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Zu dieser Regelung stünden die Hygieneexperten des Konzerns in engem fachlichen Austausch mit den Hygienikern anderer Berliner Kliniken und bundesweit. Tatsächlich kann eine Quarantäne beträchtliche Lücken ins Versorgungssystem reißen.Derzeit befindet sich allein bei den Vivantes-Kliniken „eine mittlere zweistellige Zahl von Ärzten und Ärztinnen in Quarantäne“, sagt Tschenett. 

Der Konzern geht mit dieser Regel aber auch ein Risiko ein, denn das könnte bedeuten, dass möglicherweise infiziertes Personal – nur mit Schutzausrüstung – weiter mit Patienten zu tun hat.

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Da der Test erst erfolgen soll, wenn sich Symptome zeigen, bleibt wegen der langen Inkubationszeit tagelang unklar, ob durch den Patientenkontakt eine Infektion stattfand. Als kürzlich bekannt wurde, dass der Bremer Klinikkonzern „Gesundheit Nord“ noch weiter gehend plant, infiziertes Personal ohne Symptome mit Schutzkleidung weiter für die Patientenversorgung einzusetzen, löste das in Bremen heftige Diskussionen von Befürwortern und Kritikern aus.

Schnell wäre sonst die Gesundheitsversorgung lahmgelegt

So sagte die Bremer Ärztekammerpräsidentin Heidrun Gitte dem „Weserkurier“, dass eine solche Regelung „nicht nur vertretbar, sondern sogar geboten“ sei. „Wenn man dann alle Betroffenen und ihre Kontaktpersonen unter Quarantäne stellt, ist die Gesundheitsversorgung schnell lahmgelegt.“

Andere Berliner Krankenhäuser, zum Beispiel das Immanuel Krankenhaus Berlin, das Bundeswehrkrankenhaus Berlin und das Helios-Klinikum Emil von Behring in Zehlendorf, befolgen derzeit weiter die Regeln entsprechend der Empfehlungen des Robert Koch Institutes.

Diese Regel werde aber täglich neu bewertet. „Wir halten uns derzeit an die Empfehlungen des RKI, melden infizierte Mitarbeiter und stimmen uns mit dem Gesundheitsamt ab“, sagt Christoph Kolbe, Pressesprecher des Helios Klinikum Emil von Behring. Das Sankt Gertraudenkrankenhaus in Wilmersdorf verweist auf die zuständige Amtsärztin, die die Quarantäneregeln festlege. Mit ihr sei das Krankenhaus in enger Abstimmung.

Noch sei die Zahl der Ärzte in Quarantäne überschaubar

„Das Krankenhaus Bethel Berlin hat die Quarantäneregeln nicht gelockert“, sagt Kliniksprecher Sebastian Peters. Mitarbeiter mit Erstkontakt zu positiv auf Covid-19 getesteten Patienten müssten zu Hause bleiben und könnten nach negativer Testung wieder den Dienst antreten. „Es steht in der Klinik aktuell nicht zur Debatte, dass symptomfreie Mitarbeitende nach Erstkontakt mit Mundschutz bei uns arbeiten dürfen.“ 

Das liegt möglicherweise auch an der bis dato niedrigen Zahl von Betroffenen. Am Freitag befanden sich drei Mitarbeiter der Klinik in häuslicher Quarantäne und erwarteten ihre Testergebnisse. Bislang seien sämtliche Testungen der Mitarbeiter und Patienten des Krankenhauses negativ gewesen, sagt der Sprecher. 

Auch in den DRK-Klinken Berlin, die drei Standorte in der Stadt betreiben, sei die Zahl der von Quarantäne Betroffenen noch relativ überschaubar. Man halte sich weiterhin an die RKI-Empfehlungen in enger Abstimmung mit den Amtsärzten, sagt die Sprecherin der Klinikgruppe, Romina Rochow. „Aber die starre 14-Tage-Regel stellt uns zunehmend vor Probleme.“ Das RKI müsse jetzt über neue Quarantäne-Empfehlungen für medizinisches Personal entscheiden, die dem Arbeitsalltag in den Krankenhäusern, die sich auf einen Patientenansturm vorbereiten müssten, besser entsprechen.

Das RKI ändert Empfehlungen bei Personalengpässen

Das RKI hat seine Empfehlungen für medizinisches Personal mittlerweile auf Situationen angepasst, in denen der Personalengpass in einer Klinik so groß ist, dass „die adäquate Versorgung der Patienten nicht mehr möglich“ ist. Dann gilt: Hatte das Personal ungeschützten Kontakt zu einem infizierten Patienten, könne es weiterarbeiten, solange es keine Symptome einer Erkrankung mit Covid-19 zeige. Allerdings sollten die Betroffenen "wenn möglich" nicht schwerkranke Patienten versorgen. In diesen zwei Wochen sollen die Mitarbeiter ihren Gesundheitszustand selbst beobachten und dokumentieren. „Beim Auftreten von Symptomen“ soll es eine „umgehende Testung“ auf das Coronavirus geben. Also im Prinzip so, wie es unter anderen die Vivantes-Kliniken derzeit praktizieren. 

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