Bau in der Hasenheide : Berlins Hindu-Tempel soll bis Ende 2019 fertig werden

In der Hasenheide entsteht der zweitgrößte Hindu-Tempel Europas. Er soll ein Stück Heimat nach Neukölln holen. Ein Besuch beim Glücksgott auf der Baustelle.

Bisher hat Vilwanathan Krishnamurthy 250 000 Euro an Spenden gesammelt. Es soll der zweitgrößte Hindu-Tempel Europas werden.
Bisher hat Vilwanathan Krishnamurthy 250 000 Euro an Spenden gesammelt. Es soll der zweitgrößte Hindu-Tempel Europas werden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nur wenige Gehminuten vom Hermannplatz entfernt scheint er golden durch die kahlen Bäume gegenüber dem U-Bahnhof-Ausgang: der Turm des Sri-Ganesha-Tempels in der Hasenheide. Beim Näherkommen sieht man dann den Bauzaun, der den unteren Bereich umgibt. Denn noch wird hier gebaut – und das schon seit mehr als zehn Jahren.

Vor dem Zaun steht Vilwanathan Krishnamurthy und unterhält sich mit zwei Passanten. „Als ich ihnen erzählt habe, dass wir Ende 2019 mit dem Bau fertig werden möchten, haben sie gesagt, dass wir uns nicht stressen dürfen, schließlich sei es wichtiger, guten Dingen Zeit zu geben“, erzählt er wenig später, während er die Tür zum Gelände aufschließt. Ein kurzer Weg über den kargen Rasen und man befindet sich direkt vor dem ersten Teil des Ganesha-Tempels. „Das ist der Vorraum mit dem hohen Turm, der eigentliche Gebetssaal schließt sich an“, erklärt Krishnamurthy – wenn er mal fertig ist, soll es laut Planung der zweitgrößte Hindu-Tempel Europas sein. Mehr als 180 Gläubige sollen darin Platz zum Beten finden.

Eigentlich wollte er nur zwei Jahren bleiben

Vilwanathan Krishnamurthy tritt ein, Baumaterialien liegen auf dem Boden, auch Türen gibt es bisher nicht, nur die dafür vorgesehenen Aussparungen. Er geht weiter in den unverputzten zentralen Abschnitt des Baus. Dieser Teil hat noch nicht mal ein Dach. „Im Hinduismus glaubt man an eine Mitte, in der alle Energien zusammenfließen, deshalb kommt hier der Altar hin“, sagt der Mittsechziger und zeigt auf ein angedeutetes Viereck auf dem Boden.

Vor 43 Jahren kam der Hindu als Gastarbeiter für den Elektrokonzern AEG aus Indien nach Berlin. Zwei Jahre wollte er bleiben. Dann bot ihm seine Firma eine Verlängerung an, die er annahm. Er heiratete. Seine Kinder sind in Berlin aufgewachsen. Bei AEG arbeitet er schon lange nicht mehr. Inzwischen ist er sozialpädagogischer Familien- und Jugendberater – und nebenbei eben Bauherr.

„Als klar war, dass wir in Berlin bleiben, wollten wir einen festen Ort für unseren Glauben errichten“, sagt Krishnamurthy. 2004 gründete er gemeinsam mit anderen Hindus die Initiative „Sri Ganesha Hindu Tempel“, seit der Eintragung des gleichnamigen Vereins ein Jahr später ist er einer der Vorsitzenden und begleitet den Bau des Tempels. Dass sich alles so lange hinziehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. „Wir finanzieren unseren Tempel auch über Spenden aus Indien. Durch die Wirtschaftskrise 2010 waren viele indische Unternehmen in finanzieller Not, sodass wir weniger Gelder bekamen“, erklärt er. Mehr als 250.000 Euro habe das Projekt bisher gekostet, mindestens das Doppelte werde bis zur Fertigstellung noch gebraucht.

Eine "interkulturelle religiöse Begegnungsstätte" ist geplant

Auch von baulicher Seite lief nicht alles glatt, so mussten die Bauarbeiter für das Fundament doppelt so tief bohren wie geplant, da der Boden zu weich war. Außerdem arbeiten die teilweise aus Indien kommenden Fachkräfte nur in den Sommermonaten. „Die indischen Kollegen haben mehr Erfahrung im Tempelbau als Deutsche und machen die feinen, filigranen Arbeiten. Allerdings ist es im Winter zu kalt, um in 17 Meter Höhe stundenlang zu arbeiten“, erklärt Vilwanathan Krishnamurthy und zeigt auf die unzähligen Götterfiguren, die den goldenen Turm des Tempels zieren – Ganesha ist natürlich auch abgebildet: runder Bauch, ein Elefantenkopf. „In Deutschland gehört er zu den beliebtesten indischen Gottheiten, er sieht lustig aus und steht für Glück, deshalb haben wir uns für ihn entschieden“, sagt Krishnamurthy.

Ein Ort nur für Hindus soll der Tempel nämlich nicht sein. „Wir wollen eine interkulturelle religiöse Begegnungsstätte sein, die Menschen dabei hilft, ihren Seelenfrieden zu finden. Jeder kann kommen, egal welche Religion er oder sie hat, sie können auch gar keine haben“, erklärt Krishnamurthy. Deshalb seien auch Tanz- und Meditationskurse geplant. Bereits jetzt veranstaltet der Verein ein kleines Kulturprogramm, wie Tanzvorführungen im Altersheim.

Glücksgott Ganesha steht ihnen zur Seite

Als die kleine Gruppe um Vilwanathan Krishnamurthy begann, den Tempel zu entwerfen, lebten rund 3000 Hindus in Berlin, mittlerweile sind es mehr als doppelt so viele. „Immer mehr Softwareentwickler und Ingenieure aus Indien kommen nach Deutschland und vor allem nach Berlin, dadurch wächst auch unsere Gemeinschaft“, sagt Krishnamurthy.

Als Teil der Hasenheide befindet sich die Hindu-Gemeinde in illustrer Gesellschaft: Ein Minigolfplatz und ein kleiner Zoo sind in unmittelbarer Nähe, auch die Kneipe „Hasenschänke“ ist nicht weit weg. Wer es ruhiger mag, kann in dem Park an Seen und Wiesen vorbeispazieren. Den Namen verdankt die Hasenheide übrigens dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der ihn im 17. Jahrhundert als Hasengehege bauen ließ. Unter dem Einfluss Friedrich Ludwig Jahn – besser bekannt als „Turnvater Jahn“ – wurde aus der Hasenheide Anfang des 19. Jahrhunderts der erste Turnplatz Preußens.

Eine schöne Geschichte hat die Umgebung also, in die der Tempel gebaut wird. Allerdings fällt die Gegend auch immer wieder negativ auf – etwa als Drogenumschlagplatz. Beirren lässt sich Vilwanathan Krishnamurthy davon aber nicht. „Vor zehn Jahren war das schlimmer“, sagt er. „Mittlerweile leben so viele junge, kreative Menschen in Neukölln, dass sich die Atmosphäre geändert hat, der Park ist sicherer geworden.“

Ob der Tempel noch in diesem Jahr fertig wird, kann Krishnamurthy nicht sagen. Immerhin haben sie mit Ganesha einen Glücksgott an ihrer Seite, der außerdem auch für Geduld steht – und eine lange Bauzeit zeigt ja auch, wie gut das Gebetshaus nach Berlin passt.

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