Autofreie Zonen in Berlin : Unterstützer für Spielstraße in Prenzlauer Berg gesucht

Die erste temporäre Spielstraße in Kreuzberg gibt es schon. Ein Berliner Bündnis will die zweite im Prenzlauer Berg.

Sabine Hölper
Die Böckhstraße in Kreuzberg ist Berlins erste temporäre Spielstraße, immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr. Weitere sollen folgen.
Die Böckhstraße in Kreuzberg ist Berlins erste temporäre Spielstraße, immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr. Weitere sollen folgen.Foto: Jörg Carstensen/dpa

So hat man die Böckhstraße in Kreuzberg noch nie erlebt. Auf dem Abschnitt zwischen Grimm- und Gräfestraße rollen an diesem Nachmittag Bälle über den Asphalt und das ein oder andere Bobbycar. Für Autos hingegen ist die Durchfahrt gesperrt. Vier Stunden lang, von 14 und 18 Uhr, spielen Kinder mitten auf der Straße. Begeisterte Mütter schauen zu.

Der 7. August war der Auftakt für ein Projekt, das in Zukunft hoffentlich viele Nachahmer finden wird: Die erste temporäre Spielstraße Berlins wurde eröffnet. Bis Ende September wird die Böckhstraße seither jeden Mittwochnachmittag zwischen 14 und 18 Uhr für Autos gesperrt und für Kinder freigegeben.

Geht es nach Verkehrssenatorin Regine Günther, die beim Starttermin anwesend war, soll die Spielstraße im nächsten Jahr weitergeführt werden, an jedem Mittwoch zwischen Anfang April und Ende September. Vor allem aber soll sie als „Vorbild“ dienen für viele weitere temporäre autofreie Zonen in der Stadt. „Ich wünsche mir mehr als eine temporäre Spielstraße pro Bezirk“, sagt sie.

Cornelia Dittrich vom Berliner Bündnis „Temporäre Spielstraßen“ kann sich gar zehn bis 20 solcher Straßen in jedem Berliner Bezirk vorstellen. „Das Projekt spricht ja nicht nur Kinder an, im Grunde handelt es sich auch weniger um eine Spiel- als vielmehr um eine Nachbarschaftsstraße“, sagt sie. „Menschen jeden Alters sollen sich an den autofreien Abschnitten erfreuen.“

Fehlende, kaputte oder gesperrte Spielplätze – das sind die Hauptgründe, warum die dreifache Mutter Dittrich und andere Ehrenamtliche seit Jahren dafür kämpfen, dass sich die Anwohner die Straßen ein Stück weit für ihre Bedürfnisse zurückerobern. Kritiker entgegnen, dass dies mit den „Verkehrsberuhigten Bereichen“, die seit vielen Jahren Kinderspiele auf der Straße erlauben und Autos Schrittgeschwindigkeit vorschreiben, längst umgesetzt wurde.

Bei hohem Verkehrsdruck reicht Schrittgeschwindigkeit nicht

Laut Dittrich hat sich diese Maßnahme bei Straßen mit hohem Verkehrsdruck jedoch als ungeeignet erwiesen. „Damit man die Straße ungestört bespielen kann, muss sie für den Verkehr komplett gesperrt und durch physische Absperrungen gesichert sein.“ Dafür brauche es die Spielstraße.

Bereits 2008 setzte sich Dittrich für einen zumindest teilweise autofreien Platz rund um die Gethsemanekirche ein. Sie fand viele Unterstützer, „aber die Gegner waren lauter“, sagt sie. Das Vorhaben scheiterte. Dittrich gab dennoch nicht auf. Einige Jahre später startete sie einen neuen Versuch, ein Stückchen weiter nördlich, in der Gudvanger Straße.

Anfang 2015 sah es danach aus, als hätten die Befürworter endlich Erfolg. Die Bezirksverordnetenversammlung Pankow beschloss, das Pilotprojekt „Temporäre Spielstraße“ durchzuführen. An einem Nachmittag pro Woche wurde ein Teil der Straße für den Autoverkehr gesperrt.

Pilotprojekt einer Spielstraße nach kurzer Zeit abgebrochen

Doch der Versuch wurde nach wenigen Wochen abgebrochen, es folgte eine bis 2017 dauernde „juristische Odyssee“, sagt Dittrich, welche mit einem Kompromiss endete: Nur noch einmal im Monat sollte der Straßenabschnitt für vier Stunden zum Spielen freigegeben werden. Aber selbst das wurde nicht umgesetzt. Schon zweimal, im Mai und im Juni dieses Jahres, protestierte die Nachbarschaft daraufhin.

Noch bis vor zwei Wochen plante das Bündnis mit vielen ehrenamtlichen Helfern am 25. September eine weitere Demonstration. Doch Ende August lenkte der Stadtrat plötzlich ein – möglicherweise von der Spielstraße im Gräfekiez und den positiven Reaktionen darauf beeinflusst. Auch dort war im Vorfeld im Übrigen das Engagement der Bewohner gefordert.

Eine Initiative von Kinder- und Schülerläden, Schulen und Jugendeinrichtungen rief im Frühsommer 2018 zu insgesamt vier Spielstraßendemos auf. Zudem sammelte sie mehr als 1000 Unterschriften. Ihre Abstimmung hat letztlich gewirkt. Nun gibt es hier ein für Berlin ganz neues Verkehrsschild. Unter dem runden „Durchfahrt verboten“-Zeichen hängt ein viereckiges Schild, das ein Kind mit einem Ball zeigt. Wiederum darunter belehrt ein weiteres Schild: „01.04.– 30.09. Mittwochs 14 – 18 h“.

In Bremen gibt es temporäre Spielstraßen bereits seit zehn Jahren

Bekannt ist das Schild aus Bremen, wo es temporäre Spielstraßen seit zehn Jahren gibt. Das europaweit bemerkenswerteste Beispiel aber kommt aus London. In dem östlich gelegenen Stadtteil Hackney wurden innerhalb von drei Jahren mehr als einhundert temporäre Spielstraßen geschaffen.

Es ist nicht davon auszugehen, dass es in Berlin ähnlich ablaufen wird. Der politische Wille – und der ist laut Verkehrssenatorin Günther Voraussetzung – ist hier noch nicht so deutlich erkennbar. Aber auch die Straßenverkehrsordnung erweist sich noch als Hürde. Auch Günther sagt deshalb, dass „Straßen nicht so einfach gesperrt werden können“.

Dennoch: Der Anfang ist gemacht – mit der Böckhstraße. Und mit der Gudvanger Straße, die ab Frühjahr 2020 jeden ersten Mittwoch im Monat zwischen 14 und 18 Uhr zum Spielen freigegeben werden soll. Wer bei den Vorbereitungen dazu und später bei der Durchführung ehrenamtliche Unterstützung leisten will, ist am 25. September um 17 Uhr vor dem (bei schlechtem Wetter: im) Kinderladen Libelle in der Gudvanger Straße Ecke Erich-Weinert-Straße willkommen. Das Bündnis „Temporäre Spielstraßen“ ist anwesend und freut sich über freiwillige Helfer.

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