Berlin-Buch : Traumverloren in Sanssouci

Befremdlich und betörend: Der Berliner Fotograf Leo Seidel zeigt Berliner und Brandenburger Schlösser mit Hilfe raffinierter Polaroid-Technik

Anrührend. Die Lykomedesgruppe während der Restaurierungen im Neuen Palais von Sanssouci.
Anrührend. Die Lykomedesgruppe während der Restaurierungen im Neuen Palais von Sanssouci.Leo Speidel/Edition Baus

Die Pracht der Berliner und Brandenburger Schlösser und Gärten füllt zahlreiche Bildbände, präsentiert sich in Broschüren und auf Postkarten. Alles wunderbar, aber altbekannt. Und dann blättert man in Leo Seidels Fotobuch „Traumsequenzen. Polaroidarbeiten“ [Edition Braus, Berlin. 128 Seiten, 24,95 Euro] und blickt verblüfft auf das Neue Palais, das Chinesische Haus oder ins Malachitzimmer im Park Sanssouci. In konturlosem Schwarz-Weiß wirken die Orte verwunschen, ein bisschen verloren gar. Das Schlafzimmer des Kronprinzenpaares mutet durch die leicht verwaschenen Farben schäbig an, dicke Vorhänge vor den Fenstern verdüstern den Gartensaal, zwei Männer im Blaumann nehmen Schloss Rheinsbergs Muschelsaal alles Majestätische.

Alte Pracht, perdü. Leo Seidels spezielle Technik hinterfragt das Königliche in diesem Salon.
Alte Pracht, perdü. Leo Seidels spezielle Technik hinterfragt das Königliche in diesem Salon.Foto: Leo Seidel/Edition Braus

Wie gelingt es Leo Seidel, mit Fotos Stimmungen zu erzeugen? Der Berliner Bildkünstler nutzt alte Polaroid-Filme. Beim Entwickeln lässt er einen Teil der Entwicklerpaste auf den Negativen, sodass die Motive verfremdet werden. Das Treppenhaus im Marmorpalais etwa würde mit seinen künstlichen Grün- und Blautönen eher in ein Geisterschloss passen. Nebelschwaden umwabern das Reiterstandbild von Friedrich dem Großen. Neben dem melancholischen Foto ist im Buch die weise Erkenntnis des Monarchen gedruckt: „Wer sich an die Phantasie der Menschen wendet, wird immer den besiegen, der auf ihren Verstand einwirken will.“

Verstörendes aus den Wunderkammern

Auch Leo Seidels Stillleben lösen diffuse Gefühle aus. Es sieht aus, als hätte er in alten, verstaubten Wunderkammern gestöbert und dann seine Fundstücke verstörend neu zusammengestellt. Wachspuppen ohne Arme umtanzen ein Kruzifix, auf dem eine Katze buckelt. Ein Küken hockt auf einem Zylinderhut, ein Plüschäffchen umklammert eine üppig verzierte Tischlampe, blutrote Amaryllen schmücken einen Totenkopf. Es ist, als versinke man mehr und mehr in den Strudeln der Unterwelt. Befremdlich und betörend zugleich.

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