Berlin-Friedrichshain : Tom Tykwer schaltet sich in Holzmarkt-Streit ein

Der Filmproduzent will das "großartige Vorhaben" am Spreeufer retten, wo auch an "Babylon Berlin" gebastelt wurde. Die Vermittlung gestaltet sich schwierig.

Der Holzmarkt sieht sich in seiner Existenz bedroht.
Der Holzmarkt sieht sich in seiner Existenz bedroht.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Das geplante Vorzeige-Bauprojekt der Holzmarkt-Genossenschaft am Friedrichshainer Spreeufer ist wie berichtet stark gefährdet. Selbst nach einer fünfjährigen Vorbereitungszeit hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg noch immer kein Planungs- und Baurecht erteilt. Ähnlich wie das schon existierende Holzmarkt-Dorf an der Spree mit Cafés, Läden und einer engen Kombination von Wohnen und Arbeiten soll auch das zweite Projekt der Genossenschaft auf dem benachbarten sogenannten "Eckwert"-Areal die Chancen einer alternativen Stadtentwicklung aufzeigen.

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel hat Regisseur Tom Tykwer (Lola rennt, Berlin-Babylon) nun gefordert, das "großartige Vorhaben" müsse unbedingt gerettet werden. Tykwer hat oberhalb der bereits im Mai 2017 eröffneten Holzmarkt-Cafés, Läden und Ruhezonen am Spreekai sein Büro. Dort wurde beispielsweise die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ entwickelt. Außerdem ist Tykwer im Vorstand der zur Genossenschaft gehörenden "Holzmarkt 25 Stiftung". Diese fördert kreative Initiativen in Berlin.

19 Millionen Euro Schadensersatz

Wegen des fehlenden Baurechts ist die Genossenschaft finanziell ins Schlingern geraten. Vor einer Woche hat sie deshalb das Land Berlin auf 19 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Begründet wird dies mit dem Verlust hoher Planungskosten und des Grundstücks. Letzteres hat die Schweizer Stiftung "Abendrot" 2012 gekauft und dem Holzmarkt in Erbpacht überlassen. Die Abendrot-Stiftung fördert nachhaltig ökologische und gesellschaftliche Vorhaben. Wegen der baurechtlichen Unsicherheit hat sie aber offenbar angekündigt, sich das Areal wieder zurückzuholen.

Um doch noch eine Lösung zu finden, hat die Genossenschaft am Dienstag fast zeitgleich zu Tom Tykwers Vorstoß ein Vermittlungsverfahren gestartet. Drei unabhängige Experten, die Architektin und langjährige Leiterin der Architekturwerkstatt des Senatsbaudirektors, Barbara Hoidn, sowie der Hamburger Clubbetreiber John Schierhorn und Ex-Justizsenator Wolfgang Wieland (Grüne), sollen als "90-Tage-Rat" mit allen Beteiligten „vorbehaltlos Fakten und Interessen betrachten und versuchen, einen Konsens zu erarbeiten“, sagte Mario Husten vom Holzmarkt-Vorstand.

Der ganze Holzmarkt ist in seiner Existenz gefährdet

Und weiter: "Wir haben vor dem drohenden Absturz den Reset-Knopf gedrückt." Es drohe ein Millionenschaden, der gesamte Holzmarkt sei in seiner Existenz gefährdet. Ein "Dickicht aus Gründen" habe zu der Situation geführt, auch die Genossenschaft habe "sicher daran einen Anteil". Deshalb wünsche man sich, dass der 90-Tage-Rat nun eine konstruktive Lösung auslote. Diese solle "so nahe wie möglich an den ursprünglichen Ideen sein" und müsse "von allen Beteiligten akzeptiert werden können" Am runden Tisch werden neben dem Schlichter-Trio auch Vertreter der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag sitzen. Diese streitet sich ebenso wie der Bezirk mit den Holzmarkt-Planern.

Vermittler Wolfgang Wieland sagte am Dienstagabend auf Nachfrage, es gehe nun darum, "die verkantete Situation zu entwirren und die gegenläufigen Interessen wieder zusammenzubringen."

Filmregisseur Tom Tykwer bei der Pressekonferenz der Holzmarkt-Genossenschaft
Filmregisseur Tom Tykwer bei der Pressekonferenz der Holzmarkt-GenossenschaftFoto: Jörg Carstensen/dpa

Wieland würde es begrüßen, wenn die bestehende Planung doch noch umgesetzt wird. Das umstrittene neue Vorhaben sei ein "grünes Traditionsprojekt". Dafür hätten sich schon der frühere Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz und der verstorbene einstige Baustadtrat Hans Panhoff (beide Grüne) engagiert eingesetzt. Mit gutem Grund. Schon das jetzige Holzmarkt-Dorf ist laut Wieland ein "absoluter Hingucker und weltweit beachteter Farbtupfer an der Spree". Es stehe im Gegensatz zu den "anderen, leider zumeist einfallslosen, uniformen Neubauten am Friedrichshainer Ufer".

Der Holzmarkt ist Berlins größtes, international beachtetes urbanes Experiment. Die Idee lässt sich so auf den Punkt bringen: Es sollen Räume für bezahlbares Wohnen und Arbeiten in neuer Dimension gemeinschaftlich geschaffen werden - für die kreative Szene, Start-up-Unternehmen und für vielfältige Begegnungen.

Für das heftig umstrittene neue Projekt auf dem "Eckwert"-Areal sind mehrere futuristische Holzhochhäuser nach Plänen der Berliner Architekturbüros Graft und Kleihues + Kleihues vorgesehen. Im Inneren soll es beispielsweise teils verstellbare Wände geben, sodass je nach Projekt und Wohnbedürfnis Räume verändert werden können.

Baustadtrat nicht erfreut über Vermittlungsverfahren

Streit mit dem jetzigen grünen Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt gibt es aber seit Langem. Dem Vernehmen nach wegen angeblicher Mängel in eingereichten Bauunterlagen sowie um die Belegung der vorgesehenen Wohnungen. Schmidt pocht auf Recht und Gesetz und hat offenbar den Eindruck, für die Genossenschaft würden zu viele Ausnahmen gelten. Er war am Dienstagnachmittag nicht erreichbar. In der rbb-Abendschau zeigte er sich überrascht von dem in Gang gesetzten Vermittlungsverfahren, er rügte, es könne nicht sein, dass die Mitglieder eines Vermittlergremiums einseitig nur von einer der streitenden Parteien festgelegt würden.

Mario Husten vom Holzmarkt-Vorstand wiederum pocht auf den städtebaulichen Vertrag, den die Genossenschaft mit dem Land Berlin und dem Bezirk abgeschlossen habe. Dieser sehe ein Planungsrecht für das inzwischen strittige Baukonzept vor. Erst auf der Basis dieser Sicherheit habe man sich verschuldet, um die Planungen zu bezahlen

Aus Sicht von Regisseur Tom Tykwer sind die Holzmarkt-Vorzeigeprojekte "für eine alternative, gemeinschaftliche Stadtentwicklung und neuartige Wohn- und Lebenskultur einzigartig". Tykwer: „Es ist ein Riesenglück, dass dieses Areal nicht in die Hände von Spekulanten gefallen ist. Es kann doch nicht sein, dass so etwas Tolles nun an einem sturen Streit scheitert." Er komme ja viel herum, sagt Tykwer, "aber derart gelungene Projekte sind mir noch nirgendwo begegnet."

Mein Friedrichshain
Spuren von Zerstörung und Teilung der Stadt waren 1993 noch Gegenwart an der Oberbaumbrücke. Zwei Jahre später fuhr die U-Bahn wieder über die restaurierte Brücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. - Foto: Gerd Danigel, ddr-fotograf.de (CC: BY-SA 4.0)Weitere Bilder anzeigen
1 von 100Gerd Danigel
22.11.2018 14:50Spuren von Zerstörung und Teilung der Stadt waren 1993 noch Gegenwart an der Oberbaumbrücke. Zwei Jahre später fuhr die U-Bahn...

Der Berlin-Monitor zeigt Ihre Meinung zu den großen Themen der Hauptstadt. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Mehr Informationen hier.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!