Belästigung bei der Wohnungssuche in Berlin : „Wie lange bist du schon Single?“

Wer in Berlin eine Wohnung sucht, muss viele persönliche Informationen preisgeben. Gerade junge Frauen bekommen dabei anzügliche Angebote.

Joana Nietfeld
Auf dem Berliner Wohnungsmarkt werden verzweifelt Suchende ausgenutzt.
Auf dem Berliner Wohnungsmarkt werden verzweifelt Suchende ausgenutzt.Foto: Paul Zinken/dpa

Architekt (52) sucht Frau zwischen 25 und 50 Jahren, berufstätig, humorvoll, sympathisch und ungebunden. Das steht so auf WG-Gesucht, der Plattform, auf der in Berlin Tausende nach Zimmer, Wohnung, kurz: einem Zuhause suchen. „Berlin ist die beliebteste Stadt auf WG-Gesucht.de. Dort werden die meisten Anzeigen inseriert. Aktuell wird im Schnitt alle drei Minuten ein Angebot in Berlin hochgeladen“, sagt WG-Gesucht.de-Pressesprecherin Annegret Mülbaier.

Klingt erst mal nach einer großen Auswahl, doch es gibt viel mehr Suchende als Anbieter. Im Schnitt erhalte ein Angebot auf WG-Gesucht 39 Anfragen. Diese variieren jedoch in Abhängigkeit von der Attraktivität des Angebots stark. „Ein günstiges Zimmer in einem beliebten Stadtteil kann mehrere Hundert Anfragen erhalten“, berichtet Mülbaier.

Anna ist 19 und wird ab Oktober in Berlin studieren. Vor einigen Tagen ist sie von Augsburg in die Hauptstadt gefahren, um ein WG-Zimmer zu suchen. Vorher hat sie ein Gesuch auf der Plattform hochgeladen. Über dieses Profil können Anbieter sie direkt kontaktieren. Anna hat darauf einige Fotos von sich und ihre Vorstellungen über das Zusammenleben in der Wohngemeinschaft gestellt.

Mit dabei steht auch ihre Handynummer. Alle angemeldeten Nutzer können sie sehen und Anna einfach anrufen. Dafür müssen sie sich bloß mit einer E-Mailadresse identifiziert haben und an eine E-Mailadresse kommt jeder, im Zweifel auch an mehrere. Anna sagt, sie habe einfach gehofft, dass die Suche mit der öffentlichen Nummer schneller gehe. Sie wohnt in Berlin bei Freunden ihrer Eltern und will jetzt schleunigst etwas Eigenes finden.

Doch die ersten Nachrichten, die ihr zugeschickt werden, enthalten nicht den erhofften Inhalt: Lucas kontaktierte sie per Whatsapp.

Miese Anmache. So wird die Not von WG-Suchenden ausgenutzt.
Miese Anmache. So wird die Not von WG-Suchenden ausgenutzt.Screenshot: privat

Er schreibt gar nichts über die angebotene Wohnung, sondern bloß, dass er sie hübsch finde und sie gerne auf ein Date ausführen würde. Dann fragt er, ob sie Single und was für ein Beziehungstyp sie sei. Der nächste Mann bietet ihr ein Apartment in Potsdam an. Das lehnt Anna ab. Daraufhin will er sie ausführen, zum Shoppen: „Du suchst dir was aus und ich bezahle …“, schreibt er. Sie erhält in zwei Tagen zwölf Angebote, vier davon anzüglich, sagt sie.

„Uns sind keine Fälle bekannt, bei denen es zu einer erfolgreichen Vermittlung solcher unseriösen Anzeigen gekommen ist“, sagt Mülbaier. Auf WG-Gesucht.de würden pro Monat bis zu 240.000 Anzeigen inseriert. „In den vergangenen 30 Tagen mussten wir neun solcher Anzeigen löschen.“

Vorsicht ist geboten

Vorsicht sei dennoch geboten: Zum Beispiel, wenn im Anzeigentext davon die Rede sei, dass die Miete „Verhandlungssache“ sei oder nur die Nebenkosten gezahlt werden müssten, sagt Mülbaier. Allerdings gebe es Angebote der Art „Wohnen für Hilfe“. „Bei diesem Projekt leben Studenten oder Auszubildende mit Menschen, die Hilfe benötigen, in einer Wohngemeinschaft zusammen und zahlen dafür weniger Miete.“ Allerdings würden Hilfeleistungen dann im Anzeigentext detailliert aufgeführt und die geringen Kosten dadurch erklärt werden, so Mülbaier.

Doch auch diese Angebote klingen, als könnten sie Menschen auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt in unangenehme Situationen bringen. Denn wo es keine Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten gibt, finden sich Betroffene häufig in besonderen Abhängigkeitsverhältnissen wieder.

Annas Beispiel ist wahrscheinlich nur ein kleiner Ausschnitt eines viel größeren Problems: Die Wohnungssuchenden sehen ihr Grundbedürfnis nach Wohnraum und Schutz gefährdet und sind daher besonders manipulierbar. „Erst mal hört sich das oft harmlos an und weil man ja dringend ein Zuhause sucht, geht man auf so vieles ein", sagt sie.

Suchende müssen sehr viel preisgeben

Es sei fatal, dass Wohnungssuchende angehalten seien, möglichst viele Informationen von sich preiszugeben, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes (DMB). Rechtlich seien sie weder dazu verpflichtet, Schufa-Auskünfte noch Handynummern anzugeben. „Wir bewegen uns in einem Dilemma, wenn von 100 Suchenden 95 diese Angaben machen und die restlichen fünf keine Chance haben.“ Ropertz’ Forderung ist, dass es Anbieterseiten wie WG-Gesucht verboten wird, persönliche Informationen wie Handynummern entgegenzunehmen.

[In unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken befassen wir uns regelmäßig unter anderem mit Wohnungspolitik. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Sobald der Kontakt außerhalb des Systems, also zum Beispiel über Whatsapp stattfindet, kann WG-Gesucht die Nutzer nicht mehr zurückverfolgen. „Daher empfehlen wir, über unser internes Nachrichtensystem zu kommunizieren. Sollte es dort zu einer Belästigung kommen, können wir dies für Ermittlungen der Polizei dokumentieren und die verwendete IP zur Verfügung stellen“, erklärt Mülbaier.

Das Portal hat zwar in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen den Passus verankert: „Die Verwendung von anstößigen Inhalten, doppeldeutiger Bezeichnungen, Aufrufe zu sexuellen Handlungen gleich welcher Art ist untersagt.“

Doch in dem Inserat des eingangs erwähnten Architekten sieht das Portal seine Geschäftsbedingungen nicht verletzt. Auf Nachfrage meldet WG-Gesucht zurück: „Der Anbieter der Anzeige ist seit Januar 2019 auf unserer Plattform registriert und bisher liegen uns keine Beschwerden vor.“

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!