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Bau-Chaos an Berliner U-Bahnhöfen : Warum die neuen Fahrstühle so lange auf sich warten lassen

Alle U-Bahnhöfe sollen bis 2022 barrierefrei sein. Bei mindestens neun Stationen wird die BVG das nicht schaffen.

Zumindest am Viktoria-Luise-Platz wurde der Aufzug nach zwei Jahren fertig.
Zumindest am Viktoria-Luise-Platz wurde der Aufzug nach zwei Jahren fertig.Foto: Jörn Hasselmann

Die BVG wird das Ziel verfehlen, bis Anfang 2022 alle U-Bahnhöfe barrierefrei zu machen. Dies teilten die Berliner Verkehrsbetriebe auf Anfrage des Tagesspiegels mit. Auf mehreren, besonders komplizierten Bahnhöfen wurde mit dem Einbau von Aufzügen noch nicht einmal begonnen.

Auf zahlreichen anderen Stationen werden geplante Eröffnungstermine um Jahre gerissen. Von den 173 Stationen haben derzeit 123 einen Aufzug. Acht weitere Stationen an der U5 haben Rampen aus DDR-Zeiten, die als barrierefrei gelten. Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass im öffentlichen Personennahverkehr ab 1. Januar 2022 „eine vollständige Barrierefreiheit zu erreichen ist“.

Wie viele Bahnhöfe nicht pünktlich einen Aufzug bekommen, wollte die BVG nicht sagen. Nach Angaben der Verkehrsverwaltung sind es diese neun Bahnhöfe: Deutsche Oper (U2), Borsigwerke (U6), Holzhauser Straße (U6)Platz der Luftbrücke (U6), Möckernbrücke (U7), Mierendorffplatz (U7), Paulsternstr. (U7), Franz-Neumann-Platz (U8) und Schönleinstraße (U8). Derzeit seien nach BVG-Angaben 15 Aufzüge im Bau, für weitere fünf werden die Vergaben vorbereitet. Teilweise liegen noch nicht einmal Baugenehmigungen vor.

Auch Eröffnungsdaten will die BVG nur noch nennen, wenn der Rohbau fertig ist – zu oft hat man kurz nach Baubeginn böse Überraschungen erlebt. Dafür gibt es eine Fülle von Beispielen. Zahlreiche Leser haben sich beim Tagesspiegel darüber beklagt, dass an „ihrer“ Station nichts passiert, Treppen gesperrt sind, keine Arbeiter zu sehen sind, Aufzüge nicht fertig werden.

Bemerkenswert sind die Pannen zum Beispiel an der Schönleinstraße in Neukölln (Linie U8), die mittlerweile zum Schandfleck im U-Bahn-Netz geworden ist. Bei der Vorbereitung des Aufzugs stellte sich heraus, dass die Station komplett baufällig ist. Vor einem Jahr nannte die BVG das Jahr 2023 für die Fertigstellung, nun soll es erst 2024 soweit sein. Begonnen wurde noch nicht. Währenddessen verwahrlost die Station immer stärker.

Aufzug an der U4 endlich fertig

Am Viktoria-Luise-Platz (U4) wurden 2018 völlig verrostete Stützen am Ort des geplanten Aufzuges entdeckt. Monatelang wurde die Statik prüft, die Arbeiten ruhten. Die Anlage war seit Wochen optisch fertig, fuhr aber nicht, weil sich laut einer BVG-Sprecherin die offizielle Abnahme verzögerte. Seit vergangenem Mittwoch fährt der Fahrstuhl nun endlich, nach fast zwei Jahren. Mehrfach hatten Senat und BVG neue Eröffnungstermine genannt.

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Am wichtigen Umsteigebahnhof Spichernstraße (U3/U9) kalkuliert die BVG für den Einbau des Aufzugs zwei Jahre und zwei Monate ein. Noch bis Ende Mai – wenn denn der Zeitplan eingehalten wird – müssen Fahrgäste beim Umsteigen zwischen U3 und U9 einen mehrere hundert Meter langen Umweg laufen, und zwar oberirdisch. Der direkte Weg ist gesperrt.

Bauzeit für einen Fahrstuhl beträgt oft zwei Jahre

Zwei Jahre für den Bau eines Aufzugs sind keine Ausnahme, sondern eher der Normalfall. Auch am Halemweg (U7) sollte nach Senatsangaben der Aufzug 2018 fertig sein. Im Sommer des Jahres hatte der Tagesspiegel bereits von einer „nicht enden wollenden Baustelle“ berichtet.

Tatsächlich ist der Bahnhof in Charlottenburg Nord immer noch nicht fertig. Laut BVG wird seit April 2017 gebaut, der Aufzug ist seit August 2019 in Betrieb. Ende 2021 soll die erst 1980 eröffnete Station ganz fertig sein – Bauzeit knapp fünf Jahre. Dann hat Halemweg einen zweiten Ausgang. Am Friedrich-Wilhelm-Platz wird mittlerweile drei Jahre gebaut, hier habe es Verzögerungen durch umfangreiche Schadstoffsanierungen gegeben. Ein Anwohner hatte von längeren Baustopps berichtet. Dies dementierte die BVG.

Von hübsch bis hässlich: Berlins U-Bahnhöfe
Rund 600 Schülerinnen und Schüler aus der Gropiusstadt haben vor knapp zehn Jahren diese Fliesen im U-Bahnhof Wutzkyallee gestaltet. Es befindet sich noch ein weiteres Mosaik im Bahnhof. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Berlin-Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 123Foto: Elvira Volckmann
01.02.2021 17:30Rund 600 Schülerinnen und Schüler aus der Gropiusstadt haben vor knapp zehn Jahren diese Fliesen im U-Bahnhof Wutzkyallee...

Prominenteste Dauerbaustelle ist natürlich der Wittenbergplatz. Jahrelang sanierte die BVG die Tunneldecken vor und hinter der Station, seit März 2018 ist das denkmalgeschützte Empfangsgebäude hinter Baugerüsten vollständig verborgen. Es wird die Natursteinfassade saniert. „Sollte kein extremer Wintereinbruch erfolgen, sind wir Mitte 2020 fertig“, sagte ein BVG-Sprecher dem Tagesspiegel.

Vier Jahre Bauzeit für einfache Treppen

Nicht nur Aufzüge dauern Jahre, selbst einfach erscheinende Treppen. Ein Leser schickte ein Foto vom Franz-Neumann-Platz. Dort saniert die BVG eine Treppe, und zwar „vom 16.12.2016 bis voraussichtlich Sommer 2020“, wie ein Schild verkündet. Dies sei richtig, bestätigte ein BVG-Sprecher.

„Im Zuge der Sanierung wurden an vielen Bauteilen Schäden entdeckt“, der Zeitplan musste mehrfach nach hinten geschoben werden. An der Sanierung der teilweise über 100 Jahre alten Bahnhöfe sind neben der Bauabteilung der BVG auch externe Büros beteiligt.

So sah es September 2019 am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg aus.
So sah es September 2019 am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg aus.Foto: Jörn Hasselmann

Schon jetzt sicher: Vier Stationen werden bis 2022 ohne Aufzug sein

Eigentlich sollten alle Bahnhöfe bis 2020 barrierefrei sein, diesen Auftrag hatte der SPD-CDU-Senat der BVG einmal erteilt. Dass zwei Bahnhöfe auf der U6 erst so spät fertig werden, liegt daran:

Die U6 wird ab April 2021 für 20 Monate zwischen Tegel und Kurt-Schumacher-Platz komplett gesperrt, weil der Bahndamm ins Rutschen gekommen ist. Erst bei dieser Generalsanierung werden Aufzüge eingebaut. Konsequenzen werden diese Verstöße gegen das Personenbeförderungsgesetz nicht haben. Die Frist 2022 gilt nicht, wenn die „Ausnahmen konkret benannt und begründet werden“. Millionenstrafen drohen der BVG deshalb nicht.

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