Berlin während des Holocausts : Der Muslim, der eine Jüdin rettete

Der ägyptische Arzt Mohammed Helmy versteckte während des Dritten Reiches eine Jüdin bei sich. Der Autor Ronen Steinke hat die Geschichte in einem Buch festgehalten.

Helmy und Emmy in Berlin.
Helmy und Emmy in Berlin.Foto: Berlin Verlag

Herr Steinke, Sie haben ein Buch über das Leben des Ägypters Mohammed Helmy geschrieben, den es in den 1920ern nach Berlin zog. Wie kam es dazu?

Ich hatte eine kleine Zeitungsmeldung entdeckt, die mich stutzen ließ. Darin wurde über die Ehrung eines Ägypters berichtet, der während der NS-Zeit in Berlin eine Jüdin gerettet hatte. Je mehr ich mich auf Spurensuche begab, desto mehr hat sich mir diese erstaunliche Welt geöffnet. Es gab in den Zwanziger- und Dreißigerjahren ein reiches arabisches Leben in Berlin, gebildet, fortschrittlich, in weiten Teilen alles andere als judenfeindlich. Das ist heute kaum bekannt.

Warum war Berlin damals so beliebt unter Arabern?

Wer zum Studieren nach Europa wollte, der ging nicht nach Paris oder London. Das waren die Hauptstädte der Kolonialisten, die arabische Länder unterjochten. Berlin hingegen galt als araber- freundlich. Die Stadt schillerte als Ort der Kultur und Wissenschaft. Und Deutschland tat viel dafür, Araber anzulocken. Man spendierte Stipendien. Man warb richtig darum, dass Söhne reicher Familien aus Kairo, Damaskus oder Marrakesch, also die zukünftige Elite ihrer Länder, für ein paar Jahre nach Deutschland kommen.

Der gewöhnliche Berliner schien in den Arabern hingegen nicht viel mehr als exotische Tiere zu erkennen, schreiben Sie. Wie gestaltete sich das Leben für einen muslimischen Araber damals in der deutschen Hauptstadt?

Der Rassismus kam oft im Gewand eines verklärenden Orientalismus daher. Prinzen aus dem Morgenland. Mystik des Orients. Die Klischees zeigten sich auch in Schlagern, die damals populär waren. Araber wurden in den sogenannten Völkerschauen im Zoo ausgestellt.

Dabei waren die realen Araber in Deutschland bürgerlich und hochgebildet, wie Sie schreiben.

Ja, und sie verstanden es, gut zu leben: Die ersten Kinos in der Stadt wurden von einem ägyptischen Geschäftsmann gegründet, viele Jazz-Klubs rund um den Ku'damm hatten arabische Betreiber, die Carlton-Bar in der Rankestraße etwa, die Ciro-Bar, in der jüdische Swing-Musiker auftraten, oder das Sherbini, das mit Kitsch von Kleopatra bis König Faruk geschmückt und silbern getäfelt war.

Endete das, als die Nazis an die Macht kamen?

Interessanterweise nicht. Natürlich blickten die Nazis rassistisch herab auf Araber. Andererseits hatten sie ein strategisches Interesse daran, die muslimische Welt auf ihre Seite zu ziehen. Man hoffte auf ein Bündnis gegen gemeinsame Feinde – Briten, Franzosen und Juden. Also strengten sich die NS-Rassenideologen an, bis sie einen Weg gefunden hatten, zu Arabern freundlich zu sein. Man definierte sie, die zuvor als „Semiten“ gegolten hatten, zu einem edlen, den Europäern artverwandten Volk um. Das heißt, die Nürnberger Rassegesetze betrafen Araber nicht. Araber wurden nicht deportiert, sondern weiter hofiert.

Manchmal scheint es, als hätten sich die Nazis geradezu obsessiv zum Islam hingezogen gefühlt.

Der Eindruck täuscht, meine ich. Es sind zwar einige schräge Zitate überliefert von mächtigen Nazis wie Himmler und Hitler, die ganz schwärmerisch vom Islam sprachen. Sie schwadronierten, der Islam sei „mannhafter“ als das Christentum und deshalb dem Nationalsozialismus näher. Hitler hat sich am Ende sogar zu der These verstiegen, es hätte den Deutschen gutgetan, wenn das Abendland im Mittelalter komplett islamisiert worden wäre. Muslimische Germanen, so Hitlers Fantasie, wären als Krieger unschlagbar gewesen. Bizarr. Aber das alles ist Propaganda-Rhetorik gewesen. Natürlich hatten die Nazis keinen Respekt vor dieser Kultur. Sie haben nach Kräften versucht, der muslimischen Welt Honig um den Bart zu schmieren.

Mohammed Helmy nahm in Berlin ein 17-jähriges jüdisches Mädchen bei sich auf, Anna Boros, und rettete sie vor der Deportation ins KZ. Wie kam es zum Kontakt?

Helmy arbeitete als Arzt und hatte viele jüdische Patienten. Es gab eine große Vertrautheit zwischen der jüdischen und der muslimischen, so weltläufigen Minderheit. Und eine dieser jüdischen Familien, die Helmy behandelte, wandte sich 1941 verzweifelt an ihn. Das war die Familie des Mädchens Anna. Der ägyptische Arzt genoss beim NS-Regime gewisse Freiheiten – und nun nutzte er diese, um das jüdische Mädchen verschwinden zu lassen. Mit einem optischen Täuschung. Er gab sie als seine Nichte aus. Als Muslimin.

Wie groß war die Gefahr für ihn, entdeckt zu werden?

Er hatte ziemlich oft mit der Gestapo zu tun. Die Männer sind bei ihm in die Praxis hineingestiefelt, haben misstrauisch Fragen gestellt. Und Anna, das jüdische Mädchen, saß dabei direkt vor ihrer Nase – unter falscher Identität. Es gab einige brenzlige Situationen.

Allein unter Deutschen: Der ägyptische Arzt Mohammed Helmy (in der Mitte sitzend).
Allein unter Deutschen: Der ägyptische Arzt Mohammed Helmy (in der Mitte sitzend).

Sie sagen, dass Berliner Juden und Muslime gut miteinander auskamen – was verband sie?

In der Weimarer Zeit hatte es eine große Nähe gegeben. Hier waren zwei schweinefleischfreie Minderheiten. Beide wurden ausgegrenzt, beide hatten ein Bildungsideal. Die muslimische Minderheit war freilich mikroskopisch im Vergleich zu den deutschen Juden. Aber unter Letzteren gab es eine romantische Sehnsucht nach dem Orient, zum Beispiel spazierte die deutsch-jüdische Lyrikerin Else Lasker-Schüler als arabischer Prinz verkleidet durch die Straßen Berlins, in ihren Gedichten besang sie die Bruderschaft von Juden und Muslimen, „Jussuf und Josef“. Also nahmen Juden die muslimischen Gäste mit offenen Armen auf. Man kann, wenn man möchte, auch die theologischen Gemeinsamkeiten betrachten: Judentum und Islam liegen viel näher beieinander als am Christentum. Vor allem in ihrem Monotheismus, der nicht durch die Vorstellung eines Gottessohns oder einer Dreifaltigkeit verkompliziert wird.

Helmy starb 1982 in Berlin – blieben die beiden in Kontakt miteinander?

Ja, bis an ihr Lebensende. Anna und Helmy haben sich noch jahrzehntelang Briefe geschrieben.

Gibt es ähnliche Fälle wie den von Helmy?

Helmy war nicht allein. Er hatte Hilfe von einem ganzen Netzwerk arabischer Freunde in Berlin, das gefälschte Papiere und Ähnliches organisierte. Und nicht nur das jüdische Mädchen Anna, sondern auch deren Großmutter wurde so gerettet.

Helmy wurde posthum als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Seine Familie wollte die Auszeichnung der Yad-Vashem-Stiftung jedoch nicht entgegennehmen. Warum?

Ich bin zu den Nachfahren Helmys nach Kairo gefahren, genauso wie zu den Nachfahren Annas in New York. Die Familie in Kairo sagt: Sie will die Ehrung nicht annehmen, weil sie aus Israel kommt. Man wolle nicht Teil eines zionistischen Propaganda-Stücks werden. Das ist die bittere Pointe: So nah man sich zu Helmys Zeiten war, so fern sind sich Muslime und Juden heute oft. So sehr überlagert der Nahostkonflikt alle Erinnerung. Umso wichtiger finde ich es, eine wahre Geschichte wie die von Helmy und Anna wieder ins Bewusstsein zu bringen.

Ronen Steinke ist Redakteur und Autor der „Süddeutschen Zeitung“. Sein lesenswertes Buch erzählt einfühlsam die bewegende Geschichte einer jüdisch-muslimischen Freundschaft. „Der Muslim und die Jüdin – Die Geschichte einer Rettung in Berlin“ ist im August 2017 im Berlin Verlag erschienen. Am 20. Oktober liest der Autor im Buchladen am Bayerischen Platz, Grunewaldstr. 59, 10825 Berlin.

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