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Das kuriose Phänomen der rückwärts fließenden Spree hat einen ernsten Hintergrund: Berlin kämpft mit massiver Trockenheit. 

© REUTERS / ANNEGRET HILSE

Tagesspiegel Plus

Berlin kämpft mit massiver Trockenheit: Wenn selbst die Spree rückwärts fließt – Senat droht Verbrauchern mit Wassersperre

Die Landesregierung arbeitet an Strategien angesichts einer drohenden Wasserkrise. In Extremzeiten könnte es zur Reglementierung einzelner Nutzer kommen.

Gegen den Strom zu schwimmen, gehört in Berlin fast schon dazu – sogar die Spree fließt wegen Trockenheit rückwärts. Wie oft das passiert, hat nun die Senatsumweltverwaltung ermittelt: Von Anfang 2010 bis Ende 2019 ging es an 211 Tagen für das Flusswasser in die Falsche Richtung und somit durchschnittlich 21 Mal im Jahr, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage des Abgeordneten Benedikt Lux (Grüne). Zunächst hatte der Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint berichtet.

Die Werte beziehen sich nicht auf die gesamte, in viele Staustufen unterteilte Spree. Rückwärts geht es für den Fluss auf Höhe des Spreetunnels in Köpenick. Dort komme es teils zu „deutlichen Rückströmungen“ zum Müggelsee, schreibt die Verwaltung. In die falsche Richtung fließt das Wasser jedoch zuweilen auch im Griebnitzseekanal und im Teltowkanal.

Ursache für das Phänomen ist demnach, dass zu wenig Wasser zufließt und zugleich auf den weiter flussaufwärts gelegenen Seeflächen schneller verdunstet. Zudem spielt eine Rolle, an welchen Punkten der Spree viel Flüssigkeit entnommen sowie durch Klärwerke wieder eingeleitet wird.

Berlin droht langfristig ein Wasserproblem

Der Senat verweist zudem darauf, dass es sich bei dem Wert nicht um exakte Messungen, sondern modellhafte Berechnungen handelt. „Messtechnisch sind diese Rückströmungen schwierig zu beobachten, da die Fließzeiten extrem niedrig sind und es zu starken innertäglichen Schwankungen mit kurzfristigen, aber deutlichen Rückströmungen kommen kann.“

Das kuriose Phänomen hat einen ernsten Hintergrund: Berlin kämpft mit massiver Trockenheit. In den vergangenen Jahren hat es in der Stadt viel zu wenig geregnet. Langfristig droht Berlin ein Wasserproblem. „Die Zeiten, in denen Berlin viel Grundwasser hatte, sind vorbei. Im schlimmsten Fall droht in einigen Jahren eine Wasserkrise“, sagte Lux. Es müsse mehr für Wasserkreisläufe und das Wassersparen getan werden.

Der Senat arbeitet an Strategien, um das Schlimmste zu verhindern – und droht auch damit, Kunden den Hahn abzudrehen. Zu Extremzeiten könne es zur „Reglementierung einzelner Wassernutzer“ kommen, beschreibt die Umweltverwaltung eine Maßnahme. Um das zu verhindern, sollen zunächst unter anderem alte Wasserwerke reaktiviert werden. „Dafür sind Milliardeninvestitionen der Wasserbetriebe in neue Wasserwerke und in mehr Klärwerke mit der vierten Reinigungsstufe erforderlich“, sagte Lux.

Berlin soll zudem zur Schwammstadt werden, die Regenwasser nicht in den Kanal fließen lässt, sondern speichert, um es später zu nutzen. „Regen, der über Betonwüsten im Gulli versickert oder schnell verdunstet, ist die Wasserverschwendung, die wir uns nicht mehr leisten dürfen“, sagte Lux. Das Wasser müsse stattdessen in lokalen Kreisläufen gehalten werden.

Dazu müssten mehr Flächen entsiegelt, Wälder zu Mischwäldern umgebaut oder Gründächer bepflanzt werden, forderte der umweltpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Auf Druck der Grünen seien dazu mehr als 30 Millionen Euro zusätzlich in den Haushalt eingestellt worden, sagte er. „Wichtig ist, dass wir jetzt in die Umsetzung kommen.“

Hilft das alles nicht, kann auch der Grünen-Politiker sich vorstellen, die Wassernutzung einzuschränken. In einem solchen Szenario „kann es auch sein, dass unnötiger Wasserverbrauch in Spitzenzeiten – etwa mittags zur Grünbewässerung – erheblich teurer oder sogar verboten wird“, sagte Lux. Damit es so weit nicht komme, forderte er alle Berliner auf, Wasser nicht unnötig zu verschwenden und das Wasser sauber zu halten.

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