Berlin-Kreuzberg : Aufkommender Protest gegen Google-Campus

Gegen den geplanten Google-Campus im Umspannwerk Kreuzberg formiert sich Widerstand. Nicht alle Gegner treiben dabei die gleichen Sorgen um.

Das Logo des US-amerikanischen Internet-Giganten.
Das Logo des US-amerikanischen Internet-Giganten.Foto: Britta Pedersen/dpa

Es ist schon eine ganze Weile bekannt, dass er kommen wird, nach den ursprünglichen Plänen hätte er sogar bereits eröffnet werden sollen, doch erst jetzt formiert sich Protest gegen den Google-Campus, der gerade im ehemaligen Umspannwerk in der Ohlauer Straße in Kreuzberg entsteht.

„Google ab nach Adlershof“, skandierten Gegner bei einer kleinen Demonstration unter dem Motto „Google ist kein guter Nachbar“ Mitte Dezember vor dem Umspannwerk. Und es soll weitergehen mit den Protesten. Kommen die nicht zu spät, jetzt, da Google nach einigen Verzögerungen die letzten Baugenehmigungen für sein Projekt bekommen hat und es im August oder September eröffnen will?

Die Sorge: Überwachungsapparat im Herzen Kreuzbergs

Konstantin von der Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez, der nur mit seinem Vornamen genannt werden will und auch auf der Demo sprach, sieht das nicht so. „Vielleicht versteht Google ja am Ende unsere Sorgen doch noch und zieht mit seinem Campus nicht mitten ins Herz von Kreuzberg.“
Die Sorgen des Anti-Google-Bündnisses, das sich um gentrifizierungskritische Initiativen wie „Lause bleibt“, die „GloReiche Nachbarschaft“ und eben Bizim Kiez gebildet hat, sind abstrakt und konkret gleichermaßen. „Die enorme Macht von Google entwickelt sich vor allem durch das Ausbeuten von Daten, dem Eindringen von Technologien zur totalen Kontrolle in all unsere Beziehungen, Taten und Schritte“, so steht es auf einem Flyer, der auf der Anti-Google-Demo verteilt wurde.

Google gilt unter den Kreuzberger Kritikern als Überwachungsapparat, der nun den Bezirk infiltriert. Das klingt manchmal auch ein wenig nach Verschwörungstheorie, etwa wenn einer der Demo-Sprecher sagt: „Es fängt an mit einem Campus und endet damit, dass Google der ganze Reichenberger Kiez gehört und von hier aus Daten erhebt.“

Etwas konkreter ist da schon die Befürchtung mancher Google-Gegner, dass der Campus nur eine der Frontlinien ist, die gerade in Kreuzberg seitens der Tech-Branche gezogen werden. „Es sieht so aus, als würde gerade ganz gezielt versucht, in Kreuzberg Start-ups hochzuziehen“, glaubt der junge Mann und verweist auf das ehemalige Postamt an der Skalitzer Straße, nicht weit entfernt vom geplanten Google-Campus.

Seit Marc Samwer vom Start-up-Konglomerat Rocket Internet das Gebäude vor eineinhalb Jahren gekauft hat, sind auch hier jede Menge kleiner Internetfirmen eingezogen. Der Betreiber des Privatclubs, ein kleiner Szeneladen im alten Postamt, wandte sich kürzlich an die Öffentlichkeit und kritisierte, dass gezielt versucht werde, ihn zu verdrängen.

"Auch ohne Google gäbe es diesen Prozess hier"

Dass Start-ups eine ganze Stadt verändern können, ist ein realistisches Szenario: Man muss nur nach San Francisco und ins Silicon Valley blicken, wo das längst geschehen ist – auch wegen Google. Rudi Hammerl, Kiezbewohner und Stammkunde im Second-Hand-Plattenladen „Heiße Scheiben“, der direkt gegenüber dem Google-Campus liegt, glaubt jedoch: „Auch ohne Google und Start-ups gäbe es diesen Prozess hier, das läuft ja schon eine ganze Weile so.“ Das will Konstantin von Bizim Kiez auch gar nicht abstreiten, er befürchtet nur, dass der Campus den Aufwertungs- und Verdrängungsprozess noch schneller vorantreibt.

Einer, der selbst mal in der Netzbranche gearbeitet hat, derzeit aber wegen eines Burn-outs, wie er sagt, keinen Job hat, ist Sergey Schmidt. Der Franzose lebt seit zwei Jahren in Berlin und heißt eigentlich anders, möchte aber nur anonym mit dem Tagesspiegel sprechen. Gentrifizierung spielt für ihn bei der Debatte um den Google-Campus eine untergeordnete Rolle – er gehört zu denen, die Google als US-amerikanischen Megakonzern fürchten und dem Unternehmen den Kampf angesagt haben.

Er hat auch die Webseite „Fuck Off Google“ eingerichtet, die sich an die Kritiker des Kreuzberger Projekts wendet – und sich übrigens problemlos googeln lässt. Sergey Schmidts Ablehnung gegenüber Google ist ziemlich grundsätzlich. Das Unternehmen sei „das Böse schlechthin“.
Bei Bizim Kiez ist man sich laut Aktivist Konstantin nicht sicher, wie man sich gegenüber solchen Hardlinern verhalten soll. Doch so viel ist klar: Bei der Demo vor dem Umspannwerk, auf der Sergey Schmidt sein prägnantes „Fuck Off Google“ anstimmte, war der Slogan sofort der Renner des Abends.

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