Berlin-Friedenau : Trainings sollen Hebammen besser vorbereiten

Durch Trainings will das Auguste-Viktoria-Krankenhaus die Situation im Kreißsaal verbessern. Dreimal im Jahr soll jede Hebamme geschult werden.

Willkommen im Leben. 1702 Babys wurden im vergangenen Jahr im Auguste-Viktoria-Krankenhaus geboren.
Willkommen im Leben. 1702 Babys wurden im vergangenen Jahr im Auguste-Viktoria-Krankenhaus geboren.Foto: Arne Dedert/dpa

Eine kritische Situation, die im Kreißsaal vorkommen kann und sofortiges Handeln nötig macht: Das Köpfchen des Babys ist deutlich zu sehen, aber die Geburt geht nicht weiter; die Schulter steckt fest. Jetzt müssen Hebammen und Ärztin genau wissen, was zu tun ist. Wichtig: Wer macht was, und wer hat was schon gemacht? Die Medizinerin gibt zunächst die Anweisung, den Tropf auszustellen, die Hebamme bestätigt, dass sie es getan hat. Dann werden weitere Schritte eingeleitet und koordiniert, damit das Baby sicher auf die Welt kommen kann.

Simulationstraining soll Kommunikation zwischen Ärzten und Hebammen verbessern

In diesem Fall ist es keine echte Geburtsszene, auch wenn die Schmerzensschreie sehr real klingen. Die Frau auf dem Bett ist selbst Hebamme mit einem umgeschnallten Babybauch. Im Kreißsaal des Auguste-Viktoria-Krankenhauses (AVK) in Friedenau, das zum Klinikkonzern Vivantes gehört, werden jetzt regelmäßig solche schwierigen Situationen in einem Simulationstraining nachgestellt, um zu sehen, wie die Kommunikation zwischen Ärzten und Hebammen sowie die Handlungsabläufe bei einem Notfall verbessert werden können.

„Die Sicherheit für Mutter und Kind steht im Vordergrund“, sagt die Chefärztin der AVK-Geburtsklinik, Mandy Mangler. Sie hat die Chef-Hebamme Claudia Rheinbay, die vor einem Jahr die Kreißsaalleitung übernommen hat, dabei unterstützt, verschiedene Dinge im Klinikalltag umzustellen. Diese kommen einerseits den werdenden Müttern und ihren Babys zugute, andererseits sollen sie den Berufsalltag der Hebammen verbessern. Ziel ist es, dass jede Hebamme drei Mal im Jahr bei den Simulationstrainings geschult wird.

Die Klinik kann sich zu den Gewinnern eines Wettbewerbs des Deutschen Hebammenverbandes zählen

Dafür gehört die Klinik jetzt zu den Gewinnern eines Wettbewerbs, den der Deutsche Hebammenverband unter dem Motto „Nachmachen erlaubt!“ ins Leben gerufen hatte. Außerdem wurden in der Klinik weitere Verbesserungen umgesetzt: Termine können online vereinbart werden, so dass nicht mehr ständig das Telefon klingelt. Und die Schwangeen werden kurz vor dem Termin durch eine SMS daran erinnert. Als kleine Anerkennung gibt es für Hebammen in Pausen, die für kurze Dienstbesprechungen genutzt werden, jetzt eine warme Suppe.

Simulation. Hebammen üben in Friedenau ihre Arbeit als Geburtshelferinnen.
Simulation. Hebammen üben in Friedenau ihre Arbeit als Geburtshelferinnen.Foto: Sigrid Kneist

Die Arbeitszufriedenheit bei den Hebammen in der AVK-Geburtsklinik sei hoch, sagt Rheinbay. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Viele Hebammen entschieden sich wegen der Arbeitsbedingungen gegen eine Anstellung in einem Krankenhaus, sagt Susanne Steppat vom deutschen Hebammenverband: „Wir haben nicht zu wenig Hebammen, aber sie haben keinen Bock mehr auf Klinik.“

Nicht einmal 40 Prozent aller rund 24 000 Hebammen in Deutschland sind in Kliniken angestellt. Knapp 1800 arbeiten freiberuflich als Beleghebammen. Von den Angestellten sind laut Steppat 70 Prozent als Teilzeitkräfte beschäftigt. 1991 habe der Abteil der Teilzeitbeschäftigten bei weniger als 30 Prozent gelegen. Zu groß seien inzwischen der Druck und die Verantwortung bei schlechten Arbeits- und Personalbedingungen, zu niedrig der Anreiz durch das Gehalt, als dass man eine volle Stelle übernehmen möchte. Der Stress sei groß. „Oft muss eine Hebamme vier bis fünf Frauen gleichzeitig betreuen“, sagt Steppat.

127,5 Geburten kommen bei den Krankenhäusern des Vivantes-Konzerns auf eine Hebamme

Bei den Krankenhäusern des Vivantes-Konzern kommen im Jahr 127,5 Geburten auf eine Hebamme. Simone Logar vom Berliner Hebammenverband sagt, dass es in dieser Beziehung große Unterschiede zwischen den Krankenhäusern in der Stadt gibt. In manchen Berliner Kliniken liege der Wert bei 190 Geburten pro Hebamme. In England beispielsweise, das in dieser Hinsicht als vorbildlich gelte, sei das Verhältnis eins zu fünfzig, sagt Steppat.

Im Auguste-Viktoria-Krankenhaus sind derzeit alle Hebammenstellen – insgesamt 20 – besetzt. 2017 kamen dort 1702 Kinder zur Welt. Bei dem anhaltenden Babyboom kommt es auch im AVK vor, dass es eng wird und alle vier Kreißsäle besetzt sind. Aber sowohl Chefärztin Mangler als auch Hebamme Rheinbay betonen, dass keine Frau, die in Wehen vor der Tür steht, einfach abgewiesen wird.

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